Rückkehr der Miniatur-Museen

Bitte draußen bleiben!

Ein gigantisch wirkender White Cube – Fläche: ein viertel Quadratmeter. Mehrere Galerien schrumpfen derzeit mit originellen Tricks ihre Ausstellungen und sorgen damit im Internet für Furore. Über Kunsträume, die ihre Besucher zu Außenstehenden machen.
Bitte draußen bleiben!
Bitte draußen bleiben: Die Kunsthalle Marcel Duchamp

In Wolfsburg eröffnete im Februar bereits die Kunsthalle Marcel Duchamp – Ausstellungsfläche: ein Viertel Kubikmeter. Lediglich fünf Gucklöcher geben die Sicht auf die Ausstellung in dem kleinen grauen Kasten frei, für die Werke von Meret Oppenheim bis Joseph Beuys auf Minaturformat  geschrumpft wurden, der Besucher selbst muss draußen bleiben. Eine clevere und unterhaltsame Hommage an Marcel Duchamp, den die Schweizer Künstler Caroline Bachmann und Stefan Banz da erdacht und geschaffen haben – schließlich hat der größte Trickser der Kunstgeschichte ja bereits ab 1935 mit seiner "Schachtel im Koffer" zahlreiche Minatur-Replikas seiner Kunstwerke geschaffen.

Aber nicht nur mit der Kunsthalle Marcel Duchamp  wird das Konzept der Minatur-Ausstellung gerade wieder aus der kunsthistorischen Klamottenkiste geholt, von Off-Betrieb wird das Format derzeit wieder neu entdeckt. Die Kunsthalle Linz etwa verfolgt seit 2013 ebenfalls die Strategie der Verkleinerung. Vom offiziell klingenden Namen angelockt, stehen die interessierten Besucher seither oft sehr überrascht vor einem Würfel mit 40 Zentimetern Kantenlänge, der im öffentlichen Raum aufgestellt und in liebevoller Kleinarbeit mit Minatur-Ausstellungen von meist jungen Künstlern und Künstlerinnen bespielt wird. Das Projekt, mit dem die Betreiber auch auf den Mangel einer "wirklichen" Kunsthalle in der Stadt an der Donau aufmerksam machen wollen, spielt mit genau diesem Bruch  der Erwartungen. So lobt man in den großspurig klingenden Ausschreibungen des Projekts den "perfekten White Cube" und zeigt die Halle auf Fotografien, die gezielt die Größe der Halle verunklaren – ein cleveres und ironisches Spiel, mit der auf den Platz- und Ressourcenmangel für alternative Kulturprojekte aufmerksam gemacht wird. 

Zum Kern des Revivals kommt man allerdings mit dem estnischen Ausstellungsraum Konstanet, einem "1:5 Modell einer Galerie" in Tallinn, deren Betreiber mit geschickt aufgenommenen  Ausstellungsfotografien ihres Modell-Museums seit einiger Zeit im Internet für Furore sorgen. Dass sich viele Besucher der Seite der Täuschung anfangs garnicht bewusst sind, ist auch hier Teil der Strategie – zu Gute kommt den Betreibern der Minaturgalerien dabei natürlich die seit Anbeginn des White Cubes praktizierte Konvention, dass auf Ausstellungsfotografien grundsätzlich keine Menschen abgebildet sind. So wundert man sich zunächst über die raumgreifenden und  scheinbar immens aufwändigen Installationen in den menschenleeren Räumen, die wahren Dimensionen erschließen sich erst bei näherem Hinsehen, auf den zweiten Blick.

»Das Internet ist heute der primäre Ausstellungsort«

"Das Internet ist heute der primäre Ausstellungsraum, nicht mehr die Galerie. Mehr Leute sehen Kunst auf Bildschirmen als in Museen", so heißt es zu dem Thema im Text zu einer der  Ausstellungen, wobei sich die Freude an den unbegrenzen Möglichkeiten aus der Foto-Trickkiste durchaus mit kritischen Untertönen mischt. Denn das Problem dabei ist offensichtlich: Wenn viele Menschen Ausstellungen nur noch besuchen, um sie zu fotografieren, und wenn Fotoplattformen wie Instagram immer mehr zum Ersatz zum Ausstellungsbesuch werden, dann scheint eine Galerie  wie Konstanet sehr zeitgeistig: Nicht nur dass ein Besuch hier gar nicht mehr notwendig ist – er scheint überhaupt nicht mehr erwünscht, bald vielleicht gar nicht mehr möglich.

"Der Galerie-Raum legt den Gedanken nahe, dass Augen und Geist willkommen sind, raumgreifende Körper aber nicht", schreibt Brian O'Doherty bereits 1986 in seinem berühmten  Essay "In der weißen Zelle". Diese treffende Kritik an der künstlich-abgehobenen Atmosphäre des  White Cube scheint nun in den Minatur-Kunsthallen, die den Besucher teils nur durch Gucklöcher  in ihre Ausstellungen lassen, ihre wörtliche Entsprechung gefunden zu haben. Eine konsequente Entwicklung also, die im Zeitalter der Internet-Präsentation vielleicht gerade deshalb zu neuer Aktualität findet. Denn wenn in den Guckkästen-Museen die Kunst endgültig der direkten Erfahrung enthoben wird, ist schließlich auch das ein großer Vorteil dieses Formats: Es ist weit und breit kein Besucher im Saal, der einem ins Foto laufen könnte.