Kritikerumfrage zum Kunstjahr 2015

Der große Jahresrückblick

Im Ärger über die Venedig Biennale ist man sich einig. Davon abgesehen erlebten die Kritiker ein sehr unterschiedliches Jahr. In unserer traditionellen Umfrage erklären zehn der führenden Kunstkritiker, welche Entdeckungen sie gemacht haben und welche Ausstellungen und Künstler für sie die wichtigsten des Jahres 2015 sind.
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Ein Rückblick von und mit

  • Hanno Rauterberg, Kulturredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, Hamburg
  • Jörg Heiser, Herausgeber der Zeitschrift Frieze, London und Berlin
  • Niklas Maak, Kunstkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
  • Jerry Saltz, Chefkritiker des New York Magazine
  • Philippe Dagen, Kulturredakteur der Tageszeitung Le Monde, Paris
  • Gesine Borcherdt, Kunstkritikerin bei Die Welt und Blau, Berlin
  • Samuel Herzog, Feuilletonredakteur der Neuen Züricher Zeitung
  • Kolja Reichert, Redakteur der Zeitschrift Spike Art Quarterly, Wien und Berlin
  • Kia Vahland, Kunstkritikerin der Süddeutschen Zeitung, München
  • Tim Sommer, Chefredakteur von art – das Kunstmagazin, Hamburg
     

Welche Ausstellung war die wichtigste des Jahres?


Hanno Rauterberg, Die Zeit: Das war "The Botticelli Renaissance" in Berlin – hier gelang, was solch großkalibrigen Museumsschauen sonst nie gelingt: die Schönheit der Kunst zu feiern und zugleich den Mythos zu entlarven. Diese Ausstellung präsentierte nicht den einen wahren Botticelli. Sie verlangte von den Besuchern, endlich eigene Blicke zu wagen, statt nur abzunicken, was vermeintlich klügere Kunsthistoriker vorgeben. Das Museum wurde zum Ort der Wagnisse und der Zumutung – mehr davon!

Gesine Borcherdt, Die Welt: Ganz klar: "Slip of the Tongue" in der Punta della Dogana in Venedig! Hier zeigte sich im großen Stil, dass auch ohne ausgeklügeltes Konzept, rein atmosphärisch eine fantastische Ausstellung entstehen kann. Die Kombination aus einer Handvoll venezianischer Altmeister mit behutsam ausgewählten Arbeiten von Rodin, Picasso und Manzoni sowie von Lee Lozano, Paul Thek, Nairy Baghramian oder Petrit Halilaj ergab ein sinnlich-morbides, latent bedrohliches Bild, in dem jeder Künstler plötzlich ganz anders aussah als bei einer Solo- oder Gruppenschau im üblichen Kunstbetriebskontext. Und das ganz ohne Wunderkammer-Flair. Vielleicht gelang das nur, weil ein Künstler – nämlich Danh Vo – der Kurator war; die Zusammenstellung war außergewöhnlich intuitiv. Allerdings hätte er die Überfülle seiner eigenen Arbeiten außen vor lassen sollen... Die Pinault Foundation hat so mit einem Handstreich der Biennale die Show gestohlen – selten hängte privates Großgeld so nonchalant einen in desolaten öffentlichen Strukturen und Selbstüberschätzung verhedderten Großkurator ab.

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Ansicht der Ausstellung "Slip of the tongue" im Palazzo Grassi in Venedig mit einer gleichnamigen Arbeit von Nairy Baghramian

Samuel Herzog, NZZ: Die erste Wien-Biennale, weil sie auf kluge Weise über unsere Zukunft nachgedacht hat.

Jörg Heiser, Frieze: Seine Retrospektive vor zwei Jahren im Wiels, in seiner Heimatstadt Brüssel, habe ich noch verpasst: Walter Swennen. Die kleinere, aber sehr klug von Hans-Jürgen Haffner zusammen mit dem Maler kuratierte Ausstellung im Kunstverein Düsseldorf mit Bildern aus über dreißig Jahren glücklicherweise nicht. Die Papier-Arbeiten der frühen Achtziger wirken wie Marcel Broodthaers (den Swennen als junger Mann gut kannte) im Gestus von Walter Dahn – schnelle Sprach-Bild-Witze im großen Format. In den folgenden Jahrzehnten Registerwechsel zwischen melancholischem Kippenberger, spleenigem Jim Shaw und der ironischen Abstraktion einer Amy Sillman. Wie konnte ein Werk von solcher Intelligenz und solchem Humor so lange international unbeachtet bleiben?

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Blick in die laufende Ausstellung zu Walter Swennen in Düsseldorf mit den Arbeiten "Coal box" (1992), "Moulin à café" (1984) und "Untitled (Gangster bleu)" von 1992

Jerry Saltz, New York Magazine: Sehr viel Hoffnung und Druck lastete auf dem New Yorker Whitney Museum, als sie den mutigen Schritt nach Downtown wagten. Viele hatten Angst, dass diese ambitionierte und traditionsreiche Institution ihr Publikum genauso enttäuschen würde wie das MoMA oder das Broad, die in letzter Zeit auch neue Museen bauten und dabei wirklich schlechte Orte für Kunst geschaffen haben. Nicht, dass die Ausstellung zum Auftakt – "America is Hard to See" – so toll gewesen wäre, aber es war großartig die gesamte Geschichte, teilweise zum ersten Mal, an einem so passenden Ort versammelt zu sehen. Der Punkt ist: Es macht gar nichts, dass das neue Whitney von Außen nichts Besonderes darstellt und eher wie das Gebäude einer Pharmafirma wirkt. Das Whitney beweist damit, dass für Museumsarchitektur nichts Anderes zählt, als ein großartiger Innenraum für Kunst – genau das, was so viele andere Institutionen in den letzten fünfzehn Jahren falsch gemacht haben. Exakt diese Spaltung zwischen gutem Inneren und mittelmäßigem Äußeren könnte für andere Museen wegweisend sein: Macht den Raum für die Kunst richtig – der Rest kommt von ganz alleine.
Und für den Fall, dass jemand diese viel zu lange Antwort tatsächlich noch liest: Das neue Whitney zeigt, dass das Problem eigentlich noch viel tiefer liegt. Angesichts dessen, wie furchtbar die meisten neuen Museen der letzten 15 Jahre ausfielen, glaube ich nicht, dass man es den Architekten überlassen sollte, Museen zu designen. Wirklich nicht.

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Blick vom Hudson River auf das neue Whitney Museum in New York

Kia Vahland, SZ: Die Wichtigste vielleicht nicht, aber eine Ausstellung mit sehr starken Bildern waren die Porträts von Francisco de Goya in der National Gallery London. Malerei wurde hier zum leisen Gespräch zwischen Model, Künstler und Publikum.

Tim Sommer, art: Am nachhaltigsten beindruckt hat mich "Die Logik des Regens" von Wolfgang Scheppe, der im Grunde nichts anderes getan hat, als Färbeschablonen für Samurai-Kimonos, die seit 125 Jahren in den Dresdner Depots schlummerten, als lange Reihe in einen Saal das Japanischen Palais’ zu hängen. Das ergab eine Ausstellung von konzentrierter Klarheit und berückender Schönheit, bei der man aus dem Staunen über die Katagami-Wunderwerke nicht herauskam, die das Motiv des Regens in filigransten Papierschnitten immer wieder neu und anders als Rapport-Muster interpretieren. Einfach, fantastisch!

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Ausstellungsansicht von "Logik des Regens" im Japanischen Palais

Philippe Dagen, Le Monde: Die Ausstellung von Ai Weiwei in der Royal Academy in London. Eine brilliante und starke Ausstellung, die auf eindrucksvolle Weise zeigt, dass zeitgenössische Kunst auch schlau und ironisch sein kann. Außerdem gewinnt sie aus der Erfindung neuer Symbole und durch Rückbezüge auf alte Readymades, etwa von Duchamp, wirkliche soziale und politische Bedeutung.

Kolja Reichert, Spike: Es ist vielleicht ein bisschen naheliegend, "Die Bestie und ist der Souverän" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart zu wählen, die schon von der AICA zur Ausstellung des Jahres erklärt wurde. Aber mal abgesehen von der wichtigen politischen Debatte über kuratorische Freiheit in Institutionen, die MACBA-Direktor Bartomeu Marí mit seinem Zensurversuch in der ersten Version der Ausstellung in Barcelona auslöste, ist die Schau in kuratorischer Hinsicht wirklich modellhaft. Darin, wie sie unterschiedlichste Stimmen und Kunstentwürfe zusammen bringt und neue Formen der Zusammenarbeit vorstellt. Noch mehr in ästhetischer Hinsicht fand ich die von Danh Vo kuratierte Ausstellung "Slip of the Tongue" in der Punta della Dogana spannend. Ich denke, es braucht zur Zeit solche Verfahren der Montage und Überblendung unterschiedlichster Positionen, um der Produktion und der Diskussion neue Schärfe zu geben.

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"Die Bestie ist der Souverän" heißt die laufende Ausstellung im Württembergischer Kunstverein Stuttgart

Niklas Maak, FAZ: "Le bord des mondes" im Pariser Palais de Tokyo. Eine Dame, die Steine zu meterhohen Skulpturen aufstapelt, die nach ein paar Minuten wieder zusammenbrechen, Dinge, die aussehen wie Kunst, aber nicht als Kunst gemeint waren – eine solche Ausstellung über die Ränder dessen, was wir Kunstwelt nennen, gab es noch nicht.
 

Welche Ausstellung des Jahres 2015 hat Sie am meisten enttäuscht oder geärgert?


Kia Vahland, SZ: Neben der Venedig Biennale hat mich erstaunt, dass das Fitzwilliam Museum in Cambridge keine Hemmungen hatte, zwei völlig überzeichnete Bronzepanther aus dem 16. Jahrhundert als neu entdeckte Originale Michelangelos auszugeben.

Tim Sommer, art: "The Botticelli-Renaissance" in Berlin: mittelmäßige Belege der an sich interessanten These in redundanter Massierung, noch dazu ist die ganze Ausstellung in der falschen zeitlichen Reihenfolge aufgebaut. Und: Wenn man schon die Hauptwerke aus Florenz nicht ausleihen kann, warum dann nicht gute Reproduktionen zeigen, um klar zu machen, worin das Faszinosum eigentlich besteht, das die "Botticelli Renaissance" im neunzehnten Jahrhundert ausgelöst hat?

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Blick in die Ausstellung "The Botticelli Renaissance" in der Berliner Gemäldegalerie

Jörg Heiser, Frieze: Wirklich geärgert und enttäuscht hat mich eine Ausstellung, die ich im Januar in London gesehen hatte: "Germany. Memories of a Nation" im British Museum. Als "Deutschland. Erinnerungen einer Nation" ist sie jetzt ausgerechnet im Dresdner Residenzschloss zu sehen und wird auch noch raunend als Mahnung gegen Pegida-Umtriebe verkauft. Kuratiert hat sie der damalige Noch-Direktor des British Museums, Neil MacGregor, bevor er im Januar seinen neuen Job als Gründungsleiter des Humboldt-Forum im Berliner Stadtschloss antritt.
MacGregor ist – zurecht – berühmt geworden für seine "Geschichte der Welt in 100 Objekten" (2011). Stellte er damals überraschend ausgewählte Gegenstände in ihren gut recherchierten Kontext, so tat er diesmal das glatte Gegenteil: Er riss erwartbare Gegenstände aus ihrem oberflächlich abgescannten Kontext. Aus Geschichte wurde so tendenziell Geschichtsklitterung. Man spürte das unbedingte Bemühen, den Briten das Herz für die Deutschen zu erwärmen – was ja längst geschehen ist, keiner mehr sieht auf der Insel die Deutschen als sauerkrautfressende Panzerfahrer. Zugleich wollte MacGregor den Deutschen schmeicheln, wie um als Noch-Direktor des British Museum seinem neuen Job in Berlin eine Kusshand vorauszuschicken. Und so wird aus den Naziverbrechen – und auch der so wichtigen Auseinandersetzung darum in der Nachkriegszeit – eine Art bedauerlicher, wacker vergangenheitsbewältigter Nachklang zu deutschen Errungenschaften wie Buchdruck und Dürer, Kuckucksuhr und Käfer, Wurst und Wiedervereinigung. The Blitz? Don’t mention the war... Das Eingangstor von Buchenwald – und schon ist das Thema innerlich abgehakt.
Das monströse Berliner Schloss wirkt sowieso schon wie aus Zentralasien oder dem amerikanischen mittleren Westen ins Herz Berlins verpflanzt. Bleibt zu hoffen, dass der neue Herr des Humboldt-Forums, das dort einziehen wird, bei der geplanten Präsentation der Weltkulturen nicht vollends den Kompass verliert.

Samuel Herzog, NZZ: Die Ausstellung "Arts and Foods" von Germano Celant in Mailand, weil sie einfach nur eine Anhäufung war und die Chance nicht genutzt hat, etwas aus diesem wichtigen Thema herauszuarbeiten.

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Tom Sachs Installation "Nutsy’s McDonald’s" von 2001 in der Mailänder Ausstellung "Arts & Foods"

Philippe Dagen, Le Monde: Die Istanbul Biennale. Interessant war sie bisher, weil man dort unbekannte Künstler aus dem Mittleren Osten und Zentralasien entdecken konnte. Dieses Jahr fand man dort aber nichts Neues, sondern fast nur internationale Positionen aus Berlin, London oder New York. Die Zusammenstellung war überdies zu wenig durchdacht. Es gab zu viele Reden des Chefkurators und zu wenige Antworten auf die Fragen unserer Zeit. Eine nutzlose Show, mit einer Ausnahme: einem poetischen Video von Francis Alys.

Hanno Rauterberg, Die Zeit: Richard Prince bei Gagosian in London. Wie borniert muss man sein? Unter dem Titel "New Portraits" ließ er Instagram-Fotos mehr oder weniger zufällig ausgewählter Menschen vergrößern, auf Leinwand drucken und mit Beitexten versehen, um sie für 90 000 US-Dollar feilzubieten. Alle 37 Bilder waren im Nu verkauft. Mochten Insider darin nur eine weitere Volte des Approriation-Meisters sehen, zeugte die Aktion für den Rest der Menschheit vor allem davon, dass es Künstlern wie Prince mehr um Status und Macht als um ihre Kunst geht. Denn was unterscheidet noch den Profi-Künstler von den vielen neuen Internetkreativen? Ob Meme oder Mash-up, es entwickeln sich gerade viele neue Ausdrucksformen des Visuellen, oft parodistischer Natur, oft unterhaltsam und eingängig. Für Prince aber ist das alles nur Material, bestens geeignet, es sich einzuverleiben – und einmal mehr seine Omnipotenz zu demonstrieren. Er verwandelt lebendige Kultur in ein Produkt und nennt es Kunst – öde und antiquiert.

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Blick in die Ausstellung "New Portraits" von Richard Prince bei Gagosian in London

Kolja Reichert, Spike: Die Venedig Biennale.

Gesine Borcherdt, Die Welt: Der Titel "Fire and Forget" in den Berliner Kunst-Werken klang zumindest interessant: Er bezog sich auf Waffen, die in sicherer Distanz zum Feind ausgelöst werden können. Was macht der körperliche Abstand mit der Psyche? Gibt es noch Hass und Hemmungen, wenn Töten so abstrakt wird? Eigentlich eine Frage der Sozialwissenschaften, aber da Kuratoren und Künstler sich ja gerne dort bedienen, wurde man neugierig. Das Ergebnis war niederschmetternd. Die Ausstellung sah aus wie ein bellizistischer Rummelplatz, mit viel lautem, zusammengepferchtem Gewese: Ein eingesunkener Panzer aus Leder, ein aufgesockelter Mini-Hubschrauber, ein Samurai-Schwert in Duschgelflaschen, ein Egoshooter-Spiel, bei dem man auf Werke von Jeff Koons ballern konnte. Trauriger Höhepunkt: Pipilotti Rists Video "Ever is over all", in dem eine junge Frau lachend Autoscheiben mit einer Blume einschlägt. Schöne, schon vielgesehene Arbeit, aber warum hier? Die Ausstellung wirkte leider beliebig und effektheischend, so dass selbst das stärkste Statement – Julius von Bismarcks lebensgroße, sanft schwankende Polizisten mit heruntergeklapptem Visier – nicht viel ausrichten konnte.

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Vorne "Tank" (2011–13) von He Xiagyu, dahinter "Guns" (2014) von Frank & Robbert

Niklas Maak, FAZ: Die Ausstellung von Anselm Kiefer im Centre Pompidou. Deutschlands erfolgreichster Bedeutungsgruselexport mit noch mehr Wald, Erde, Mythos, Stroh, Bleibücher mit Flügeln – o weh.  

Jerry Saltz, New York Magazine: Es gab keine richtige Enttäuschung, wobei ich sagen muss dass "Forever Now" im MoMA eine gute Gelegenheit verpasst hat, interessante malerische Positionen auszustellen. Stattdessen hat sie nur gezeigt, dass zu viele Künstler den akademischen Standards folgen. Was dabei herauskommt ist Zombie-Formalismus, völlige Abstraktion, Beinahe-Monochrombilder und endlose Varianten von Kunst-über-Kunst, die genau die Kriterien jener Schmalspur-Kunstgeschichte erfüllen, die gerade von so vielen Professoren an teuren Kunstschulen gepriesen wird. Diese Künstler bezeichnen ihr Werk immer noch als "Anti-Markt", obwohl der Kunstmarkt sie geradezu frisst – und zwar bei lebendigen Leib. Im Grunde würde diese ganze Kunst gar nicht existieren, wenn es keinen Markt dafür gäbe. Ich denke sobald die Sammler das Geld abziehen, wird auch diese generische Kunst verschwinden. Und wir können endlich zu neuen Ufern aufbrechen.

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Installationsansicht der Ausstellung "The Forever Now: Contemporary Painting in an Atemporal World" im MoMA

Welcher Künstler ist für Sie die Entdeckung des Jahres 2015?


Gesine Borcherdt, Die Welt: Auf Anicka Yi (geboren 1971 in Seoul geboren, lebt in New York) stieß ich durch Susanne Pfeffer, die im Frühjahr eine Arbeit von ihr bei der Gruppenschau "Inhuman" im Kasseler Fridericianum zeigte. Im Sommer sah ich dann eine Einzelschau in der Kunsthalle Basel – und war beeindruckt. Yi  hat dort eine völlig bizarre, überirdisch anmutende Welt aus Materialien aufgebaut, die ich so in der Kunst noch nicht angetroffen habe: giftgrünes Ultraschallgel in Plexiglaskästen, lebende Bakterien in Petrischalen, Kombucha-Hefe, die wie Haut von Metallstangen hing und tempurafrittierte Blumen in einem sachte pulsierenden Sauerstoffzelt – das Ganze wirkte wie eine elegante Mischung aus Kosmetiklabor und Concept Store, hatte aber einen morbiden Touch, irgendwo zwischen Ursuppe und Weltende. Es beschlich einen das eigentümliche Gefühl, als wären da fremde Kräfte am Werk, die heimlich, still und leise unsere Existenz unterwandern. Dabei wirkt Yis Arbeit nicht einmal groß ausgedacht; allerdings nur, wenn man die etwas überkomplexen Erklärungen weglässt, die sich darum ranken. Momentan arbeiten viele Künstler an der Schnittstelle von künstlichen und organischen Materialien – aber nicht jeder kann das bildhauerisch und räumlich gut umsetzen. Ich finde, Anicka Yi hat ein erstaunliches und sehr eigenes Gespür für Transformation. Ihre Arbeiten weisen kaum Ähnlichkeiten mit anderen Künstlern ihrer Generation auf – und erscheinen trotz des aktuellen Themas überhaupt nicht wie Post-Internet Art.

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Anicka Yi in ihrer Ausstellung in der Kunsthalle Bern

Niklas Maak, FAZ: Fiete Stolte entschied sich, dass sein Tag nicht 24, sondern 21 Stunden hat. Dass die Welt nicht mitmacht, störte ihn nicht, er verdunkelt und erhellt, wie es sein Tag verlangt; die Geräte für diesen Weltumbau sind jedes für sich Mikro-Utopien.

Tim Sommer, art: In der ohnehin faszinierenden Ausstellung "Beauté Congo" in der Pariser Fondation Cartier bin ich auf die Blätter von Mode Muntu (1940 bis 1985) gestoßen. Ein großartiger, kraftvoller, eigenständiger Zeichner aus Lubumbashi mit einer leider viel zu kurzen Karriere. Mythenschwerer afrikanischer Gänsehaut-Pop, Keith Haring sieht dagegen verdammt blass aus!

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Mode Muntus "Le soin des poules" von 1982

Samuel Herzog, NZZ: Dieter Froehlich, weil er wirklich versucht, das Kochen als Kunst zu begreifen – und wundersame Bücher macht, etwa über "supen".

Kolja Reichert, Spike: Ich fand die Einzelausstellung von Stephen G. Rhodes im Kölnischen Kunstverein toll, mit ihrer unverschämten Durcheinandermischung von Fremdenangst, Flüchtlingskrise, Naturkatastrophen, Konsum- und Unterhaltungsindustrie und Bevölkerungsmanagement. Sie hat einen neuen Blick auf die postapokalyptische Grundstimmung der Gegenwart erlaubt, frei von Lamento und Agitation. Vor allem aber fand ich sie formal interessant, in den kreisenden Wiederholungen oder plötzlichen Abfällen in der Lautstärke, die die Motive und Gesten unterliefen und neu aufluden.

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Installationsansicht der Ausstellung von Stephen G. Rhodes im Kölnischen Kunstverein

Jörg Heiser, Frieze: Das syrische Kollektiv Abounaddara, das – anonym und unter Lebensgefahr – auf seiner Website Woche für Woche neue Videos aus Syrien veröffentlicht. Darunter kleine Meisterwerke des dokumentarischen Films. Schockierend, berührend und völlig unkitschig.

Hanno Rauterberg, Die Zeit: Ein nacktes Frauenbein ragt aus der altdeutschen Kommode, ein Arm schmiegt sich in die Fensterleibung, zwei Finger strecken sich aus dem Küchenschrank: Es sind rätselhafte Fotografien, sehr alltäglich, wunderbar lakonisch, mit denen sich Julia Gröning einen Namen gemacht hat. Aber er ist längst noch nicht bekannt genug!

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"Wandschrank" (2005), eine Fotografie von Julia Gröning

Jerry Saltz, New York Magazine: Als älterer Kunstkritiker bleibe ich abends nicht mehr so lange wach. Ich kenne die neuen Namen nicht mehr, weiß nicht, wer die großen Wellen schlägt und die Konversation aufwirbelt. Richtig begeistert hat mich in den letzten zwei Jahren die Schamanin Lucy Dodd mit der kraftvollen Materialität ihrer Malerei. Ihr Unterwasserartiges Vokabular, das kosmische Flackern und die optischen Spiele in ihren Bildern sehen aus wie Chaos, fühlen sich aber an wie Ablagerungen von etwas Besonderem. Manchmal, wenn ich ihre Kunst sehe, fühlt sie sich an wie Krötenhaut. Ich will sie ablecken um sie richtig in mir zu spüren. Dodd ist Schöpferin und Zerstörerin von Welten, ein Jason Rhoades der Malerei.

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Blick in die aktuelle Ausstellung "Wuv Shop" von Lucy Dodd bei David Lewis in New York

Philippe Dagen, Le Monde: Menghi Zheng, ein junger französisch-chinesischer Künstler der in Lyon lebt und arbeitet. In einer der Nebenausstellungen der Lyon-Biennale zeigte er einige seiner Arbeiten: halb Skulpturen, halb Modelle für unmögliche Häuser oder Monumente, gebaut aus sehr einfachen und leichten Materialien wie Papier, Pappe oder Holz. Seine Anti-Architektur erinnert uns an die Kritik am modernen Bauen und Wohnen von Situationisten wie Guy Debord oder Constant.

Kia Vahland, SZ: Wer die herben, farbstarken Figuren von Maria Uhden (1892 bis 1918) gesehen hat, kann über Keith Haring nur noch müde lächeln. Unter den Zeitgenossen ist mir besonders Lina Selander aufgefallen, der die seltene Balance von Sinnlichkeit und historischer Recherche gelingt.

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"Vier Akte", Holzschnitt von Maria Uhden, abgebildet in der Zeitschrift "Der Sturm" und aktuell in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt zu sehen

Wie beurteilen Sie die Venedig Biennale 2015?


Hanno Rauterberg, Die Zeit: Wohl noch keiner Biennale ist es gelungen, die Lebenslügen der Gegenwart so anschaulich ins Bild zu setzen wie dieser. Selten sah man eine derart zugestopfte, lieblose, vor kunstgewerblichen Banalitäten überquellende Ausstellung. War es Zynismus? Hilflosigkeit? Im Katalog blickt der Kurator Okwui Enwezor zurück auf die 120-jährige Geschichte der Biennale und erinnerte daran, wie eilfertig diese oft mit den Mächtigen paktierte, vor allem mit den Faschisten. Ist es heute nicht wieder so?, fragt Enwezor. Das Kunstsystem habe sich in "stillschweigendem Einverständnis" mit den Interessen des Kapitals arrangiert und seine Autonomie ebenso eingebüßt wie jede Art von transformierender Kraft. Enwezor spricht von "vollständiger Machtlosigkeit". Und so ließ sich seine Biennale wohl vor allem begreifen: als Ausdruck der Kapitulation. Aus kritischem Anspruch wurde flimmernde Tapete.

Jörg Heiser, Frieze: Die von Okwui Enwezor kuratierte Schau hatte starke Momente (etwa bei Abounadarra oder Mika Rottenberg). Die wurden jedoch getrübt durch den schwer nachvollziehbaren Gala-Auftritt für Georg Baselitz – dem man für seine schwachen neuen Großschinken eine Art White-Cube-Kapellenarchitektur hinbaute. Der aufgesetzte Versuch, durch lautes, theatralisches Dauerverlesen von Marx’ "Das Kapital" von diesem und anderem Bling-Bling abzulenken, misslang. Strukturell bleibt das Problem der Biennale, dass ihre kuratierte Schau notorisch unterfinanziert ist und das selbst bei so klugen Kuratoren wie Enwezor zu Verrenkungen führt.

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Venedig Biennale: Bilder von Georg Baselitz in der Ausstellung im Arsenale

Samuel Herzog, NZZ: Ich fand die Biennale von Okwui Enwezor elegant und – sieht man von dem Manöver mit dem Kapital von Marx ab – relativ unverkrampft. Erstmals haben auch Künstler aus der nicht-westlichen Welt eine bedeutende Rolle gespielt – mit teils mächtigen Arbeiten und großer Selbstverständlichkeit.

Kia Vahland, SZ: Die Hauptausstellung war viel zu voll und zu dicht gehängt, um eine Erzählung zu entfalten, und die Kapitalismuskritik, die ihr Thema war, wurde zur bloßen Behauptung. Die Tendenz, Kunstmarktakteure in inhaltliche Entscheidungen einzubeziehen, setzte sich hier leider fort. Höhepunkte waren einzelne Künstler und Pavillons: Hito Steyerl entwickelte in ihrer Videoinstallation im Deutschen Pavillon, einer Satire über Computerspiele und Kriegsstrategien, eine völlig neue Bildsprache. Und "Invisible Beauty", der unabhängige irakische Pavillon, war von einer betörenden Schönheit, die schmerzte.

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Im Deutschen Pavillon: Hito Steyerls Videoinstallation "Factory of the Sun" von 2015

Gesine Borcherdt, Die Welt: Tja, "All the Worlds Futures". Eigentlich ein schöner Titel, man vermutete Entdeckungen hinter dem eigenen Horizont, ja eigentlich jenseits des Universums. Stattdessen stolperte man durch eine krude ineinander gewürfelte Mischung aus etablierten und gehypten Marktkünstlern, zwischen denen die unbekannteren, nicht-westlichen Kandidaten oft verloren oder wie Fremdkörper wirkten. Der Anspruch, verschiedene Kulturen unter einem Dach zu vereinen, erfordert hohe Sensibilität, was nun wirklich eine Binsenweisheit ist. Aber Okwui Enwezor hängte den deutschen Großmaler Georg Baselitz in eine Art Apsis im Arsenale, wo er ausgerechnet von Francois Pinault weggekauft wurde. Abgesehen davon, dass man im Jahr 2015 nicht zwingend einen gealterten Meister im Läuterungsgestus auf einer internationalen Großausstellung sehen möchte: Man merkte der Ausstellung deutlich an, wie sich an ihr Marktinteressen manifestieren. Okay, auf der Biennale wurde Kunst auch schon immer verkauft, das ist weder neu noch völlig verwerflich. Doch diese Ausgabe sah streckenweise so disparat aus wie eine Kunstmesse. Offenbar musste Enwezor sein Budget aufstocken – aber statt Vollgas zu geben hätte er besser ein Zeichen gesetzt und nur den Hauptpavillon mit zehn Künstlern bespielt. In der Fülle gab es zwar auch tolle Entdeckungen: Etwa Meric Algün Ringborgs nachgestelltes Elternwohnzimmer voller Souvenirs, Helen Martens skurrile Wohncontainer-Welt oder John Akomfrahs meditativ-grausamer Film über Wahlfang. Doch eine gute Ausstellung lebt nun einmal von einer feinfühligen Kombination.
Wer dagegen Adel Abdessemed symbolträchtig Schwerter in Sandhaufen rammen und sie von Bruce Naumans Neonschriften beleuchten lässt, stellt nicht nur falsche Zusammenhänge her, sondern erzeugt Kitsch. Fazit: Falls Enwezor eine These hatte (und ich glaube, er hatte eine, es ging darum, dass man wieder Marx lesen müsse): Sie verstummte im Materialgewühl, wo Massimilano Gionis "Outsider"-Biennale von 2013 immer noch nachhallt. Und die Länderpavillons? Hier gab es diesmal erstaunlich wenige Überraschungen – räumliche Wagnisse waren rar, Politisches blieb oft platt, Subtiles fand sich selten. Mit einer großen Ausnahme: Christoph Büchel war das absolute Highlight, die beste Arbeit der ganzen Biennale! Er verwandelte im Stadtteil Canareggio eine Kirche in eine Moschee – ausgerechnet Venedig, das sich selbst in orientalische Ornamentik hüllt, hat nämlich keine. Muslime saßen auf Teppichen, christliche Fresken waren mit arabischen Schriftzeichen verhängt, in der Sakristei stand Lektüre zum Islam. Man fühlte sich beunruhigt, desorientiert, ertappt. Leider wurde die Moschee aus Sicherheitsgründen nach ein paar Wochen geschlossen.

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Für den Isländischen Pavillon installierte Christoph Büchel eine Moschee in eine leer stehende Kirche

Kolja Reichert, Spike: Gute Gruppenausstellungen machen zweierlei: Sie zeigen gute Arbeiten und zugleich eine modellhafte Weise, eine Ausstellung zu machen, das, was ich gerne den Code einer Ausstellung nenne. Ein besonders guter Code war Massimiliano Gioni mit seiner Vorgänger-Biennale gelungen. Die Schau entsprach in ihrer horizontalen, unhierarchischen und unabgeschlossenen Logik einer durch’s Internet geprägten Welterfahrung. Okwui Enwezors Schau war dagegen eine große Stoffsammlung, der kein erkennbares Konzept zugrunde lag und keine Reflektion ihrer Mittel. Dass er, obwohl die Produktion in Venedig fast ausschließlich von Galerien und Sammlern finanziert wird, rund 30 Künstler ohne Galerievertretung und etwa ein Viertel Nicht-Weiße unterbrachte, bleibt Enwezors historische Leistung. Aber Politische Kunst derart schlampig und lehrerhaft zusammenzuwerfen und in ideologisches Rauschen einzubetten, ist nicht politisch, sorry.

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Lesung aus "Das Kapital" von Karl Marx im Hauptpavillon in den Giardini

Philippe Dagen, Le Monde: Wie auch sonst üblich gab es in den Giardini ein Chaos aus Erfolgen und Fehlschlägen. Einer der offensichtlichsten Fehlschläge war der französische Pavillon, und auch der Deutsche. Der britische Pavillon, Sarah Lucas' Einzelausstellung, war zumindest witzig und provokant – allerdings mit zu einfachen Mitteln. Am besten war der internationale Pavillon und der erste Teil des Arsenale – beides kuratiert von Okwui Enwezor. Zu den Highlights gehörten außerdem Adrian Ghenie im rumänischen Pavillon, der Dialog zwischen Nauman und Abdessemed, die Baselitz-Gemälde im Arsenale, der armenische Pavillon auf San Lazarro und der irakische Pavillon in San Toma. Die möglicherweise interessanteste Ausstellung dieses Jahr in Venedig war "Dispossession" im Palazzo Dona Bursa, eine Auswahl von polnischen, ukrainischen und deutschen Künstlern. Was die Enttäuschungen betrifft, die vergesse ich lieber.

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Blick in die Ausstellung von Sarah Lucas im Britischen Pavillon

Tim Sommer, art: Die Enttäuschung der Biennale war ihr Mangel an Höhepunkten. Für mich war es die erste Biennale, bei der nicht ein einziger Pavillon allein die Reise gelohnt hätte. Viel Interessantes, Nettes, Gutes, aber nichts wirklich Grundstürzendes, Brisantes, Richtungweisendes in den Länderbeiträgen. Und Okwui Enwezor ist bei seinem ehrgeizigen "All The World’s Futures"-Marathon offenkundig schon nach wenigen Sälen der Atem ausgegangen. Ende der Inszenierung, der Rest war zwar gutgemeintes, aber nicht eben zukunftsträchtiges Chaos.

Niklas Maak, FAZ: Bizarr, wie man sich auf der diesjährigen Biennale abarbeitete daran, ob Kunst "marktnah" ist. Natürlich ist sie das – jedenfalls alles, was dort gezeigt wurde. Eine große Entdeckung wie die Französin Camille Henrot und ihre eigenwilligen Welterklärungsmodelle war, anders als bei der Biennale davor, diesmal nicht dabei.

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Blick in die von Enwezor kuratierte Hauptausstellung im Arsenale

Jerry Saltz, New York Magazin: Ich bin dieses Jahr aus verschiedenen Gründen nicht hingefahren. Erstens, ich schreibe für ein lokales Magazin, das mir solche Spesen nicht bezahlt. Und ich selbst bin, wie alle Schreiber, arm und konnte es mir deshalb nicht leisten. Aber es gibt noch einen anderen Grund, über den ich in letzter Zeit viel nachdenke: Die großen internationalen Massenaufläufe geben mir immer weniger. Vielleicht liegt das an meinem Alter. Vieles dort ist aus marktökonomischen Gründen sehr groß, die meisten Arbeiten in diesen Ausstellungen sind große Installationen, Videos oder Performances. Und ich liebe das natürlich. Aber genauso vermisse ich die Intimität von kleinen Werken in kleinen Räumen. Ich vermisse deren unergründliche Dichte in den Großausstellungen. Dort fühlt man sich wie am Fließband: programmiert, kontrolliert, bis zum Stumpfsinn betäubt. Ich glaube, dass es mit diesen Veranstaltungen dasselbe ist wie mit den Kunstmessen: jeder geht hin, aber keiner mag sie. Und genauso haben wir hier auch ein System, dass zwar funktioniert, aber keiner wirklich gut findet. Ich frage mich, ob diese Systeme schon zu groß sind, um zu versagen – oder eben zu groß, um nicht zu versagen. Trotzdem bin ich froh dass viele Künstler und Galeristen auf Kunstmessen Geld verdienen können, und ich bin auch froh, dass Künstler das Geld bekommen um solche riesigen Projekte zu verwirklichen. Ich selbst bin aber sozial nicht ausgeglichen genug um auf solche Events zu gehen und bleibe deshalb meistens mit einer Träne im Auge in meinem Hotelzimmer zurück. Während ich natürlich weiß, dass ich großes Glück habe, überall eingeladen zu sein, fühle ich mich doch nirgends wohl. Außer bei der Arbeit. Und bei der Kunst.