Kasimir Malewitsch - Stedelijk Museum

Wir schließen den Fall ab

Nach rund 15 Jahren juristischen Tauziehens hat die Stadt Amsterdam nachgegeben und sich mit den 37 Erben des russischen Konstruktivisten Kasimir Malewitsch (1879 bis 1935) geeinigt: Diese erhalten fünf Topstücke aus der weltberühmten Malewitsch-Kollektion des Instituts im Wert von rund 80 Millionen Euro zurück. "Was wir damit tun, wissen wir noch nicht", so Ywona Malewitsch, eine in Polen lebende Großnichte des Künstlers in einer ersten Reaktion in Amsterdam. "Wir sind vor allem eines: erleichtert!"

Es geht um das Gemälde "Schreibtisch und Zimmer" von 1913 sowie vier suprematistische Bilder: "Mystischer Suprematismus" mit einem schwarzen Kreuz auf einem roten Oval (1920-22), "Suprematische Komposition" mit einem blauen Rechteck über einem purpurfarbenem Balken (1916), "Malerischer Realismus eines Fussballspielers" von 1915 sowie "Suprematismus, 18. Konstruktion" von 1915.

Der Rest der Sammlung – 24 Gemälde, sieben Gouachen, 15 Zeichnungen und 18 Karten – bleibt in Amsterdam. "Der Abschied fällt uns nicht leicht", kommentierte Stedelijk-Direktor Gijs van Tuyl die Einigung. "Aber damit ist eine schwere Last von unseren Schultern gefallen. Was bleibt, ist ein gutes Gefühl." Denn in den letzten Jahren hatte es vermehrt Zweifel gegeben, ob die Sammlung tatsächlich rechtmäßig erworben worden war.

Sie stammt aus jener "verfluchten Kiste", so eine Enkelin des Künstlers, die Malewitsch 1927 in Berlin zurückließ, als er überstürzt nach Russland zurückreisen musste. Da er bis zu seinem Tod 1935 keine Ausreisegenehmigung mehr bekam, konnte er sie nie mehr abholen. Zunächst landete die Kiste in Hannover bei Alexander Dorner, Vorsitzender der Kestner-Gesellschaft und Direktor des Provinzialmuseums. Der jedoch konnte es sich nicht lange leisten, "entartete" Kunst in seinem Museum aufzubewahren und musste bald darauf selbst nach Amerika flüchten. Deshalb schickte er die Kiste nach Berlin zurück an den deutschen Architekten Hugo Häring.

Zwei Werke allerdings nahm Dorner mit in die USA: In seinem Testament vermachte er sie dem Busch-Reisinger-Museum in Boston als Leihgabe, bis "der rechtmäßige Eigentümer sich meldet". Eine Reihe anderer Arbeiten aus der Kiste befand sich bereits in den USA: Dorner hatte sie dem MoMA 1935 für eine Ausstellung geliehen, anschließend trauten sich die Amerikaner nicht mehr, sie ins Nazi-Deutschland zurückzuschicken.

Auf die restlichen Kunstwerke aus der Kiste passte Häring bis 1958 auf, dann verkaufte er sie für umgerechnet 50 000 Euro an den damaligen Stedelijk-Direktor Willem Sandberg. Der machte damit das Schnäppchen seines Lebens und begründete den Ruhm des Stedelijk. Die Erben hatten sich immer darauf berufen, dass Sandberg damals wusste, dass Häring nicht der rechtmäßige Eigentümer war. Doch im Gegensatz zum Moma und dem Busch-Reisinger, die bereits 1999 Werke zurückgegeben hatten, wiesen das Stedelijk und die Stadt Amsterdam kategorisch alle Ansprüche zurück.

"Wir wollten keine schlafenden Hunde wecken"

Das blieb auch so, nachdem das Stedelijk 2004 zwei US-Museen Werke aus der Malewitsch-Kollektion als Leihgabe zur Verfügung stellte – und damit den Erben die juristische Möglichkeit eröffnete, in den USA ein Verfahren gegen das Amsterdamer Institut anzuspannen, das die Stadt inzwischen mehr als eine Million Euro gekostet hat. Kurz darauf enthüllte das renommierte NTC Handelsblad anhand von Archivmaterial und Briefen, dass schon Museumsdirektor Sandberg von Zweifeln geplagt wurde: Er zögerte den Ankauf mehr als zwei Jahre hinaus, um zunächst jenseits des Eisernen Vorhanges nach Erben zu suchen. Das jedoch habe das Stedelijk stets vertuscht, so Altkustos Joop Joosten im NRC: "Wir wollten keine schlafenden Hunde wecken."

In einem Brief schreibt Sandberg, dass auch Häring selbst Zweifel hatte: "Er sagte, er könne nicht verkaufen, da er nicht der Eigentümer sei." Spätestens 1956 jedoch muss Häring seine Meinung geändert haben: Bei seinem Schwager, dem Notar Ernst Böhme, sagte er in einer eidesstattlichen Erklärung aus, er betrachte sich seit 1945 als rechtmäßiger Eigentümer der Werke. Malewitsch habe sie ihm für den Fall anvertraut, dass er nichts mehr von sich hören lassen würde.

Diese notarielle Erklärung war für das Stedelijk das juristische Fundament für den Ankauf, auf den es sich in den letzten Jahren immer wieder berufen hat. Auch jetzt mit der Einigung haben Stadt und Institut keineswegs zugegeben, sich geirrt zu haben: "Wir streiten uns nicht länger darüber, wer nun recht hat", so Oberbürgermeister Job Cohen. "Wir schließen den Fall ab."

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