Kunstherbst - Düsseldorf

An der längsten Galeriewand entlang

Die Herbsteröffnung der Düsseldorfer Galerien bietet reichlich Trost für die entfallene Messe
Herbsteröffnung der Düsseldorfer Galerien:Nicht geklappt, bleibt's wie gehabt

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Nachdem sich Düsseldorf im letzten Jahr noch für die Wachablösung am deutschen Kunstmarkt gerüstet hatte, fiel der Katzenjammer über die gleich wieder eingestellte Messe duesseldorf contemporary gemäßigt aus. So ganz mag die lokale Kunstszene den ehrgeizigen Plänen nicht getraut haben, was es leichter machte, wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Asphalt als Erkennungsmerkmal deutscher Landschaft

Dazu gehört schon seit langen Jahren die gemeinsame Eröffnung der Herbstsaison, an der sich dieses Mal 48 Galerien links und rechts des Rheins beteiligten. Das Gros der Teilnehmer erreicht man dabei innerhalb weniger Gehminuten, weshalb sich die für ihre Kneipendichte bekannte Altstadt eigentlich nicht nur der längsten Theke der Welt rühmen dürfte, sondern auch der längsten Galeriewand der Republik. Beides zusammen bietet jedenfalls reichlich Trost für die entgangene Messe.
Mit klarem Heimvorteil startete die Galerie Rupert Pfab in die große Konkurrenz der Vernissagen. Sie zeigt die zweite Einzelausstellung Jochen Mühlenbrinks, eines Meisterschülers von Markus Lüpertz, dessen neueste Serie den nur auf den ersten Blick irreführenden Titel „Asphalt“ trägt. Mühlenbrink malt den deutschen Wald als dichtes Grün am Wegesrand und verwischt Blätter und Zweige dabei so geschickt, dass seine Bilder ohne die realistisch ausgeführte Landstraße auch für reine Abstraktion durchgehen könnten. Die Straße als Erkennungsmerkmal der deutschen Landschaft: so einfach und so grandios lässt sich zeitgenössische Naturerfahrung in Bilder fassen (bis 11. Oktober).
Gleich gegenüber präsentieren Sies + Höke neue Arbeiten des britischen Künstlers Damien Roach. Am Eingang begrüßt uns ein offenbar ironisch gemeinter Avantgarde-Schriftzug, dessen in einzelne Teile zerlegte Buchstaben frei im Raum schweben und überhaupt nur aus einer bestimmten Perspektive heraus lesbar werden. Auch sonst dreht und wendet Roach das Erbe der Pop-Art auf stets verblüffende Weise: Er stapelt T-Shirts des Modelabels American Apparel in einer Vitrine, hängt mit einem eigenen Stempel entwertete Briefmarken an die Wand oder faltet auf Pappe gezogene Fotografien zu schlichtem Origami. Im oberen Stockwerk ist schließlich eine abstrakte Wandmalerei so aufgetragen, dass man nicht umhin kommt, sie mit Füßen zu treten (bis 4. Oktober).

Karikaturen aus dem Hungerturm der Akademie

Klassisches Terrain betritt der Besucher in der Galerie Remmert und Barth. Hier sind kleinformatige Werke des Kölner Künstlers Gottfried Brockmann (1903-1983) zu sehen, der einige Jahre zum erweiterten Kreis der gerade wiederentdeckten „gruppe progressiver künstler“ um Franz Wilhelm Seiwert, Heinrich Hoerle und Gerd Arntz zählte. Mit den Genannten teilt Brockmann die Neigung zu geometrischen Formen und sozialen Typen, aber er verschmäht auch die karikierende Zeichnung nicht. Im Jahr 1926 ging Brockmann als Meisterschüler Heinrich Campendonks nach Düsseldorf und bezog sein Atelier im sogenannten Hungerturm der Akademie. Eine nur farblich blasse Zeichnung erinnert an diese Zeit, in der es für Kunstschüler noch bittere Notwendigkeit bedeutete, selbst kleine Summen schuldig zu bleiben und bei Bedarf mit einem Kunstwerk zu bezahlen (die eigentliche Vernissage findet am 9. September statt, die Ausstellung läuft anschließend bis 8. November).
Beim Besuch der Galerie Ludorff erfährt man dann, dass auch ein späterer Literatur-Nobelpreisträger die Haushaltskasse mit seinem Maltalent aufbessern musste. Um 1916 herum begann Hermann Hesse, eigene Gedichte mit Aquarellen zu illustrieren und diese zum Wohle der Deutschen Kriegsgefangenenfürsorge zu verkaufen. Als die Zeiten schlechter wurden, wanderten die Erlöse stattdessen häufiger auch in Hesses Tasche. Die Aquarelle selbst wissen von solchen Nöten wenig zu erzählen: Sie stehen im Zeichen leuchtender Naturfarben, deutlich ist der Einfluss August Mackes zu spüren, dessen Malerei Hesse durch Mackes Reisegefährten Louis Moillet entdeckte. Über 70 Arbeiten hat Rainer M. Ludorff nach achtjähriger Recherche aus Privatsammlungen zusammengetragen, nicht nur für Liebhaber des „Glasperlenspiels“ hat sich die Mühe gelohnt (bis 31. Oktober).

Fußbodenrelief ala Ikea-Waagen

Schon seit 19. August zeigt Hans Mayer seine Ausstellung „Next: Yesterday Today Tomorrow“. Es ist ein Gemischtwarenladen, aber ein ausnehmend gut sortierter: Im Foyer hat Jacob Dahlgren farblich aufeinander abgestimmte Ikea-Waagen zu einem schicken Fußbodenrelief verlegt, im Hintergrund wartet „Madame Pompadour“ auf einer von Cindy Sherman entworfenen Porzellanarbeit, Jürgen Klauke stellt sich einer „Idiotischen Seinsbefragung“ in 28 Teilen und in einem der hinteren Räume durfte Qui Xiaofei zwei schwere Türen nebeneinander in die Wand hauen. Ein Fall fürs Europäische Parlament ist Melanie Bonajos Fotografie „Furniture Bondage 03“: Sie hat eine nackte Frau so fachmännisch an ihre Haushaltsutensilien gefesselt, dass Nobuyoshi Araki neidisch werden könnte und das Heimchen am Herd dagegen wie die nächste Stufe des Feminismus wirkt (bis 25. September).