Andrej Jerofejew - Tretjakow-Galerie

Der kurze Flirt zwischen Staat und Kunst ist vorbei

Küssende Polizisten, Politiker in pornografischen Posen und verfremdete religiöse Symbole haben an der weltberühmten Moskauer Tretjakow-Galerie einen Kunstskandal ausgelöst. Andrej Jerofejew, der ehemalige Leiter der Tretjakow-Sammlung für zeitgenössische Kunst, spricht im art-Interview über seine Entlassung, die heikle Situation der modernen Kunst in Russland – und seine neuen Pläne für ein Online-Museum.

Andrej Jerofejew, warum pflegen staatliche Institutionen in Russland ein so merkwürdiges Verhältnis zur modernen Kunst?

Es ist kein merkwürdiges, sondern ein feindliches Verhältnis! In jedem totalitären Staat beobachtet die Obrigkeit Künstler mit einem großen Misstrauen, und das heutige Russland ist da keine Ausnahme. Freidenkende Menschen, auch Künstler, sind für solche Staaten gefährlich, deshalb dieses Misstrauen. Diese Tradition des Misstrauens hat ihre Wurzeln in der Stalin-Zeit, unsere Beamten haben sie übernommen. Der kurze Flirt der Perestrojka-Zeit zwischen Staat und Kunst ist nun vorbei. In den Neunzigern gab es eine kurze Zeit, in der die Beamten versucht haben, sich der Kunstszene zu nähern. Einige haben sogar angefangen, sich lässiger zu kleiden. Jetzt sind die schwarzen Anzüge wieder da. Und wenn dem Staat etwas nicht passt, schreien diese Beamten "Schande für Russland!" Schade, dass ein paar Jahre der Perestroika diese Tradition nicht brechen konnten.

Sie haben 2002 in der Tretjakow-Galerie angefangen und wurden vor zwei Wochen entlassen. Was hat sich in den vergangenen sechs Jahren in der russischen Kunstszene verändert?

Vor sechs Jahren haben die staatlichen Stellen gar nicht auf die Kunst reagiert. Offensichtlich hatte der Staat damals andere, realere Probleme, mit denen man sich auseinandersetzen musste. Man musste damals schon sehr mit einer Kunstaktion auffallen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Jetzt hat sich die Atmosphäre in der Gesellschaft, im ganzen Land verändert. Die Kunst wurde plötzlich politisch – nehmen sie als Beispiel Prozesse gegen unsere Ausstellungen oder Übergriffe auf die Galerie von Marat Guelman im Oktober 2006. Der Staat beschäftigt sich plötzlich nicht mit der Realität, sondern mit Kunst. Dabei versuchen die Beamten, noch strengere Normen für die Kunst zu setzen, als für die – ohnehin schon kontrollierten – Massenmedien. Während im Fernsehen ab und zu Bettszenen erlaubt sind, ist Nacktheit in der Kunst mit einem Tabu belegt. Die Beamten denken sich im Namen der Gesellschaft immer mehr neue Moralnormen aus.

Ist die Zensur zurück?

Nein, oder nicht so, wie sie in der Sowjetunion war. Damals gab es offiziell Zensurkomitees, die gegen künstlerische Freiheit vorgingen. Heute müssen die Künstler sich selbst in ihrer Professionalität einschränken. Diese Selbstzensur, diese Angst, ist in der Kunst später angekommen, als zum Beispiel in den Massenmedien.

Sie schreiben auf Ihrer Internetseite, Sie werden jetzt von Menschen verfolgt, die man nicht rechtzeitig verurteilt hatte. Wie ist das zu verstehen?

Ich meine, unsere Gesellschaft hat nicht rechtzeitig die sowjetische Tradition verurteilt, die vorschriebt, dass treue Staatsdiener mit Führungsposten belohnt werden. So hatte man die ehemaligen Politbüromitglieder für ihre Verdienste zu sowjetischen Botschaftern ernannt. Das Land hat sich von dieser Tradition nicht verabschiedet – und so wird heute die Tretjakow-Galerie von Herrn Rodionow geleitet. Er ist aber weder Kunstwissenschaftler noch ein guter Manager, er ist Bauexperte. Ich bin aber der Meinung, dass ein Laie ein Museum nicht führen kann, zumal ein so großes.

Was wird jetzt mit der Sammlung der modernen russischen Kunst passieren?

Wir haben in den vergangenen Jahren in der Tretjakow-Galerie versucht, eine illustrierte Geschichte der russischen Kunst des 20. Jahrhunderts zusammenzutragen – und ich meine freie Kunst, nicht die staatlich kontrollierte. Diese Sammlung ist eine Geschichte der künstlerischen Evolution in Russland. Wir haben buchstäblich "Tropfen für Tropfen" gesammelt, die Galerie hatte kein Geld, wir mussten zum Teil bei den Künstlern um Werke betteln. Ich weiß nicht, was jetzt damit passieren wird. Die Menschen, in deren Händen sich die Sammlung nun befindet, begreifen nicht, was sie da besitzen. Für sie ist es eine lose Ansammlung von Gegenständen, die keinen größeren Sinn haben. Es sind einfach Sachen, die ihrer Meinung nach auch ästhetisch schlecht sind. Ich kann nur ahnen, was sie mit der Sammlung machen werden.

Womit verbringen Sie jetzt ihre Zeit?


Zum einen mit dem Lesen der Anklageschrift wegen der Ausstellung "Verbotene Kunst" – der Ermittler ruft mich regelmäßig an. Zum anderen plane ich mit Kollegen aus der Abteilung für Moderne Kunst unser Leben danach, außerhalb der Tretjakow-Galerie. Wir planen eine Internetseite für moderne russische Kunst, wir wollen die Geschichte, an der wir gearbeitet haben, online verfügbar machen. Wir wollen eine Art virtuelles Museum der modernen Kunst aus Russland eröffnen.