Roger M. Buergel - Miami Art Museum

Ein bisschen Wärme wird mir gut tun

Documenta-12-Leiter Roger M. Buergel wird Chefkurator und stellvertretender Programmleiter des Miami Art Museums. 2012 wird der von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron entworfene Neubau des Museums eröffnet. Im Interview mit art spricht der Kurator über den Kunststandort Miami und über die dortigen Aufgaben eines öffentlichen Museums.

Herr Buergel, Sie haben gerade die Stelle als Chefkurator im Miami Art Museum angenommen. Soll die documenta-Idee der "Palmenhaine" als Ruheoasen nun nicht mehr nur symbolisch, sondern in die Realität umgesetzt werden? Was reizte Sie an dem Angebot?

Ganz viel. Das mit den Palmen ist sicher auch ein Element. Aber hauptsächlich geht es natürlich darum, sich zu überlegen, was man nach einer Ausstellung wie der documenta macht. Ich war nie ein Typ, der jeden Monat eine Ausstellung realisiert. Ich habe vielmehr immer etwas in Angriff genommen, wenn es mir unter den Nägeln gebrannt hat oder ich eine Idee hatte. Was jetzt vor allem droht, ist die Notwendigkeit, eine Sammlung zu begründen; auszulegen, was man sammelt, warum man sammelt und was das überhaupt bedeutet, Sachen anzuhäufen. Das aber in einem Klima, das in einem hohen Maße durch den Automatismus von Privatsammlungen geprägt ist und dem Konformismus, der diesem eingeschriebenen ist. Diese Spannung interessiert mich.

Gerade deswegen stellt sich die Frage, welche Rolle ein Haus wie das MAM in einer Stadt spielen kann, in der kunstbeflissene, reiche Sammler eher das Interesse verfolgen, ihre eigenen Sammlungen zu pflegen. Worin sehen Sie die Aufgaben des öffentlichen Museums?

Ich glaube, dass die wesentliche Aufgabe des Hauses tatsächlich eine Bildungsaufgabe ist. Das ist etwas, das es in Privatsammlungen einfach nicht gibt. Dafür gibt es weder einen Ethos noch eine Methode. Darüber hinaus ist natürlich auch die Klientel einer öffentlichen Institution eine wesentlich andere als das Partypublikum. Von daher ist Miami vielschichtiger, als das, was einem aus diesen Klischees entgegenleuchtet. Miami ist eine Stadt mit sehr vielen unterschiedlichen Communities, mit sehr prononcierten Geltungsansprüchen, und sie ist eher ein multikulturelles Mosaik als ein Melting Pot wie New York. Das ist das Interessante, sich das – ähnlich wie wir es auch auf der documenta versucht haben – vom Publikum beibringen und Perspektiven in das Haus hineintragen zu lassen und nicht nur eine Vitrine zu sein.

Haben Sie keine Bedenken, dass dieses Konzept beim Kunstpublikum in Miami nicht ankommen könnte? Es ist offensichtlich so, dass man die Stadt zunächst mit kommerziellen Events wie der Art Basel Miami Beach und somit auch mit dem Kunstmarkt assoziiert. Wollen Sie dennoch die Kunst weiter nach ästhetischen Maßstäben beurteilen?

Wie gesagt gibt es den Unterschied zwischen dem, was man geläufig mit Miami assoziiert und dem, wie Miami darüber hinaus auch noch ist. Die Art Basel ist dabei eher ein Minoritätendiskurs. Die Messe läuft drei bis vier Tage im Jahr, und rein quantitativ ist das lächerlich, wie viele Leute eine Kunstmesse besuchen im Gegensatz zu einer documenta oder einem Museum, das funktioniert. Andererseits interessieren mich gerade diese Probleme und Konfliktlinien. Ich will mich ja auch selbst unterhalten.

Ihr Ziel ist es demnach, die Aufmerksamkeit des Kunstpublikums für Miami über diese Dezembertage hinaus das ganze Jahr über zu gewinnen und die Stadt als Kunststandort zu etablieren und interessanter zu machen?

Ja, ich will ein großes Publikum das ganze Jahr über und nicht nur die Leute, die für das Event eingeflogen kommen, wobei ich das auch interessant finde – nicht, dass ich ein Partyverweigerer wäre. Aber ich will tatsächlich diese Sinnfrage stellen und über Inhalte reden.

Gibt es denn bereits konkretere Pläne, vielleicht einen konzeptionellen Entwurf für die Eröffnungsausstellung?

Das ist alles viel zu früh. Natürlich fange ich jetzt schon an, über das Haus nachzudenken und tue das auch schon seit einem Vierteljahr. Aber die Eröffnungsausstellung wird erst 2012 sein. Und ich habe ja bis März auch noch meine Professur in Karlsruhe.

Direktor Terence Riley verspricht sich einen kritischen internationalen Dialog. Was haben Sie vor, um diesem Wunsch gerecht zu werden?

Ohne Frage ist das Museum mit Hinblick auf die Nord-Süd-Achse – also USA und Lateinamerika – gut aufgestellt; Miami spielt ja für Lateinamerika eine große Rolle. Und der nächste Schritt muss sein, eine ähnlich kraftvolle West-Ost-Achse beizugeben. Das heißt, wir arbeiten nach wie vor an der Vorstellung eines universalen Museums, dazu gibt es keine Alternative und die Frage ist, mit welchen Methoden es einem gelingt, viele Perspektiven unter einen Hut zu bringen, ohne dass es seicht und unübersichtlich wird. Aber auch, ohne kriminelle Ausschlüsse zu produzieren. Und das geht wie bei der documenta auch über "trial and error", denke ich.

Welche Rolle spielt diesmal Ihre Frau Ruth Noack? Hat man auch hier automatisch ein Kuratoren-Duo eingestellt?

Nein, Ruth hat keine Position im MAM.

Ist das nicht auch ein erheblicher Lebensstilwandel, mit dem Sie sich arrangieren müssen? Zu documenta-Zeiten haben Sie häufig betont, es sei Ihnen wichtig, genug Zeit mit der Familie verbringen zu können.

Zeit mit Kindern kann man ja auch in Miami verbringen. Und dieser Lebensstil im Rahmen der documenta war auch nicht einfach, da damit unter anderem 80% Reiseaktivitäten verbunden waren, vor allen Dingen in der Vorbereitungszeit. Auch der Aufbau nahm zwanzig Stunden am Tag in Anspruch. Und während der 100 Tage ist man sowieso rund um die Uhr im Einsatz. Danach ist man unbrauchbar. Das heißt, es ist immer ein Konflikt gewesen. Ich denke, daran wird sich auch nichts ändern. Ich finde es aber auch wichtig, diesen Konflikt auszutragen und nicht zu einer nomadischen Kunstweltexistenz zu werden.

Dieser Schnitt scheint Ihnen auch besonders wichtig zu sein, Europa – vornehmlich Deutschland und die Schweiz - zu verlassen und neues Ausstellungs-Terrain zu betreten.

Ja schon, auch ein bißchen Wärme wird mir gut tun. (lacht)

Wie reagieren Sie denn auf die vielen Hiobsbotschaften seitens des amerikanischen Finanzmarktes? Empfinden Sie diese als besorgniserregend?

Nein, ich finde das klasse! Mich hat diese Dekadenz immer angeekelt und ich denke mir, dass das jetzt eine gute Zeit ist, um konstruktiv zu arbeiten. Und dann muss man sich die Vergangenheit in Erinnerung rufen. Das Museum of Modern Art ist eine Woche nach dem Börsencrash 1929 gegründet worden – also das ist die Richtung.

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