Mein Name ist Bieber - Medienticker

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"Nichts verstanden, trotzdem faszinierend": Cover des norwegischen Kunst-Fanzines "Koenst"

Die TV-Woche

+ + + Am Donnerstag wird Berlin wieder zum Roten-Teppich-Land. Dann eröffnen die 58. Internationalen Filmfestspiele. Die Presseerklärung, mit einer Auflistung aller gezeigter Filme und Veranstaltungen, ist 87 Seiten stark. Das Fazit: Diesmal wird´s musiklastig. Zur Eröffnung stellt Martin Scorsese seine Dokumentation "Shine a Light" über die Konzerttournee der Rolling Stones vor. Madonna zeigt ihr Regiedebüt "Filth and Wisdom", Michel Gondry seinen neuen Film "Be Kind Rewind". Wer Stars wie Penélope Cruz, Willem Dafoe, Scarlett Johannson, Ben Kingsley, John Malkovich, Jeanne Moreau, Nanni Moretti oder Natalie Portman bequem vom Sofa aus zujubeln möchte, sollte sich "Berlinale 2008 – Die Eröffnung" anschauen (19.20 – 21 Uhr, 3sat). Die charmante Ex-Ehrensenf und Ex-Polylux-Moderatorin Katrin Bauerfeind berichtet live aus dem Berlinale Palast, es gibt Kurzinterview vom roten Teppich und für einen angenehmen Klangteppich sorgt die Band Wir sind Helden. + + + Die Retrospektive der diesjährigen Berlinale ehrt den 1983 verstorbenen, spanischen Regisseur Luis Buñuel mit einer umfassenden Werkschau. Grund genug für den Auftakt zur 3sat-Reihe "Der Zauber des Surrealen – Luis Buñuel und die Folgen". Gleich nach der Berlinale-Eröffnung zeigt 3sat "Belle de jour" (F/I 1967, 21 – 22.35 Uhr): Catherine Deneuve spielt eine Artztgattin, die sich ihren geheimen sado-masochistischen Tagträumen hingibt und eine zweite Existenz als
Prostituierte beginnt. Realität und Imagination verschmelzen, gesellschaftliche Konventionen werden angegriffen, ein bitterböse Kritik an der Ehe, Liebe und dem Großbürgertum. + + +

+ + + Vor knapp zwei Monaten feierte Hubert Burda sich und die Medienwelt mit seiner "Bambi"-Verleihung. Unvergesslich: Tom Cruise erhielt einen Bambi in der Kategorie "Courage". Am Freitag (21.15 – 23.15 Uhr) wird im ZDF die "Goldene Kamera" verliehen. Die Unterschiede auf einen Blick: Statt von Hubert Burda Medien kommt der Preis diesmal von der Axel Springer AG, statt Harald Schmidt moderiert Thomas Gottschalk, und statt
Rihanna und Ricky Martin singen Kylie Minogue und Tokio Hotel. Für ihr Lebenswerk werden Robert De Niro und Alfred Biolek geehrt. Schon diese ungewöhnliche Kombination macht diese Woche die Rundfunkgebühren wett. Das besonderes Schmankerl: Tom Cruise ist diesmal nicht dabei. + + + Auf 3sat folgt am Freitag (22.40 – 0.15 Uhr) Buñuels "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" (F 1972): Surrealistische Erzählweise und satirische Beobachtungen über die Dekadenz des Großbürgertums. Buñuels Groteske gewann 1973 den Oscar als bester ausländischer Film. + + + Und ebenfalls am Freitag (23.20 – 0.45 Uhr, Arte) läuft der mystische Bilderrausch "Egomania – Insel ohne Hoffnung" (D 1986) von Christoph Schlingensief: Baron Tante Teufel (Udo Kier) wütet in einer Caspar David Friedrich-Natur und tötet Jungfrauen. Und Aphorismen von Immanuel Kant mischen sich mit Aleister Crowley in diesem "größten Liebesdrama aller Zeiten" (Schlingensief). + + +

+ + + Am Samstag (22.40 – 22.55 Uhr, 3sat) läuft Buñuels Klassiker "Ein andalusischer Hund" (F 1929) mit der wohl bekanntesten Schocksequenz der Filmgeschichte: Ein Rasiermesser schneidet durch das Auge einer jungen Frau. Der Film von Buñuel und Salvador Dali (der im Film selbst mitspielt) ist voller anarchischer Provokation und poetischer Metaphern und galt zu Recht als Speerspitze der surrealistischen Bewegung. + + +

+ + + Am Sonntag zeigt Arte das Porträt des 57-jährigen Star-Fotografen Jim Rakete (18.15 – 19 Uhr), der gerade in der Berliner Galerie Camera Work seine neueste Ausstellung "1/8 sec. – Vertraute Fremde" präsentiert. + + + Und anlässlich des 90. Todestages des Jugenstil-Malers Gustav Klimt (1862 bis 1918) zeigt die ARD am Sonntag (0 – 1.30 Uhr) die Filmbiografie von Raoul Ruiz: Auf dem Sterbebett blickt Klimt (John Malkovich) in Gesellschaft des jungen Künstlers Egon Schiele (Nikolai Kinski) noch einmal auf sein Leben zurück. Trotz Malkovich, Veronica Ferres und einigen schönen Originalschauplätze und Erotikszenen floppte der Film an der Kinokasse. + + + Und wer dann noch immer nicht schlafen kann, sollte sich auf ProSieben die Liveübertragung des "Grammy Awards 2008" anschauen (ab 2 Uhr). Zu den Favoriten der 50. Preisverleihung des "Oscars der Musikindustrie" zählen Amy Winehouse, Kayne West und Rihanna.

Die Kino-Woche

+ + + Noch immer ist Eran Kolirins Debütfilm "Die Band von nebenan" (Bikur hatizmoret/The Band´s Visit, Israel/F, 2007) der beste Film, der momentan in den Kinos läuft: Ein ägyptisches Polizeiorchester in babyblauen Uniformen strandet irrtümlich in einem israelischen Wüstennest – und nähert sich den jüdischen Bewohnern und Bewohnerinnen an. Eine melancholische Parabel über die Verständigung
zweier benachbarter Völker – mit dem lakonischen Humor von Aki Kaurismäki und ohne dessen Pessimismus. + + + Am Donnerstag kommt die Politsatire "Der Krieg des Charlie Wilson" (Charlie Wilson's War, USA 2007) in die Kinos. Antikommunistin Joanne Herring (Julia Roberts) überredet den Playboy-Abgeordneten Charlie Wilson (Tom Hanks) afghanische Freiheitskämpfer im Krieg gegen die sowjetische Besatzung zu unterstützen. In dem CIA-Agenten Gust Avrakotos (Philip Seymour Hoffman) findet er einen Verbündeten. Der Film wurde in fünf Kategorien für den Golden Globe 2008 nomininiert. + + + Und ebenfalls am Donnerstag startet der Dokumentarfilm "Unsere Erde" von Alastair Fothergill. Der Film hat alles, was sich der klimabewusste Öko-Lifestyler wünscht: Spektakuläre Luft- und Nahaufnahmen, eine Reise vom Nordpol zum Südpol und bedrohte Tierarten. In den Hauptrollen: Eine Eisbärenmutter, eine Elefantenkuh und eine Buckelwalmutter und ihr Kalb. + + +

Die Print-Woche

+ + + "Meine Klos stehen voller Tagebücher bekannter Autoren", vertraute der Künstler Tobias Rehberger dem "KulturSpiegel" an. "Auf dem Klo habe ich daher auch "Das Echolot" von Walter Kempowski entdeckt. Das ist nicht abschätzig gemeint: Ich sitze gern mal eine halbe Stunde auf dem Klo, nicht nur zwei Minuten." + + +
Ja, liebe Medienmacher: Genau deshalb werden Bücher und Zeitschriften niemals aussterben. Und irgendwann werdet ihr merken, dass man Online-Medien nicht auf dem Klo lesen kann! + + + Ein aussichtsreicher Kandidat für mein Klo, und das ist jetzt nicht abschätzig gemeint, ist die am 21. April startende Zeitschrift "Humanglobaler Zufall". Das Projekt mit dem beknackt-kultverdächtigen Namen war der diesjährige Sieger des Axel Springer-Ideenwettbewerbs Scoop. Das Heft soll mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren starten und vier Mal jährlich erscheinen, sich an "eine
weltoffene, politisch und kulturell interessierte Leserschaft" richten und von zufällig miteinander vernetzten Menschen handeln. Erfinder und neuer Chefredakteur Dennis Buchmann hat wohl, bevor er sein Konzept schrieb, den Film "Babel" gesehen. Klingt trotzdem spannend. + + + Am Massenmarkt sonst nichts Neues, weiterhin ales heiter bis wolkig. Dafür steigt die Zahl kleiner, mit Leidenschaft produzierter, Zeitschriften im Eigenverlag: "Gudberg""Gudberg" – ein Streifzug durch die internationale Kunst-Underground-Szene; "Nicht Jetzt!" – das Gesellschaftsmagazin der Studierenden der HAW-Hamburg; "Neue Probleme" – Ego-Feuilleton-Geschichten und schöne Zeichnungen; "Shake Your Tree" – Kreative im Kampf gegen Langeweile; "/100" – Kunstkritik aus Berlin; "How To" – das kritische Themenmagazin. Und richtig lieb gewonnen, habe ich das norwegische Kunstmagazin "Koenst". Das ist sogar so independent, dass es nicht einmal eine eigene Webseite hat, sondern nur dieses "MySpace-Profil". Aus Zufall entdeckt, nichts verstanden, an den Bildern erfreut, dann den wundervollen Film "Toget som (ikke) gikk" von Sturla Grovlen auf der beigelegten DVD entdeckt. Auch nicht verstanden, aber gefesselt zugeschaut. Nächster Urlaub in Norwegen steht damit fest. + + +

Die Web-Woche

+ + + Liebstes Start-Up der Woche: Das neue Webradio ByteFm bietet "keine 'HitHits', keine Computerrotation, dafür neue und alte Platten, Interviews und Hintergrundinformationen über Szenen, Bands, Entwicklungen und Zusammenhänge". Toll, denn: Neue Mucke braucht das Land. + + + Noch immer das wichtigste Netzthema: Videoblogs. Und als gäbe es nicht schon genug humorfreie Videoblogs, jetzt wird auch noch Reiner Calmund zum Videoblogger: "Calli.tv". Interessant: Gerade die Holzmedien, die immer gerne mal wieder auf die Blogosphäre einknüppeln, scheinen ihr neues Spielzeug richtig ins Herz geschlossen zu haben. "Der Mehrwert besteht zunächst darin, dass die Leute jene Autoren nun sehen können, von denen sie bisher nur die Texte kannten", beichtet Zeit-Kolumnist und begeisterter Videoblogger Harald Martenstein dem Medienmagazin "DWDL.de" seine Liebe. "Damit rücken sie uns näher. Der kulturelle Mehrwert besteht darin, dass wir es hier mit gesprochener Sprache zu tun haben, die nicht von Telepromptern abgelesen wird. Der Videoblog kultiviert die klassische freie Rede, so wie sie schon im Forum Romanum kultiviert wurde. Diese freie Rede hat es vor dem Internet in unserer Kultur kaum mehr gegeben." Zur Erinnerung: Willi Winkler hatte vor kurzem, in seinem SZ-Essay "Zeitung von morgen", noch das "niemals mehr endende Meta-Geschwätz" der Blogger und die "von sich selbst berauschte digitale Boheme" kritisiert. Trifft dies nicht genau auf die videobloggende Journalistenschar zu? Von sich selbst berauscht plappern Martenstein, Matthias Matussek oder Jens Jessen in die Kamera – und sehen sich dabei noch in direkter Erbfolge zu dem "orator perfectus" Cicero. Ein Beispiel? Daniel Haas, Kulturredakeur bei Spiegel Online, besucht in seiner neuesten Videokolumne "Verstehen Sie Haas?" die Galerie Klara Wallner und berichtet über den "kreativen Schweinkram" der Malerin Henrieke Ribbe. Ungelenk kaspert er vor der Kamera herum – und führt Nonsense-Interviews. Mehrwert gleich Null. Und übrigens hat dies vor Jahren Niels Ruf bereits mit seinen "Kamikaze"-Interviews vorgemacht – nur besser, weil anarchischer. Die Frage die bleibt: Warum wollen alle Journalisten plötzlich auch Comedians sein? Die meisten Videoblogger stottern, plappern und kalauern vor sich hin, dass selbst eine Nackt-Quiz-Moderatorin vor Scham erröten würde. Apropos: "Das ganze Leben ist eine FKK-Quizshow. Und wir sind nur die gaffenden, impotenten Pornodarsteller. Die Kinder der Generation Oversexed
und Underfucked kriegen eine überfällige Hymne untergeschoben", heißt es auf der Webseite der Hamburger Rapper Fettes Brot. In ihrer neuen Single "Bettina, zieh dir bitte etwas an" besingen sie das Nackt-Quiz-Phänomen von
DSF, 9live und Konsorten. Und die Reaktion folgte prompt: Bettina Ballhaus, Moderatorin beim Sportsender DSF, fühlte sich angesprochen und kündigte. Bitte, Fettes Brot, die Hymne über eitle Videojournalisten und Pseudo-2.0-Gehabe ist auch längst überfällig. + + +

Fettes Brot + Modeselektor: "Bettina, zieh dir bitte etwas an"