Wim Pijbes - Rijksmuseum

Er ist jung genug, um Vollgas zu geben

Am 1. Juli tritt Wim Pijbes, bislang Direktor der Rotterdamer Kunsthalle, die Nachfolge von Ronald de Leeuw als Direktor des Amsterdamer Rijksmuseums an. Eine überraschende Ernennung, denn damit schwingt eine neue Generation in diesem altehrwürdigen und wichtigsten Kulturtempel der Niederlande das Zepter.
"Er ist jung genug, um Vollgas zu geben":Neue Museumsgeneration der Niederlande

Bald der Louvre der Niederlande oder eine "artistische Jahrmarktsattraktion"? Wim Pijbes wird der neue Direktor des Amsterdamer Rijksmuseums

Der 46 Jahre alte Pijbes gilt als moderner Networker und antiautoritärer Manager, offen und publikumsgerichtet. Er hat Kunstgeschichte mit Schwerpunkt moderne Architektur in Groningen studiert und ist damit auch der erste Direktor im Rijksmuseum, der nicht spezialisiert ist auf Alte Meister, obwohl das 17. Jahrhundert mit Meisterwerken wie Rembrandts "Nachtwache" die wichtigste Abteilung des Instituts ist.

Kritiker wie Altdirektor Rudi Fuchs vom Amsterdamer Stedelijk sprechen denn auch von einer Fehlbesetzung: Fuchs fürchtet, unter Pijbes könne der kunsthistorische Aspekt auf der Strecke bleiben und das Rijksmuseum zu einer "artistischen Jahrmarktsattraktion" werden.

Denn Pijbes hinterlässt die Rotterdamer Kunsthalle nach acht Jahren als gut geölte Ausstellungsmaschine mit bis zu zwei Millionen Besuchern und dem Prädikat "respektabler Populismus": Nach dem Motto "Ein bisschen Populismus kann nicht schaden" präsentierte er ohne Berührungsängste neben Henry Moore, Jean Tinguely und niederländischen Romantikern auch Dinosaurier, die Erfolgsstory von Raumschiff Enterprise oder pikante Unterwäsche der niederländischen Stardesignerin Marlies Dekkers.

Der zweite Grund, der seine Ernennung umstritten macht: Pijbes saß im Aufsichtsrat des Rijksmuseums und war außerdem eines der drei Mitglieder der Bewerbungskommission, die einen internationalen Headhunter anheuerte und das Profil für den Posten bestimmte: In Zukunft sollten Kunst und Geschichte in einem aufregenden Mix präsentiert werden. Der Headhunter präsentierte dann zwar gut 20 Kandidaten, doch als meistgeignet wurde Pijbes befunden. "Kann der Aufsichtsrat diesem Kollegen nach intensiver Zusammenarbeit als Museumsdirektor noch objektiv und kritsch auf die Finger sehen?", fragt sich das renommierte "NRC Handelsblad".

Aufsichtsratvorsitzender Anthony Ruys sieht darin kein Problem: "Warum sollte man vom Aufsichtsrat aus keine Karriere machen können? Dann könnte es sich kein ehrgeiziger Kunsthistoriker mehr erlauben, Mitglied zu werden!" Außerdem sei Pijbes viel besser als ein Außenseiter geeignet, die komplizierten Umbauarbeiten zu leiten, die sich noch bis 2013 hinauszögern werden.

"Prachtjob in einem Prachtinstitut"

Pijbes selbst fegt alle Kritik vom Tisch und spricht von einem "Prachtjob in einem Prachtinstitut". Er will das Rijksmuseum zu einem Ort machen, auf den alle Niederländer stolz sein können und der ebenfalls bis zu zwei Millionen Besucher pro Jahr anzieht. Dabei kann er sich der Unterstützung namhafter Kollegen sicher sein:

Sein Vorgänger de Leeuw preist ihn als Generalisten und dynamischen kulturellen Unternehmer. "Er weiß, was er will und ist jung genug, um Vollgas zu geben", findet auch dessen Vorgänger Henk van Os. Direktor Axel Rüger vom Van Goghmuseum freut sich auf seinen neuen Nachbarn, der in Rotterdam mit "interessanter Programmierung" für Furore gesorgt hat. Und Gijs van Tuyl vom Stedelijk nebenan spricht gar vom "Triptychon der Zukunft" am Museumsplatz, das die Kräfte bündeln sollte: "Wir sind alle drei relativ neu hier!"

Auch Pijbes Vorgänger in Rotterdam Wim van Krimpen, inzwischen Direktor des Haager Gemeentemuseum, spart nicht mit Lob – und nutzt die Gelegenheit, um Rudi Fuchs eine Retourkutsche zu erteilen, der sowohl das Gemeentemuseum als auch das Stedelijk mit Schulden und schlechten Besucherzahlen verlassen hatte: Endlich sei die Ära der "intellektuellen Fuchs-Ernennungen", die zu leeren Museumssälen und finanziellen Katastrophen geführt habe, vorbei: "Unter Pijbes", so prophezeit van Krimpen, "wird das Rijksmuseum zum Louvre der Niederlande mit drei Millionen Besuchern pro Jahr!"