Caspar David Friedrich in Berlin

Freie Sicht auf den Mönch

Ein spektakuläres Restaurierungsprojekt an der Alten Nationalgalerie in Berlin hat Caspar David Friedrichs berühmtestes Bilderpaar verjüngt. Der "Mönch am Meer" und die "Abtei im Eichwald" erstrahlen nun in neuem Glanz.
Freie Sicht auf den Mönch

Caspar David Friedrich: "Mönch am Meer", 1808/10, Öl auf Leinwand, 110 x 172 cm, Endzustand nach Restaurierung

Das Wetter an der Ostsee ist deutlich besser geworden. Noch immer steht die mächtige Wolkenbank über dem Horizont, doch wirkt sie nicht mehr so drohend gewittrig wie früher, scheint sich allmählich zu verziehen. Über ihr zeigt sich deutlicher ein hoffnungsvoll lichtes Himmelsblau, das der einst gelbliche Strand im Vordergrund nun reflektiert. Wenn man Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer" (1808/10), das bedeutendste Werk des berühmtesten deutschen Romantikers, nach rund zweijähriger Restaurierung wiedersieht, ist es, als hätte man sich die Augen gewaschen.

Deswegen muss nicht gleich die Kunstgeschichte neu geschrieben werden – unverändert bleibt die beispiellos kühne, fast abstrakte Aufteilung der Bildfläche in Strand, Meer und Himmel, die metaphysische Einsamkeit des winzigen Menschen. Aber ohne den Schmutz der Zeiten, befreit von vier vergilbten Firnisschichten und verfälschenden Spuren früherer Reparaturen wirkt diese Initialzündung der romantischen Landschaftsmalerei ungewohnt gegenwärtig. Nebenbei fügt sich die aufgefrischte Farbigkeit weit schlüssiger als die getrübte in die großartige Friedrich-Sammlung der Berliner Alten Nationalgalerie ein. Dort hängt der Mönch nun wieder, zusammen mit einer Dokumentation der vorgenommenen Arbeiten und der als Pendant gemalten "Abtei im Eichwald" (1809/10).

Freie Sicht auf den Mönch

Bei der hat die Restaurierung die Stimmung noch auffälliger verwandelt. Ließ bislang gelblicher Dunst an moderne Luftverschmutzung denken, hat sich die Atmosphäre jetzt geklärt. Der blass grauviolette Himmel muss ursprünglich sogar deutlich blauer gewesen sein, aber das Pigment aus gemahlenem Kobaltglas, Smalte genannt, hat hier im Laufe der Zeit seine Farbe verloren.

Katastrophale Fehler bei vorherigen Restaurierungen

Gegen solche Prozesse sind auch Kristina Mösl, Chefrestauratorin der Nationalgalerie, und ihre Mitarbeiter machtlos. Ebenso wenig können sie ungeschehen machen, was im Laufe von zwei Jahrhunderten diesen beiden Bildern so alles zugestoßen ist. 1810 vom preußischen König aus der Akademieausstellung herausgekauft, wurden "Mönch" und "Abtei" in seinen Sammlungen lange wenig geschätzt, mehrfach von Schloss zu Schloss verfrachtet. Den schwersten Schaden an Friedrichs dünnen Farbschichten haben laut Mösl aber zwei durchgreifende Restaurierungen im 20. Jahrhundert angerichtet.
Während sich schlecht ausgeführte oder unvorteilhaft gealterte Retuschen und Kittungen jetzt erneuern ließen, blieb ein anderer Eingriff unumkehrbar: 1906 wurden zur Vorbereitung der großen Berliner "Jahrhundertausstellung" die Leinwände doubliert, also durch eine zweite Stoffschicht verstärkt. Die wurde mit einem Wachs-Harz-Gemisch aufgebügelt, wobei das heiße Eisen gerade in zentralen Partien des Mönchs am Meer deutliche Spuren hinterlassen hat. Dass der Deckel einer Transportkiste 1985 ein Loch in den Himmel riss, war da vergleichsweise leicht zu beheben. Spätestens seit der deutschen Wiedervereinigung und der Neuordnung der Berliner Museen war eine grundlegende Restaurierung der beiden Schlüsselwerke ein dringender Wunsch; erst 2013 konnte sie mit Mitteln der Alfried-Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung beginnen.

Freie Sicht auf den Mönch

Nach den vorbereitenden Untersuchungen waren die Fachleute trotz allem angenehm überrascht vom Zustand der Bilder. Einerseits hatte man noch weit Schlimmeres befürchtet, und andererseits erwies sich zumindest die Abtei im Eichwald, wo sich größere Schäden auf Randpartien beschränken, als erfreulich intakt. Hier hat die Reinigung viele Details sowie die räumlichen Verhältnisse besser erkennbar gemacht. Zwar liegt der untere Bereich, hinter dem der drückende Bodennebel hängt, noch immer in schwer durchdringbarer Dunkelheit, doch lässt sich zumindest ahnen, dass zwischen dem Portal, durch das Mönche einen Sarg tragen, und der hohen Fensterwand Pfeilerstümpfe ein tiefes Langhaus markieren und dass die rechte große Eiche viel weiter vorn steht als die übrigen Bäume – aus einer Art Scherenschnitt ist eine plastische Landschaft geworden.

Freie Sicht auf den Mönch

Mönch und Abtei – aus dem selben Stoff

Zwei Jahre hat Friedrich an diesen Bildern gemalt, die offenkundig von vornherein als Paar gedacht waren – beide Leinwände, so weiß man nun, stammen aus derselben Stoffbahn. Vor allem beim Mönch hat er die Komposition in dieser Zeit durchgreifend verändert. Ein Querschnitt der Farbschichten bestätigt den Bericht eines Besuchers, der das Bild in Friedrichs Atelier noch als Nachtstück mit Mondsichel und Morgenstern gesehen hatte: Unter dem Himmel liegt eine zweite, weit dunklere Lage Blau. Wichtiger noch war Friedrichs Entschluss, zwei große, schräg im Wind liegende Schiffe wegzulassen, die in der detaillierten Unterzeichnung angelegt sind und den Mönch zur Nebenfigur degradiert hätten. Möglich, dass die vielen leichthändig auf die oberste Farbschicht gesetzten Möwen, die offenbar unabhängig von der Windrichtung aus allen Richtungen heranflattern, die Segler als Bindeglied zwischen Land, Luft und Meer ersetzen sollten.
Was man bislang für Nebelschwaden am Horizont halten konnte, hatte Friedrich hingegen nie geplant: Es waren Retuschen der zwanziger Jahre, die sich mit der Zeit weißlich verfärbt hatten.

Dieser Artikel stammt aus der Februar-Ausgabe von art - Das Kunstmagazin. Das Heft ist ab sofort am Kiosk und in unserem Online-Shop erhältlich.

Der "Mönch am Meer" und die "Abtei im Eichwald" sind ab sofort wieder in der Alten Nationalgalerie in Berlin zu sehen