Martin Engler - Städel-Museum

Was ihn zum Glühen bringt

Vor kurzem hat Martin Engler die Stelle als Kustos für Kunst seit 1945 im Städel-Museum angetreten. Er soll das Frankfurter Haus zum Hotspot für Gegenwartsmalerei machen. Mit dem Kunsthistoriker, der zuvor im Kunstverein Hannover gearbeitet hat, sprach art-Korrespondentin Sandra Danicke.
"Dynamik in der Stadt erzeugen":Interview mit Städel-Kustos Martin Engler

Martin Engler, neuer Kustos am Frankfurter Städel-Museum

Herr Engler, vor wenigen Wochen haben Sie Ihre neue Stelle als Kustos für Kunst seit 1945 im Städel-Museum angetreten, vermutlich sind Sie noch dabei die Bestände zu sichten.

Nicht nur, es ging relativ schnell zur Sache. Wir haben gleich mit konkreten Projekten und Überlegungen für Ankäufe begonnen.

Hat sich denn schon etwas ergeben?

Einiges und vieles ist noch im Schwange. Es war uns beispielsweise ein großes Anliegen, gemeinsam mit dem Museum für Moderne Kunst eine Peter-Roehr-Ausstellung ausrichten, die unsere und die MMK-Sammlungen sowie wichtige Frankfurter Privatsammlungen zusammenbringt. Über die aktuellen Ankäufe wird demnächst auf einer Reise nach Berlin gemeinsam mit dem "Städelkomitee 21. Jahrhundert" entscheiden.

Wie entwickeln Sie denn Ihr Konzept? Knüpfen Sie an Werke an, die bereits in der Sammlung sind, oder werden Sie unabhängig davon erwerben, was Sie für richtig halten?

Ich glaube, jeder Kurator hat zwei Seelen in seiner Brust. Einerseits hat er persönliche Vorlieben, Dinge, die ihn zum Glühen bringen. Andererseits muss das, was einen zum Glühen bringt, letztlich auch immer vermittelbar sein, und es muss sich auch in einen bestimmten Kontext, den man vorfindet, einfügen. Das heißt, ich habe hier die Sammlung des Städel, die ja sehr kompakt und hochwertig ist, und muss mich daran orientieren.

Die zeitgenössische Kunst im Städel hat doch bislang eher den Charakter eines Sammelsuriums.

Das ist nicht ganz richtig. Zum Beispiel gab es durch die Ankäufe von Klaus Gallwitz einen Schwerpunkt in der deutschen Malerei seit den 1960ern bis in die 1980er; Stichwort Anselm-Kiefer. Auch die Graphische Sammlung hat wichtige Werkgruppen wie beispielsweise Amerikanische Kunst der 1960er Jahre. Ganz aktuelle Arbeiten jedoch gibt es praktisch erst, seit Max Hollein sich des Themas wieder stärker angenommen hat.

Wie wollen Sie daran anknüpfen?

Ich bin in der angenehmen Situation, die Zukunft der zeitgenössischen Sammlung nicht zuletzt aufgrund des geplanten Erweiterungsbaus, der ja der Kunst nach 1945 gewidmet sein wird, völlig neu zu denken und zu überlegen: Was wollen wir eigentlich mit dem 20./21. Jahrhundert im Städel anfangen? In Absprache mit Max Hollein werde ich so was wie einen Dreijahresplan entwickeln, Lücken auffüllen und neue Schwerpunkte setzen.

Wie stark wird man Ihre eigenen Vorlieben künftig im Städel wiederfinden?

Ich denke, ein Museum sollte nie eine esoterische Spielwiese des Kurators werden. Man sollte schon überlegen, wie man die aktuelle Kunstlandschaft im Museum abbilden kann. Auf der anderen Seite ist es aber auch wichtig, keine Dubletten zu schaffen. Nicht dass die Sammlungen in Frankfurt, Köln, Hamburg, München alle gleich aussehen. Da muss man geschickt navigieren zwischen dem Versuch einen Kanon herzustellen und zugleich diesem Kanon einen individuellen Stempel aufzudrücken.

Dubletten-Angst scheint es aber doch schon in der eigenen Stadt zu geben. Das Museum für Moderne Kunst befürchtet mit dem neuen Sammlungsschwerpunkt einen Konkurrenten um Werke, Sponsoren und Aufmerksamkeit.

Ich sehe diese ganze aufgeregte Diskussion über Konkurrenz sehr entspannt. Der stellvertretende MMK-Direktor Andreas Bee und die künftige Direktorin Susanne Gaensheimer sehen das, denke ich, ganz ähnlich. Es geht uns ja nicht darum, die Ellbogen auszufahren, sondern darum, dass man eine Dynamik in der Stadt erzeugt, die für alle Seiten einen Mehrwert erzeugt. Ich denke, es gibt kaum eine Stadt, in der gerade soviel in Sachen Gegenwartskunst bewegt wird, wie in Frankfurt.

Sie werden also keine Arbeiten von Künstlern kaufen, die bereits vom MMK gesammelt werden?

Das kommt auf den Fall an. Wenn uns eine Arbeit von Peter Roehr oder Jeff Wall angeboten wird, werden wir vermutlich nicht nein sagen können. Natürlich denkt man die eigene Sammlung immer auch im Kontext dessen, was rundherum passiert. Aber wichtig ist vor allem, dass die Sammlung stimmig ist. Ich würde auch nicht ausschließen, dass wir uns Teile der Sammlungen gegenseitig ausleihen. Die Sammlungen sind ja keine Festungen, die sich feindlich gegenüber stehen.

Wird das Hauptaugenmerk im Städel auch weiterhin auf der Malerei liegen?

Ja, allerdings wird es auch darum gehen, wie man heute diesseits und jenseits des Tafelbildes Malerei definiert. Es gibt da ja viele hybride Formen, Malerei umzusetzen. Da sind sicher Positionen wichtig wie Amelie von Wulfen oder – in der Vergangenheit – Ellsworth Kelly. Aber klar: Das Städel ist im Wesentlichen ein Malereimuseum, und das wird sich auch nicht grundlegend ändern.

Wie steht es mit den Vertretern der Leipziger Schule? Zu klassisch?

Das ist einer der Punkte, wo ein Museum die Möglichkeit hat, ein bisschen die Hitze aus dem Betrieb zu nehmen, weil wir da eben nicht so schnell reagieren müssen, wie eine Ausstellungshalle. Gegen ein gutes, frühes Bild von Neo Rauch habe ich aber nichts.

Welche Qualitätskriterien haben Sie bei zeitgenössischer Kunst, deren Wert ja nach Jahrzehnten häufig ganz anders eingeschätzt wird?

Es wird bei zeitgenössischer Kunst immer Momente geben, wo man in produktiver Weise mit Missverständnissen arbeitet. Qualität muss auch immer ein Moment der Subjektivität beinhalten. Man kann dafür keine Formel finden. Man muss in der eigenen Tätigkeit eine Schlüssigkeit vermitteln können, wofür man steht und wie sich das, was man tut, in einen Gesamtkontext einfügt.

Wenn Sie jetzt noch entscheidende Werke der siebziger, achtziger, neunziger Jahre nachkaufen wollen, sind Sie aber spät dran. Das ist doch mittlerweile wahnsinnig teuer.

Erstaunlicherweise sind manche Werke, die wir gerne hätten, gar nicht so teuer.

Welche wären das denn?

Arbeiten von Raoul de Keyser zum Beispiel oder Konrad Klapheck, die sind beide noch unterschätzt. Manches ist natürlich unerschwinglich. Aber da kann man auch andere Wege gehen.

Wie funktioniert das?

Indem man privaten und öffentlichen Sammlern vermittelt, dass es wichtig wäre, wenn bestimmte Arbeiten bei uns im Haus für die Öffentlichkeit zugänglich wären. Eine besonders wegweisende Lösung hat das Städel zum Beispiel mit der DZ Bank gefunden, indem wir eine gemeinsame GmbH gegründet wurde, die nun Eigentümerin des Foto-Konvolutes ist, das die Bank uns übergeben hat. Das finde ich beispielgebend für die Museumslandschaft.

Trotzdem brauchen Sie ein Budget.

In meinem Arbeitsfeld gibt es das "Städelkomitee 21. Jahrhundert" mit Sylvia von Metzler an der Spitze, das sich extrem stark für das Museum engagiert. Da kommt ein guter sechsstelliger Betrag zusammen. Für jemanden wie mich, der von einem Kunstverein kommt, ist das wie im Paradies. Das ist eine wunderbare Grundlage, um auf hohem Niveau zu arbeiten.

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