Die Artivisten #1

Zentrum für politische Schönheit

Für Artivisten gehören Kunst und politisches Engagement zusammen. Und während die Politik in Galerien oft außen vor bleibt, erobert eine neue Generation von diesen Kunstaktivisten derzeit den öffentlichen Raum – unserer Reihe stellt sie vor. Heute spricht Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit über deutschen Kleingeist und dystopische Zeitreisen.
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Der "Chefunterhändler" des Zentrums für Politische Schönheit: Philosoph und Aktionskünstler Philipp Ruch vorm Reichstagsgebäude.

Das Berliner "Zentrum für politische Schönheit" zählt zu den Stars unter den aktuell arbeitenden Artivisten in Deutschland. Den Aktionen der sich als "Denkfabrik" verstehenden Gruppe gelingt es immer wieder mit performanceartigen Aktionen politische Diskussionen in einer breiten Öffentlichkeit anzufachen und zuzuspitzen.

So etwa als das Zentrum 2012 auf Fahndungsplakaten die Eigentümer des deutschen Rüstungskonzerns Kraus-Maffei-Wegmann steckbrieflich suchen ließ. Oder als sie bereits 2014 die "Kindertransporthilfe des Bundes" initiierte und auf einer gefakten Webseite des Familienministeriums – ohne deren Wissen – dazu aufrief 55 000 Flüchtlingskinder aus Syrien in Deutschland aufzunehmen.

Im vergangenen Jahr provozierte die selbst ernannte "Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit" mit ihrer Aktion "Erster Europäischer Mauerfall", die mit dem Abtransport von 14 Berliner Mauerkreuzen hin zu europäischen Grenzanlagen am Mittelmeer auf das Schicksal von inzwischen über 30 000 dort ertrunkenen Flüchtlingen hinwies. Außerdem brachte die Gruppe in Dortmund  ihr erstes Theaterstück auf die Bühne und einer ihrer Mitglieder, Philipp Ruch, veröffentlichte ein politisches Manifest: "Wenn nicht wir, wer dann?"

art: Das Zentrum für politische Schönheit ist inzwischen außerhalb des Kunstbetriebs richtig bekannt und auch anerkannt. Innerhalb der Kunstwelt, so scheint mir, bleibt es sehr umstritten. Wie erklären Sie sich das?

Philipp Ruch: Wir erleben da einige Merkwürdigkeiten, die schlicht Verwunderung über den Zustand des professionellen Kunstbetriebs auslösen. Wir werden da schnell in Ästhetik- und Rezeptionsdebatten reingezogen und vereinnahmt. Wenn unsere Vertreter auf Podiumsdiskussionen dann erklären: "Es geht uns um Inhalte!", herrscht ein betretenes Schweigen. Dieses Schweigen bereitet mir persönlich große Sorgen. Wo hat sich der Kunstbetrieb hin manövriert, dass er solche Erklärungen nötig hat? Wohin sind die Künstler verschwunden, die nicht selbstreferenziell oder "postmodern" arbeiten? Da gibt es lauter Sackgassen. Wir fahren da gar nicht erst rein. Wir bleiben in der wichtigsten und schönsten aller Kunstsparten: dem Theater.

Bloß keine Galerie!:Gespräch über schöne Politik und tote Galerien
Gespräch mit Philipp Ruch über den "Ersten Europäischen Mauerfall", über schöne Politik und tote Galerienkunst. Sein überraschendes Bekenntnis: "Wir haben gar keine politischen Ziele."

Ja, im Schauspiel Dortmund wurde zuletzt das Theaterstück "2099" uraufgeführt. Worum geht es Ihnen da?

In "2099" treten vier Menschen vom Ende des 21. Jahrhunderts auf eine Bühne und vor diesen Zeitreisenden sitzen die Verantwortlichen für all das, was sie erlebt und erlitten haben. Dazu muss man wissen: im 21. Jahrhundert gibt es fünf Holocausts. Die Frage war nie, ob der Holocaust etwas Singuläres war, die Frage ist, ob er etwas Singuläres bleiben wird. Und da bin ich pessimistisch. "2099" liefert eine großhistorische Verortung der Gegenwart. Es geht darum, historisches Denken und Fühlen möglich zu machen, das, was wir die "Retrospektivierung der Gegenwart" nennen. "2099" ist eigentlich ein einziges Memento Mori, an dem alles Unwichtige und Irrelevante zerbricht.

Können Sie bitte ein wenig konkreter, inhaltlicher werden?

Es geht darum, dass man als Zuschauer mit den Konsequenzen seines Tuns oder Nichttuns konfrontiert wird. Edmund Burke war der Überzeugung, dass "Gesellschaft" aus den Lebenden, den Toten und denen, die noch geboren werden, besteht. Letztere haben wir auf die Bühne geholt. Es geht letztlich um einen Materialfehler der menschlichen Vorstellungskräfte, den Alexander Kluge an einer jungen Mutter im Bombenkeller von Halberstadt aus dem Jahre 1944 "entdeckt" hat. Kluge stieß dabei auf ein prometheisches Gefälle zwischen Organisations- und Bewusstseinsfrage. Er sagt: "Sie hätte vielleicht Mittel gehabt im Jahr 1928, wenn sie sich da noch, vor einer Entwicklung, die dann auf Papen, Schleicher und Hitler zuläuft, mit andern organisiert hätte. Also die Organisationsfrage liegt 1928 und das dazu gehörige Bewusstsein liegt 1944. Die junge Frau hätte im Jahre 1919 den Kampf gegen Hitler organisieren müssen. Aber die Bedeutsam- und Dringlichkeit dieser Organisation, das große "Warum sie 1919 handeln muss!", wird ihr erst 1944 bewusst – zu spät, um sich vor den Bombenangriffen der Alliierten noch zu schützen. Die amerikanischen Bombenpiloten ziehen für sie unerreichbar am Himmel über Deutschland entlang.

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Dass das Zentrum jetzt Theater macht, bedeutet aber hoffentlich nicht, dass die Aktionen im Öffentlichen Raum aufhören?

Doch, doch. Das Zentrum kommt jetzt in der Subventionshochburg Theater zur Ruhe. Die Bundesregierung kann aufatmen: Sie haben das Schlimmste überstanden, der Unruhestand hat ein Ende!

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Dafür haben Sie gerade ein Buch geschrieben. Wovon handelt es?

Es geht mir um das, was uns als Menschen schöner macht: das Streben nach Humanität. Das Buch kritisiert zuvorderst die Methode, dem Menschen und seinen Aussagen keinen Glauben zu schenken und der Erklärungskraft von Statistiken, wirtschaftlichen Zwängen und niederen Instinkten zu vertrauen. Mir geht es genau darum, dem Menschen nicht ständig die niedrigsten Beweggründe zu unterstellen (Egoismus, Narzissmus, Geltungsdrang), sondern Humanität als eigenständigen Wert anzuerkennen. Das ist Kritik an den gängigen Theorien: dass sie den Menschen erniedrigen, dass sie sein Potenzial negieren, sich freizurobben – zu den Gipfelleistungen. Es ist bezeichnend, dass ein Sigmund Freud an keiner Stelle seines Werks den Trieb nach Humanität, Mitmenschlichkeit oder Mitgefühl als wirkmächtigen Faktor in unserem seelischen Geschehen ansieht.

Und warum sind dann viele Kritiker so böse?

Der deutsche Kleingeist ist offenbar eine größere Macht als befürchtet. Die Rezensionen scheinen viel mehr mit den Rezensenten als mit dem Rezensierten zu schaffen zu haben. Wenn der Kunstprofessor Wolfgang Ullrich sich als Ideengeschichtler empfiehlt, obwohl er Kunsthistoriker ist – und das Buch aber absolut gar nichts mit Kunst zu tun hat, wird es natürlich schwierig. Zum Beispiel kritisiert er, dass in dem Buch das Wort "Abendland" vorkommt und Gaslaternen als Symbol für den Fortschritt benutzt werden. Er hat offenbar nie Max Webers "Entzauberung der Welt" zur Kenntnis genommen. Das Buch erweist vielen Ideen etwas subtiler Reverenzen. Das muss aber jemandem entgehen, der sich Ideengeschichte zwar zutraut, auf dem Gebiet dann aber gerade mal Carl Schmitt kennt.

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