Der Rote Punkt - Hamburg

Nicht so skurrile Objekte

Was in Berlin das "Gallery Weekend" ist, gibt es in Hamburg in abgespeckter Form als den "Roten Punkt" – einen langen Samstag, an dem alle paar Monate zirka 40 Galerien von 12 bis 18 Uhr geöffnet haben und dabei gemeinsame Aktionen anbieten. art war am Wochenende bei einer der Touren durch die Hamburger Galerien dabei
Galerierundgang:Blick auf Hamburg lenken

Die Galerie Hafenrand von Anton C. Kunze zeigt zur Zeit die Ausstellung "ohne mich stehst du im nichts" mit Malerei, Videokunst und Installationen von Hamburger und Leipziger Künstlern

In Thomas Zieglers Ausstellung "Autre Monde" klebt neben Bild Nummer 20, "Ohne Titel" (2008), ein kleiner roter Punkt. Das Werk ist verkauft. Das freut nicht nur den in Hamburg lebenden Maler, der in den frühen 1970ern bei Werner Tübke in Leipzig studiert hat, sondern auch seine Frau Carmen, in deren neuer Galerie in Hamburg-Eimsbüttel er gerade ausstellt.

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Strecken Teaser

Die Räume liegen "ein bisschen ab vom Schuss", wie die Galeristin sagt. "Wir haben eigentlich kein Laufpublikum." Carmen Ziegler hofft deshalb, dass durch den gemeinsamen Galerierundgang "Roter Punkt" mehr Besucher kommen. Wie Angelika Osterwalder von "Osterwalder's Art Office" vermutet sie, dass durch die angebotenen Führungen Besucher, die sich sonst vielleicht nicht hereintrauen würden, in die Galerie kommen.

"Schwellenängste abbauen" möchte auch Marco Ahlers mit seiner "+ art gallery" im Stadtteil Eppendorf. Als die Besucher der Führung eintreffen, sitzt der gelernte Gärtner und Künstler mit seiner Frau und Sponsorin Anne Ahlers, einer Unternehmensberaterin, vor dem Eingang an einem kleinen runden Tisch in der Sonne. "Bei uns steht die Tür immer offen" und "Es gibt keine blöden Fragen" sagt er und erklärt, dass die gerade laufende Ausstellung von Yvonne Pöpperl zu der dreiteiligen Reihe "Dialog zwischen Welten" gehört. Die junge Illustratorin, die in der Werbebranche arbeitet, habe man beim Essen in einem Hamburger Restaurant entdeckt, wo einige ihrer grafisch bedruckten, bunten Leinwände ausgestellt waren. "Ihre Arbeiten spiegeln ein Lebensgefühl wider" sagt Ahlers und zeigt auf die Künstlerin, die gerade einem Besucher bestätigt, dass es sich bei der porträtierten Frau auf dem Bild um die Pop-Ikone Kylie Minogue handelt.

Organisiert wird der "Rote Punkt" von "Galerien für Hamburg e.V.". Ruth Sachse, Sprecherin des Vereins und selbst Galeristin in Eimsbüttel, schätzt, dass es in Hamburg etwa 60 "ernstzunehmende" Galerien gibt, und schließt damit die Läden aus, in denen zwar Kunst verkauft wird, die aber kein regelmäßiges Ausstellungsprogramm organisieren oder deren Kerngeschäft im Verkauf von Kunstutensilien liegt. Nur Galerien, die schon mindestens zwei Jahre in Hamburg aktiv sind, können Mitglied werden. Die zirka 40 Hamburger Galerien, die momentan diesem Verein angehören oder damit als "Freunde des Vereins" assoziiert sind, verteilen sich hauptsächlich auf Ballungsgebiete im Zentrum sowie der Hafencity, in Eppendorf, Eimsbüttel und Altona. Ferner haben sich seit kurzem im Süden der Stadt mit Tinderbox und Oel-Früh neue Galerien angesiedelt.

Malerei-Einerlei der etablierten Galerien

Doch auch innerhalb des größten Hamburger Galerie-Ensembles in der Admiralitätsstraße, mitten im Zentrum am Rödingsmarkt, tut sich was. Neu hinzugekommen ist hier die junge Galeristin Katharina Bittel, die mit einer Einzelausstellung des norwegischen Künstlers Øystein Aasan deutlich Akzente setzt gegenüber dem hübschen Malerei-Einerlei der etablierten Galerien, die sich zu diesem Rundgang überwiegend mit dekorativer Flachware begnügen.

Willkommene Abwechslung bietet da das Atelier 71 mit den Skulpturen Jürgen Albrechts. Wie kafkaeske Schaukästen sind die Arbeiten des Hamburger Künstlers aufgebaut: Die verschachtelte Architektur im Inneren wird geheimnisvoll durch verborgene Lichtquellen ausgeleuchtet, doch der Blick um die Ecke, in den erleuchteten Raum, bleibt dem Betrachter stets verwehrt. "Blau – Zimmer für Kunst" ergänzt am Eröffnungsabend das malereilastige Ausstellungsprogramm der kommerziellen Galerien durch einen kuratierten Videoabend mit zehn Arbeiten von Künstlern aus Marseille.

In einen Wald aus aufgetürmten 0,2-Liter-Plastikbechern treten die Besucher in der Gruppenausstellung "ohne mich stehst du im nichts" in der Galerie Hafenrand im zentralen Hamburger Stadtteil St. Georg, die noch bis zum 13. September die Arbeiten junger Hamburger und Leipziger Künstler zum Thema Landschaft gegenüberstellt. "Nicht so skurrile Objekte", sondern "klassische Skulptur", und daneben hauptsächlich Malerei, bevorzugt hingegen Marion Zimmermann von der Galerie und Malschule Marziart.

Ob kühn, komisch oder konservativ, am Ende zählt bei allen Galerien eins: die Anzahl kleiner roter Punkte in der Preisliste. Auch wenn das mal wieder keiner zugeben mag.