East Midlands - England

Die Region lebt

Die britische Region East Midlands, einst Zentrum der industriellen Revolution, versucht, durch Kultur ihr Image aufzubessern. Rund 120 Millionen Pfund wurden in drei neue Projekte investiert: Die Museen Nottingham Contemporary und The Quad in Derby sowie das Theater The Curve in Leicester sollen zeigen, dass die Region lebt und auch in der Provinz aufregende Kunst entsteht.
Die Region lebt:Nottingham Contemporary und The Quad

Noch ist Nottingham Contemporary eine Baustelle – doch es ist schon erkennbar, dass hier ein spannendes neues Kunstzentrum entsteht

Wie eine Welle wickelt sich die grüne Blechhaut um das Gebäude. In Wirklichkeit ist sie aus Beton, auf ihrer Oberfläche scheinen filigrane Spitzenmuster auf. Aus der grünen Fassade ragen zwei golden glänzende Kuben heraus, ihre Funktion wird erst im Inneren ersichtlich. Noch ist Nottingham Contemporary eine Baustelle, doch schon ist erkennbar, dass hier in der größten Stadt der englischen Region East Midlands, wo im 19. Jahrhundert die Herstellung von Spitze mit Maschinen das mühsame Klöppeln per Hand ablöste, ein aufregendes Kunstzentrum entsteht.

In den vier Ausstellungsräumen, zwei von ihnen unter den goldenen Kuben, mit einer Gesamtfläche von fast 2000 Quadratmetern möchte Gründungsdirektor Alex Farquharson nach dem Vorbild einer deutschen Kunsthalle ein internationales Programm gestalten, beginnend mit seiner Eröffnungsschau im nächsten Jahr, in der er die Faszination osteuropäischer Künstler für Sience-Fiction unter die Lupe nehmen will.

Doch sein Programm hat schon vor Monaten begonnen, mit einer Serie von Ausstellungen an verschiedenen Orten der Stadt mit dem Titel "Histories of the Present". Die letzte hat gerade in den Zellen eines leer stehenden Polizeireviers aufgemacht. "The Impossible Prison" konfrontiert die Arbeiten von 16 internationalen Künstlern mit den Thesen des französischen Philosophen Michel Foucault zu Disziplin und Bestrafung. Haroun Farocki zeigt seine aus brutalem Filmmaterial aus einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis zusammengebaute Arbeit "I Thought I Was Seeing Convicts" (2000), Bruce Naumanns zwei Videos, in denen der Künstler obsessiv eine Geige stimmt und ständig ein auf den Fußboden gezeichnetes Quadrat abschreitet, sind klaustrophobisch und absurd zugleich, Vito Acconcis Videos aus den siebziger Jahren sprechen von der Isoliertheit des Individuums, die in den Waschräumen gehängten Aquarelle der niederländischen Gruppe Atelier Van Lieshout zeigen mit alptraumhafter Präzision die Gängelung des Menschen. Die von Insassen der Zellen an die Wände gekritzelten Graffiti unterstreichen nur noch den düsteren Tenor der Schau.

Eine Elegie über Veränderung und Entwurzelung

Die Region East Midlands, einst eines der Zentren der industriellen Revolution, versucht, durch Kultur ihr Image aufzubessern, und lässt sich das viel Geld kosten. Nottingham Contemporary, The Quad in Derby und das Theater The Curve in Leicester sollen zeigen, dass die Region lebt, dass hier aufregende Kunst gemacht wird. Aber auch solche, die ein neues Publikum anlockt, denn "Inklusivität" ist auch hier ein In-Wort. Wie im gerade eröffneten Kulturzentrum New Art Exchange, ebenfalls in Nottingham, für die Kunst farbiger Minderheiten, in dessen Galerie die in Nigeria geborene Sokari Douglas Camp mit ihren farbigen, bedrohlichen Eisenplastiken nach ihrer Identität als Immigrantin fragt.

Am bescheidensten gibt sich The Quad in Derby, ein eleganter Bau aus örtlichem Stein mit einem farbigen, quaderhaften Vorbau auf Stelzen. Zwei einladende Kinosäle sowie mehrere Medienwerkstätten bilden den einen Flügel des Zentrums, ein Ausstellungsraum den anderen. Hier hat das Zwillingspaar Jane und Louise Wilson mit "Spiteful of Dream" für die Eröffnungsschau eine beeindruckende Videoinstallation aufgebaut. Auf zwei von der Decke hängende, offene Kuben, teils Leinwand, teils Spiegel, projizieren sie Bilder aus den Fabriken der beiden wichtigsten Arbeitergeber der Stadt, aus Lautsprechern klingen Stimmen von Asylanten – eine Elegie über Veränderung und Entwurzelung.

Hauptdarsteller war das Gebäude selbst

Glanzstück der neuen Kultureinrichtungen ist das Theater der Stadt Leicester. Intendant Paul Kerryson nennt The Curve des ecuadorianischen Architekten Rafael Vinoly ein "von innen nach außen gekehrtes Theater." Durch die geschwungene Glasfassade kann man von außen ins Innere der beiden wie Inseln in den Bau gesetzten Theaterräume sehen, wenn deren Wände hochgefahren werden; auch Werkstätten und Probe- sowie Umkleideräume sind einsehbar. Ein Theater ohne Geheimnisse also, dessen Magie offen gelegt und auf andere Weise erzeugt wird. Hauptdarsteller der Eröffnungsvorstellung, mit Zirkus, indischen Tänzern, Gospelmusik und Turnern, war das Gebäude selbst.

Mehr als 120 Millionen Pfund hat die Region East Midlands in ihre neuen Kultureinrichtungen in den drei Städten gesteckt. Die Erwartungen sind hoch, doch in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten wird es nicht leicht sein, die zu ihrem Unterhalt notwendigen Mittel locker zu machen. Wenn der Gürtel enger geschnallt werden muss, bleibt oft die Kultur zuerst auf der Strecke. Theaterintendant Paul Kerryson spricht für seine Mitstreiter in Derby und Nottingham: "Wer sich durch künstlerische Nivellierung anzubiedern versucht, wird schnell eingehen. Nur wenn wir ein hohes Niveau halten, werden wir überleben."