Brigitte Franzen - Interview

Aktuelle Kunst machen nicht nur junge Künstler

Wenn am 10. September der Stadtrat zustimmt, tritt die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Brigitte Franzen zum Jahreswechsel die Stelle als neue Leiterin des Ludwig-Forums an. Im exklusiven art-Interview verrät die Co-Kuratorin der "skulptur projekte münster 07" ihre Pläne für Aachen.
Neue Leiterin des Ludwig-Forums:das Interview mit Brigitte Franzen

Brigitte Franzen reizt es, in Aachen monografisch zu arbeiten: "Mich ermüdet diese Anhäufung von thematischen Ausstellungen."

Frau Franzen, Sie haben sich in einem Assessment-Center- Verfahren gegen 27 Mitstreiter durchgesetzt. Das ist eine eher ungewöhnliche Auswahlmethode im Kunstbetrieb – wie genau muss man sich das vorstellen?

Brigitte Franzen: Das ist eine Auswahlmethode, die modernes Personalmanagement repräsentiert. Für mich war das eine interessante Erfahrung. Neben die inhaltlich orientierte Auswahl traten die Managementstrategien.

Ihr bisher größtes kuratorisches Projekt waren die "skulptur projekte münster 07". Wie werden Sie die Erfahrungen und Kontakte, die Sie in dieser Funktion gewinnen konnten, nun in Aachen nutzen?

Die Münsteraner Ausstellung ist ja eine der international bedeutendsten Ausstellungen von Kunst im städtischen Außenraum mit entsprechend breiter Wirkung und Aufmerksamkeit. Wir haben letztes Jahr mit 35 Künstlern zusammengearbeitet, die alle ein eigenes Oeuvre mitbringen, das natürlich nicht nur im städtischen Außenraum angesiedelt ist. Ich kann mir durchaus vorstellen auch in Aachen mit Künstlern zusammenzuarbeiten, mit denen ich auch in Münster erfolgreich Kontakt hatte. Außerdem finde ich generell unseren Ansatz vom vergangenen Jahr wichtig, einen generationenübergreifenden Blick auszuhalten, über Latenzzeiten künstlerischer Ideen zu diskutieren. Aktuelle Kunst, das sind eben nicht nur jüngste Künstler. Es gibt auch die mittlere Generation und die schon wirklich ganz erfahrenen Positionen. Da sind häufig Ideen und Werke wiederzuentdecken oder neu zu präsentieren, die man länger nicht mehr gesehen hat.

Was werden Sie als erstes tun, wenn Sie in Aachen anfangen?

Wenn man so ein Haus übernimmt, kommt man natürlich in einen laufenden Betrieb. Es geht erst einmal darum, das bestehende Programm für 2009 zu schärfen und erfolgreich durchzuführen und dann zügig 2010 in Angriff zu nehmen. Natürlich steht das Kennenlernen des Hauses zunächst an erster Stelle. Ich freue mich auf das Team und bin gespannt, wie sich die Situation vor Ort abbildet. Das Haus ist ja von seiner Struktur sehr interessant. Es ist eine ehemalige Schirmfabrik von 1928, und das reizt mich allein schon räumlich. Mit der Architektur des Neuen Bauens habe ich mich wissenschaftlich intensiv befasst.

Was genau reizt Sie am Ludwig-Forum?

Ich meine den Laborcharakter, den das Ganze hat. Das Ludwig-Forum ist ursprünglich ein Fabrikgebäude, kein klassisches Museum, kein White Cube. Eine "Denkfabrik", ein Präsentationslabor im besten Sinne. Neben dem Ausstellungsgebäude gibt es zum Beispiel diesen wunderbaren kleinen Garten mit einer Außenbühne und auch im Gebäude selbst noch einmal eine voll funktionierende kleine Theaterbühne. Das sind Aspekte, die ich interessant finde, weil sie der aktuellen Vorgehensweise in der Kunst beziehungsweise den Methoden der Kunst des 20. Jahrhunderts entsprechen, wo man versucht hat, die Kunst auf die Straße, in den Alltag zu bringen und die bildende Kunst mit anderen künstlerischen Gattungen zu verschwistern.

Wo sehen Sie denn in der Architektur des Ludwig-Forums Potenzial für neue Gestaltungsmöglichkeiten?

Das erste, was ich machen will, ist sicherlich den Eingangsbereich mit den Kassen und dem Museumsshop zu verändern. Das ist im Moment eine sehr ungute Situation, wo man mehr oder weniger mit der Tür ins Haus hineinfällt. Der Eingangsbereich bis zur Straße hin muss insgesamt viel attraktiver werden. Bildlich gesprochen: Zur Zeit ist das eher ein Schlupfloch, es sollte viel mehr Sogwirkung entfalten.

Und inhaltlich? Wo wollen Sie mit den Ausstellungen Akzente setzen?

Ein wichtiger Punkt wird sein, ein neues Konzept für das Verhältnis zwischen Sammlung und Sonderausstellung zu entwickeln. Das ist im Moment zu unklar. Ich möchte da eine Schärfung erreichen, denn die Sammlung ist sehr schön und umfasst viele exemplarische Werke, zum Beispiel aus der Pop Art. Die sollten stärker ins Licht rücken. Um neue Displays zu erarbeiten, möchte ich eng mit verschiedenen Akteuren vor Ort und von außerhalb zusammenarbeiten.
Ich finde darüber hinaus monografische Ausstellungen sehr spannend. Mich ermüdet diese Anhäufung von thematischen Ausstellungen. Ich will zwar nicht ausschließen, dass wir auch die eine oder andere thematische Präsentation machen werden, aber ich finde den konzentrierten Blick auf einzelne Positionen oder auch eine Gruppe von Positionen für Aachen besonders reizvoll. Damit lässt sich die Identität des Ludwig Forums behaupten, präzisieren und ausbauen.

Sie sind ja auch eine profilierte Akademikerin, bleibt bei dem Arbeitspensum, das dort auf Sie zukommt, überhaupt noch Zeit zu forschen?

Ich werde mich natürlich nicht aus der akademischen Welt verabschieden, sondern vielmehr an das anknüpfen, was mich in den letzten Jahren beschäftigt hat. Dazu zählt eine kleine Schriftenreihe zu Gegenwartskunst und -theorie, die ich weiterführen werde. Und man muss auch nicht alle Forschung immer alleine machen, sondern es ist natürlich wichtig die entsprechenden Ausstellungsprojekte forschend zu begleiten, etwa durch Symposien und Kooperationen, und das möchte ich am Ludwig-Forum gerne intensivieren. Außerdem: Wie die beeindruckenden Restaurierungsprojekte des Forums zeigen, kann Forschung am Museum auch ganz praxisorientiert und angewandt sein. Das sollten wir weiter entwickeln.