Kunstgeschichte und soziale Medien

Digital ist anders

Flauschige Katzenbilder, derbe Obszönitäten und Internetmeme – wie die sozialen Medien den kunsthistorischen Kanon aufwirbeln. Beobachtungen aus dem Netz von Annekathrin Kohout.

Am 23. Oktober 2015 schickte der Kunstkritiker Jerry Saltz ein Gemälde des österreichischen Katzenmalers Carl Kahler in seine sozialen Netzwerke. "My Wife’s Lovers" von 1891 erfreute sich dort sofort großer Beliebtheit: Auf Facebook erhielt es über 2000 Likes und wurde fast 900 Mal geteilt. Das ist einerseits dem Motiv selbst geschuldet – kaum etwas verbucht im Internet mehr Zuspruch als sogenannter "Cat Content" – andererseits seiner Absurdität. Denn auf dem Bild befindet sich nicht nur eine Katze oder zwei, sondern gleich fünfzig prachtvolle Zuchtexemplare, von denen eine in der Mitte stehende den Betrachter des Bildes auf befremdliche Weise in die Augen sieht. Kein Wunder, dass man dem Gemälde plötzlich überall im Netz begegnete.

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Über 2000 Likes: Posting von Kunstkritiker Jerry Saltz

Womöglich hatte Saltz das Bild auf der Webseite des Auktionshauses Sotheby’s gefunden, denn dort sollte es zehn Tage später bei einer Auktion von europäischer Kunst des 19. Jahrhunderts versteigert werden. Mit einem Schätzwert von 200.000-300.000 US-Dollar und einer rührenden Geschichte über die damalige Auftraggeberin des Gemäldes und Halterin von 350 Katzen, Mrs. Johnson, kündigte das Auktionshaus Kahlers großformatiges Bild an. 2002 war das Bild beim Bostoner Auktionshaus Skinner's innerhalb einer ausschließlich Katzen gewidmeten Themenauktion unverkauft geblieben. Während bei Sotheby’s die meisten anderen Gemälde der Auktion ihren Schätzwert nur geringfügig überschritten, wurde für "My Wife’s Lovers" dreimal so viel bezahlt wie erwartet: nämlich 826.000 US-Dollar. Ein Zufall?

Im Netz offenbart sich die Kunst als Kuriositätenkabinett

In den sozialen Netzwerken ist Saltz bekannt für seinen sehr speziellen Kunstgeschmack, darunter vor allem obszöne Absurditäten aus den Tiefen der Kunstgeschichte: Orgien in Klöstern, Sex mit Tieren (wahlweise auch mit Drachen) oder Frauen, die ihre Vaginas in einem Spiegel betrachten. Viele solcher Bilder galten zu früheren Zeit als pervers, krank oder zumindest als unmoralisch und sind deshalb auch nie in den kunsthistorischen Kanon, geschweige denn in die Museen gelangt. Höchstens in themenspezifischen Ausstellungen und Büchern kamen sie ans Licht der Öffentlichkeit.

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Das Netz liebt sie: Detailaufnahmen von Hieronymus Bosch

Durch die Bildwelt des Internets, die auf Grund der anfänglichen Anonymität von Beginn an stark durch Subkulturen, Pornografisches und Fetischistisches geprägt war, hat man sich an solche Extreme gewöhnt. Ja, sie sind dort regelrecht gesellschaftsfähig geworden. Was einst konsequent vom Kanon ausgeschlossen wurde, steht nun in seiner bloßen Sichtbarkeit wieder zur Disposition. Bilder, die über Jahrhunderte im Verborgenen lagen, werden nicht mehr diffamiert, sondern zur Schau gestellt.

Doch nicht nur das. Vielerorts erweisen sich die in Vergessenheit geratene Werke als Fundstücke der besonderen Art, übertreffen sie doch häufig die konkurrierenden Bilder aus der Gegenwart an ungeschönter Obszönität und Skurrilität. So erfreuen sich beispielsweise Detailaufnahmen der Werke von Hieronymus Bosch besonderer Beliebtheit. Sie sind ein regelrechter Fundus für allerlei Absurdes. Die Kunstgeschichte offenbart sich im Internet als Kuriositätenkabinett.

Die Rückkehr des Banalen

Neben Pornografischem findet auch alles, was schön, süß und banal ist, Anklang in der Netzkultur. Und auch hier ist die Kunstgeschichte eine große Fundgrube, in der man sich zum Beispiel gerne der Salonmalerei des 19. Jahrhunderts bedient. Viele dieser Bilder waren jahrzehntelang gänzlich aus der Öffentlichkeit verschwunden. Zu dekorativ und gefällig waren sie für die Avantgardisten der Moderne. Zu pompös und trivial für die Bohème ihrer Zeit. Plötzlich wecken sie in ihrer Sinnlichkeit und Verspieltheit aber neues Interesse. Auf Pinterest und Tumblr erfreuen sich beispielsweise Werke von John William Godward und dessen Förderer Lawrence Alma-Tadema besonderer Popularität. Auf den Gemälden der beiden britischen Maler des Neoklassizismus sieht man liebliche Frauen in farbigen und transparenten Gewändern, allenthalben gibt es Blumen, Teppiche, hellsten Marmor und niedliche Kätzchen.

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John William Godward: "Mädchen in gelbem Stoff", 1901

In die jeweiligen Kontexte gelangen die Bilder zum Beispiel durch Blogger. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Tumblr Visual Ekstatis, auf dem Werke der Kunstgeschichte mit zeitgenössischen Fotografien kombiniert werden. Erst zwischen den Bildern entsteht ein ganz spezifisches Bild von einer Frau, die zwar sinnlich-schön ist, aber eben auch selbstbewusst-emanzipiert.

Das Internet als Ort der Rehabilitierung

Während Visual Ekstasis viele seiner Kunstwerke von dem Tumblr Woman in Art History bezieht, bedient sich Kritiker Jerry Saltz regelmäßig bei dem Instagram-Account cold__meat. Bei Ersterem werden sämtliche Kunstwerke gesammelt, auf denen Frauen abgebildet sind, bei Letzterem bekommt man Pornografisches aus allen Zeiten und Genres zu sehen. Es gibt zahlreiche solcher Sammlungen auf Blogs, Tumblr, Instagram oder Pinterest und zu allem, was nur denkbar ist: auch zu unbekannteren Künstlern und Kunstwerken. Solche Sammlungen sind wie Dienstleister für jene, die auf ihren Seiten bewusst kuratieren.

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Screenshot vom Tumblr Visual Ekstasis. Links ein Foto von Berta Pfirsisch, 2015, rechts daneben John Everett Millaiss "Caller Herrin'", um 1880

Ein solcher Blog ist auch Sulphoriclike. Dort werden die Werke der Kunstgeschichte aus nahezu allen Zeiten miteinander in Beziehung gesetzt, viele davon sind völlig unbekannt. Manchmal sind es formale, manchmal inhaltliche Bezüge, die das Gefühl vermitteln, dass alle Bilder etwas miteinander zu tun haben. Nicht nur weil sie gleichberechtigt nebeneinander stehen, vielmehr weil sie in ihrer Summe etwas bilden, das der Kunstwissenschaftler Felix Thürlemann ein Hyperimage nennt, eine neue Bild- und Bedeutungseinheit die erst aus der bewussten Zusammenstellung vieler Einzelbildern entsteht. So ein Hyperimage kann jedoch nur entstehen, wenn einzelne Bilder keinen Werkanspruch mehr stellen, sondern sich problemlos in eine Summe von Bildern integrieren lassen. Und genau das fällt vor allem mit vergessenen oder unbekannten Werken leicht, die noch keine motivunabhängige Bedeutung besitzen.

Bloß keine Werke mehr!

Während Bilder, die früher als banal und kitschig galten, plötzlich auch politische Dimensionen annehmen können und Salonmalereien zu feministischen Statements avancieren, werden bis dato als Meisterwerke gefeierte Bilder durch Meme und Mash-Ups zu Trash-Produkten degradiert. Hier verhält es sich umgekehrt: Was als Einzelbild einen starken Werkcharakter besitzt, dessen Bedeutung so klar wie unerschütterlich zu sein scheint, wird diesem Status enthoben, indem es variiert und notfalls parodiert wird. Daher sind gerade die Bilder des klassischen kunstgeschichtlichen Kanons, wie "Der Schrei" von Edvard Munch oder die "Mona Lisa" von Leonardo Da Vinci, anfällig für Variationen.

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Gar nicht begeistert von seiner neuen Rolle als Meme: Edvards Munchs "Der Schrei"

Nun könnte man meinen, was im Netz passiere, bliebe auch dort. Doch weit gefehlt. Nicht nur dass Bilder, die im Netz kursieren, plötzlich dreifache Auktionseinträge erzielen. Oder dass Leonardo DiCaprio ein Kunstwerk kauft, das er zuvor auf Instagram entdeckt hat. Auch Museen bekunden immer größeres Interesse an dem, was in den sozialen Medien passiert. Ausstellungen werden immer aktueller und thematisieren zusehend die Popularität von Bildgenres des Internets, wie beispielsweise den Selfies. In der Vermittlung ruft man zum Teil aktiv – sei es durch sogenannte Instawalks, TweetUps oder den simplen Hashtag #museumselfie – zur Wiederbelebung von Kunstwerken auf, die sonst nur wenig Beachtung finden und in der Erinnerung hinter den bis dato berühmten Meisterwerken verblassen. Das wird auf Dauer nicht ohne Konsequenzen bleiben. Denn bisher wurde die wesentliche Frage des Museum – was gehört in den Kanon der Kunst und muss deshalb geschützt und erhalten werden? – weitgehend unabhänig von aktuellen Tendenzen und Diskursen beantwortet. Deshalb ist es auch folgerichtig, dass die Museen ihre Funktionen und Zielstellungen verändern. Schließlich mutet es vor dem Hintergrund des Umgangs mit Kunstwerken in den sozialen Netzwerken immer befremdlicher an, von dem Kanon zu sprechen. Viel wahrscheinlicher ist doch, dass dieser auf Dauer von kleineren Popularitätswellen dominiert wird und seinen einstigen Stellenwert verliert.