11 / 12 / 2008
Gib mir fünf!
Die Tipps der Woche
DIE FÜNF TIPPS DER WOCHE
Zürich: Walter Pfeiffer – "In Love with Beauty"
Die Travestie machte ihn berühmt: Walter Pfeiffer. Doch schmiss nicht er sich einst in Frauenkleider, sondern seine Modelle. Pfeiffers Fotografien, die durch den sensiblen Umgang mit Erotik und Humor bestechen und zwischen Verspieltheit und Zerbrechlichkeit, Künstlich- und Natürlichkeit changieren, erbrachten dem Schweizer seit seiner Entdeckung durch Jean-Christophe Ammanns Ausstellung "Transformer – Aspekte der Fotografie" 1974 internationale Erfolge.
Noch immer zeugen seine Bilder von einer intensiven Beschäftigung mit Moden und Stilen und der Experimentierfreude eines leidenschaftlichen Fotografen. Aber vor allem wecken seine androgynen Schönheiten auch homoerotische Assoziationen. Das erotische Moment in seinen Bildern mag vor Melancholie und Zartheit der häufig adoleszenten Modelle für Irritation sorgen, und an anderer Stelle wirken die Kompositionen erfrischend unmittelbar, ungezwungen und ironisch. Es sind eben diese selten unverfrorenen Darstellungen bestimmter Momente des Alltags, die ungewöhnlich viel natürliche Schönheit versprühen. "In Love with Beauty" heißt die Retrospektive im Fotomuseum Winterthur, die bis zum 15. Februar 2009 einen chronologischen Überblick zahlreicher bisher unveröffentlichter Werke Pfeiffers gibt.
Berlin: "Re.act.feminism"
Sollte es Gründe geben, warum Männer den Kunstbetrieb dominieren, liefert spätestens die Berliner Werkschau "Re.act.feminism" in der Akademie der Künste genügend schlagfertige Gegenargumente. Was in den sechziger und siebziger Jahren in Gang gebracht wurde, setzen zeitgenössische Künstlerinnen erfolgreich fort: die feministische Performance, die das (männliche) Verständnis weiblicher Identität unterminiert sowie die Idee ihrer gesellschaftlichen Emanzipation mit zeitgenössischen Debatten auflädt. Was vor 40 Jahren noch ein Experimentierfeld für die Erforschung des weiblichen Körpers und ein Konventionsbruch war, beruht heute vor allem auf einer kritischen und reanimierenden Reflektion und der Suche nach Bezugspunkten. 24 Künstlerinnen zweier Generationen werden in einer Ausstellung gegenübergestellt, die einen Schmelztiegel künstlerischer Strategien darstellt und sich als Dialog zwischen damaliger Revolte und heutiger Komplexität jenseits des Mainstreams versteht. Neben Fotos, Videos und Objektinstalationen, werden Aktionen der früheren Generation neu inszeniert, wie zum Beispiel Niki de Saint Phalles Schieß-Performance in Cornelia Sollfranks Aktion "TroubleShooting". Bis zum 8. Februar kann sich der Besucher am historischen Blick erproben und sich von den Waffen der Frauen überzeugen lassen.
Hamburg: "SKAMment"
Hamburg, was machst du nur mit deiner Kultur? 16 Jahre kämpft die selbstverwaltete und –finanzierte Gemeinschaft SKAM als Garant der Hamburger Off-Space-Kunstszene nun erfolgreich für sein Bestehen, gut getarnt in einer Bauruine am Spielbudenplatz auf der Reeperbahn, im ehemaligen Bowlingbahn-Gebäude. Es ist an der Zeit, ein Statement zu machen, ein Comment oder eben ein SKAMment – zur Bedrohung der Hamburger Kunstszene, die durch steigende Mieten, Abrisse und horrenden Investitionen für das neue In-Viertel der Hafen-City unaufhaltsam scheint. Obgleich sich die Stadt gerne mit den kulturellen Schätzen zwischen Kiez und Schanze rühmt, steht den Künstlern und Kulturinstitutionen das Wasser bis zum Hals. Doch von der Parole "Schöne Kunst Allen Menschen!" wird die Institution, die sich als experimentelles Labor versteht, so schnell nicht ablassen. Auch dieses Jahr gaben sich wieder 25 Maler, Bildhauer, Musiker, Video- und Konzeptkünstler dem Prozesshaften hin und realisierten ihre Ideen, deren subtil kritischen Früchte man vom 11. bis zum 14. Dezember im "White Cube" des SKAM ernten kann. Zur heutigen Vernissage versammeln sich Größen der Hamburger Musikszene wie Lesley Farfisa (Der Fall Böse) und Frank Spilker (Die Sterne) sowie weitere Überraschungsgäste. Alles ist nur eine Frage der Vernetzung!
11 / 12 / 2008
2 Leserkommentare vorhanden
René Neugebauer
17:38
11 / 12 / 08 //
Sprachliche und inhaltliche Unbeholfenheit
Die Autorin, Frau Leonie Radine, meint, beim Betrachten von Walter Pfeiffers Fotografien könne man sich "von homoerotischen Assoziationen (...) nicht entledigen". Das ist nicht nur grammatikalisch bedenklich. Viel ärgerlicher ist es, dass Sie beim Anblick von Fotos, die einer schwulen Ästhetik verpflichtet sind, meint, schnell an etwas anderes denken zu müssen als an das Gezeigte. Hat Frau Radine Probleme mit Männern, die nicht der heterosexistischen Darstellungsnorm von Machotum entsprechen? Vielleicht sollte aber nur einmal jemand Kompetentes den Text von Frau Radine lektorieren. Sätze wie: "Es sind eben diese selten unverfrorene Darstellungen bestimmter Momente des Alltags, die ungewöhnlich viel natürliche Schönheit versprühen" zeugen leider von gedrechselter Inhaltslosigkeit und sprachlicher Unbeholfenheit, denen ich im Magazin 'art' nicht begegnen möchte.
Leonie Radine
11:33
15 / 12 / 08 //
Antwort
Herr René Neugebauer, Kritik und meinungsstarke Kommentare auf der ART-Webseite sind immer erfreulich, allerdings frage ich mich,ob eine so spitze Kritik an meinem Beitrag tatsächlich berechtigt ist. Zunächst möchte ich mich ganz deutlich vom Vorwurf der Schwulenfeindlichkeit distanzieren. Nichts läge mir ferner als meinen Tipp der Woche (nicht zu vergessen: es handelt sich hier in keinem Fall um eine negative Stellungnahme zu Pfeiffers Fotografien) in dieser Weise zu schmälern. Grund für ihre Interpretation mag das Wort "entledigen" gewesen sein, das in diesem Zusammenhang etwas negativ gedeutet werden kann und deshalb nun ersetzt wurde. Ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass ich keinesfalls ein Problem mit homosexueller Erotik und Pfeiffers ästhetischer Umsetzung dessen habe. Die Autorin