Kunstmuseum Bonn - Stephan Berg

Der Hype um Berlin wird sich abschwächen

Jetzt ist es offiziell: Stephan Berg, 47, wird neuer Chef des Kunstmuseums Bonn. Im art-Interview erklärt der langjährige Leiter des Kunstvereins Hannover, was ihn aus Niedersachsen ins Rheinland zieht und wie er die Probleme des Hauses lösen will
Stephan Berg wird neuer Leiter des Kunstmuseums Bonn:Das große Interview

Stephan Berg, 47, leitet seit 2001 den Kunstverein Hannover. Am 1. April 2008 wird er neuer Indendant des Kunstmuseums Bonn

art: Herr Berg, Sie sind zum neuen Chef des Kunstmuseums Bonn berufen worden. Was reizt Sie an dem Job?

Stephan Berg: Da gibt es eine ganze Reihe von Dingen. Einmal das Haus selbst, also die Architektur von Axel Schultes. Ich halte das Gebäude für eines der ganz wenigen gelungenen neuen Museumsbauten, wo Kunst wirklich strahlen kann. Dann reizt mich die Sammlung, ausgehend vom Rheinischen Expressionismus und dem Schwerpunkt auf deutsche Kunst nach 1945, vor allem weil die deutsche Kunstszene zu den vitalsten und herausfordendsten gehört, die wir international haben. Und der dritte Grund für meine Entscheidung ist, dass das Haus im Rheinland liegt. Ich arbeite ja bisher in Hannover, und habe dort auch eine sehr gute Situation vorgefunden. Das ist sicher auch eine gute Situation. Aber Niedersachsen verfügt nicht im entferntesten über den Resonanzraum, den das Rheinland bietet, besonders wenn es um Vernetzung und Kooperationen mit verschiedenen Häusern geht. Und dort leben eine Fülle von interessanten jüngeren und älteren Künstlern. Das finde ich extrem faszinierend.

Nun hat das Rheinland ja seit der Wiedervereinigung einiges an Glanz verloren. Das Epizentrum gerade der jungen Kunst liegt heute eindeutig in Berlin. Machen Sie sich da nicht zu große Hoffnungen?

Man kann das sicher nicht nur auf Bonn fokusieren. Aber das Rheinland wird ein wichtiges Zentrum bleiben. Ich glaube auch, dass sich dieser unglaubliche Berlin-Hype ein bisschen abschwächen wird. Ich habe ohnehin immer versucht, mich dezentraler zu bewegen und nicht da, wo schon der größte Haufen liegt, noch meinen kleineren daneben zu machen. Natürlich hat dieser Glanzverlust auch etwas mit dem allgemeinen Niedergang Kölns in den letzten zehn Jahren zu tun, der sicher auch kulturpolitisch verschuldet wurde. Aber auch das ist ja reizvoll. Das Rheinland könnte wieder stärkere Impulse gebrauchen. Da Brücken zu bauen in der lokalen, regionalen aber auch überregionalen Zusammenarbeit und etwas zu bewegen, das ist eine schöne Perspektive.

Das Kunstmuseum Bonn hatte in der Vergangenheit große Probleme mit privaten Leihgebern, zunächst dem Bauunternehmer Grothe und später dem Sammlerehepaar Ströher, die dem Haus einengende Verpflichtungen abverlangten. Jetzt hat man sich aus den Knebelverträgen gelöst, dafür aber viele wichtige Leihgaben verloren. Wie wollen Sie in Zukunft mit Privatsammlern verfahren?

Für mich war es eine Bedingung, dass die ehemalige Sammlung Grothe, jetzt Sammlung Ströher, nicht mehr das ganze Haus blockiert. Das hätte ich als Problem empfunden. Es ist von wenigen Ausnahmen abgesehen immer relativ problemantisch, sich an eine Großsammlung zu binden. Ganz egal, wie das mal angefangen hat und zu welchen Gentlemen Agreements man gekommen ist, es besteht die Gefahr, dass der Sammler und die Sammlung einmal so viel Gewicht hat, dass das Haus, in dem sie sich befindet, erpressbar wird. Es ist auch die Frage, ob es klug ist, sich an eine Großsammlung zu binden, weil diese Sammlungen oft dazu tendieren, einen sehr kunstmarktkompatiblen Geschmack abzubilden mit immer ähnlichen Beratern, die dafür sorgen, dass sich ähnliche Künstler mit ähnlichen Werken in der Sammlung befinden, die Sie dann landauf, landab in allen Museen finden.

Was wäre Ihre Alternative?

Es gehört Intelligenz dazu, sich mit den kleinerern, jenseits des Mainstreams agierenden Sammlern zu beschäftigen, die über kleinere Konvolute verfügen, in denen sich einzelne Arbeiten oder Suiten von Werken befinden, die für das Haus interessant sein können. Wenn man von Negativbeispielen wie der Sammlung Grothe/Ströher in Bonn, Flick in Berlin oder dem Abzug der Sammlung Bock aus dem MMK in Frankfurt absieht, gibt es einen riesigen Horizont von reizvollen, seriösen Sammlern, mit denen Sie ganz anders kooperien können und nicht befürchten müssen, dass nach drei, vier Jahren gedeihlicher Zusammenarbeit plötzlich eine Erpressungssituation entsteht. Das Ziel muss eigentlich die Schenkung sein. Man muss wieder dahin kommen, zu sagen, die Museen haben eine Definitionshohheit darüber, was Kunst ist und welche Kunst die Zeit überdauern wird. Diese Form der Zusammenarbeit, wo man letztlich angelockt wird durch bestimmte Appetithäppchen, aber sich der Sammler die Möglichkeit rausnimmt, jederzeit die Filetstücke der Sammlung herauszulösen, um sie gewinnbringend zu verkaufen, das ist sicher nicht der Weg für die Zukunft.

Sie haben Ihre Erfahrungen in Kunstvereinen gemacht, also in Häusern ohne Sammlung, wo man mit Ausstellungen sehr schnell und flexibel auf aktuelle Kunstströmungen reagieren kann. Macht Ihnen der Wechsel in eine viel behäbigere Museumsstruktur, wo man vor allem die Sammlung pflegen muss, keine Angst?

Im Gegenteil. Wenn man 17 Jahre lang nur Wechselausstellungen gemacht hat, dann kommt man sich auch ein bisschen so vor wie der Hamster im Rädchen, also man hetzt von einem Produkt zum nächsten und es gibt nie ein verbindliches Epizentrum. Hier im Kunstverein Hannover haben wir das in den letzten sieben Jahren zu mildern versucht, indem wir thematische Jahresprogramme geplant haben, auch um wegzukommen von diesem Prinzip, dass ein Projekt inhaltlich unverbunden auf das nächste folgt. Alle vier bis sechs Wochen ist die Hütte leer und dann wird sie wieder vollgeräumt. Deshalb reizt mich die Arbeit in einem Museum mit Sammlung, zumal es auch eine klare Anforderung gibt, diese Sammlung nicht nur zu verwalten sondern zu aktivieren, aktualisieren und nach außen zu kommunizieren durch interessante Wechselausstellungen

Die Sammlung des Museums war ursprünglich darauf angelegt, bundesdeutsche Kunst der Nachkriegszeit zu dokumentieren. Ist das weiterhin das erklärte Ziel?

Ich halte gerade diese Fokusierung für sehr tauglich, weil sich das Museum damit von vielen anderen Museen unterscheidet. Es ist doch langweilig, überall die gleiche Phalanx von Künstlern zu sehen. Wenn man hier schon ein Haus hat, das mit dem klaren Ziel auf deutsche Kunst geplant war und wir wissen, dass es innerhalb der jüngeren deutschen Kunst eine unglaubliche Qualitätspalette gibt, dann gibt es wenig Grund, diesen Schwerpunkt aufzugeben. Wenn man sich die Sammlung anschaut, sind bis in die siebziger, achtziger Jahre, besonders die auf Malerei bezogenen Positionen, gut dokumentiert. Die Aufgabe jetzt wäre, die Sammlung an die Gegenwart anzubinden, also ab den neunziger Jahren zu erweitern – allerdings auch mit einem Blick auf die Internationalität, mit dem man nun an jüngere Positionen herangehen muss.

Sie haben mit Ihrer letzten Schau in Hannover, „Made in Germany“, eine mögliche Richtung vorgegeben. Dabei spielte die Nationalität der Künstler nur noch eine untergeordnete Rolle. Wichtiger war, dass sie in Deutschland leben und arbeiten.

Das könnte eine ganz simple Begründung für die Aufnahme junger Künstler in die Sammlung sein. Aber es gibt auch internationale Künstler, die ohne dieses Kriterium wichtig für die Sammlung sind. Es wäre sicherlich eine Verkürzung und Verengung, wenn man dieses Prinzip, das für eine Ausstellung konzipiert war, zur alleinigen Regel für Sammlungsankäufe machen würde.

Noch mal zum Haus selbst. Sie schwärmen von Axel Schultes Museumsgebäude. Andere finden seine postmoderne Tempelarchitektur zu monumental. Gerade für kleine, intimere Ausstellungen etwa mit Zeichnungen oder Fotografie erweisen sich die Räume oft als schwierg.

Ich finde diese gewisse monumentale Großzugigkeit reizvoll, aber wie sich die Räume in der Ausstellungspraxis erweisen werden, kann ich noch nicht sagen. Ich glaube aber, dass es heute generell darum geht, der Architektur nicht einfach zu huldigen und durch entsprechende Großformate und feierlich-pathetische Arbeiten noch weiter zu apostrophieren. Es wird sicherlich auch immer darum gehen, diese Ästehtik der Räume ein Stück weit zu brechen.

Haben Sie schon eine Idee für Ihre erste Ausstellung dort?

Es gibt schon Ideen, aber es wäre noch zu früh, darüber zu sprechen. Erstmal will ich mich Anfang Oktober mit den Kuratoren treffen und über alle bestehenden Projekte und Ausstellungsideen austauschen. Daraus soll dann so etwas wie eine programmatische Philiosphie des Hauses entwickelt werden.

Sie werden nicht zum Direktor, sondern zum Intendanten des Museums ernannt. Worin unterscheiden sich diese Positionen?

Im Unterschied zum Vertrag meines Vorgängers Dieter Ronte, der auf Lebenszeit war, wird mein Vertrag zeitlich befristet auf acht Jahre mit Verlängerungsmöglichkeit. Der entscheidende Unterschied des Intentandenmodells ist, dass Sie für den Zeitraum Ihrer Anstellung die Etats für das Haus mit verhandeln. Das bedeutet, wenn Sie eine glückliche Hand haben und natürlich auch die richtigen Partner auf der politischen Ebene, dass Ihnen diese Etats garantiert werden, während Sie in einem lebenslangen Angestellten- oder Beamtenverhältnis die Etats einfach nur zugewiesen bekommen und so stärker zum Spielball der Politk werden.

Wie hoch ist der Etat des Hauses?

Meines Wissens belief er sich zuletzt auf insgesamt 4,2 bis 4,3 Millionen Euro. Die aktuelle Summe ist jetzt Gegenstand unserer Verhandlungen. Deshalb kann ich dazu noch nichts abschliessendes sagen. Nur so viel: es gibt in der Bonner Politk offensichtlich Bewegung und Bereitschaft, dass man nach vielen Jahren der Kürzungen jetzt einen Schnitt macht und überlegt, das Museum eigentlich ausgestattet sein müsste, um nach innen und außen erfolgreich arbeiten zu können.

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