Kunstmuseum Moritzburg - Sachsen-Anhalt

Bewusst eigenwilliger Auftritt

Halle feiert, angeführt vom Bundespräsidenten: Horst Köhler persönlich reist heute Abend an die Saale, zum Festakt in der Moritzburg. Nach vier Jahren Umbau präsentiert sich das Landeskunstmuseum Sachsen-Anhalt mit einer aufsehenerregenden Architektur im Gewand einer spätmittelalterlichen Trutzburg – doch vor allem lässt das Haus über den weiten Bogen seiner Schätze staunen, von denen vieles ständig im Depot lagerte.
Halle feiert, angeführt vom Bundespräsidenten:Eröffnung der Moritzburg

Die spätmittelalterliche Trutzburg – mit ihrem neuen Dach

Auch wer die hallesche Moritzburg nur vom Hörensagen kennt, dem wird vermutlich Feininger einfallen. Der einstige Bauhäusler hat 1930 im Torturm einen Bilderzyklus mit Motiven aus Halle gemalt. Dass das bei Verehrern des Künstlers in aller Welt bekannt ist, dafür sind Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano der beste Beweis.

Das Architektenpaar aus Madrid gewann 2004 den Wettbewerb zum Umbau des Bauwerks mit seiner Idee eines kühn aufgefalteten Dachs, das verkleidet mit Aluminium in der Sonne gleißen sollte. Für dieses Gebilde aus Keilen und abgeschrägten Flächen beriefen sie sich auf die Vielfalt der vorhandenen Dächer an der Moritzburg, aber ausdrücklich auch auf den Maler prismatisch gebrochener Flächen und spiegelnder Lichtführung.

Nun zeigt sich, dass die Architekten ihr Vorbild noch mit einer viel größeren Hommage ehren. Das Dach erschließt auf der Westseite der alten Festung einen Flügel, der seit dem Dreißigjährigen Krieg als Ruine zum Himmel offen war. Im Innern – einst Festsaal des mächtigen Kardinals Albrecht von Brandenburg – öffnet eine Empore den Blick in den Raum und zugleich nach außen, über die Dächer und Türme der Stadt, die Feininger in seinen elf "Halle"-Bildern so lichtdurchflutet darstellte. Nur zwei davon, der "Dom" und die "Marienkirche mit dem Pfeil", fanden nach dem Krieg aus den Wirren der Aktion "Entartete Kunst" wieder an den Ursprungsort zurück. Jetzt wirkt das Panorama wieder in diese Bilder hinein, und das Museum stellt einen imposanten Grafikschrank dazu, der Feiningers Motivsuche auf den Straßen der Stadt in hingehauchten Kohleskizzen birgt.

Sammlung Hermann Gerlinger war ein Glücksfall

Wenn das schon Grund genug ist, nach Halle zu reisen, so ist es erst recht das Wiedersehen mit einer Sammlung, die noch immer von ihrem Nimbus zehrt, einmal Vorreiter der Avantgarde gewesen zu sein. Jedenfalls waren es Max Sauerlandt und Alois Schardt – letzterer Feiningers Auftraggeber – die in den Jahren der Weimarer Republik Anstoß erregten, weil sie die Expressionisten sammelten. Davon ist nur vereinzelt etwas übrig geblieben, aber es gibt der Moritzburg einen Fokus.

Das Verlorene steckt einen Rahmen, an dem sich Neuerwerbungen, Schenkungen und Leihgaben ausrichten können. Zum Beispiel die kleine, feine Sammlung Kracht, die derzeit den Bestand an Franz Marcs Tierbildern und -plastiken so erfreulich abrundet, nachdem schon eines der früheren Publikumsmagneten für den Fundus erworben werden konnte – die "Schlafende Katze", die jetzt auf Mousepads und Brillentüchlein im Shop zu finden ist.

Der spektakulärste Glücksfall für das Museum war daher vor wenigen Jahren die Sammlung Hermann Gerlinger. Der frühere Würzburger Fabrikant hat diesen Fundus von Werken der "Brücke"-Künstler von jungen Jahren an mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit aufgebaut und dabei keine Gattung ausgelassen, was denn auch in vielfach wandlungsfähigen Querbeziehungen von Malerei, Aquarell, Zeichnung, Holzschnitt und anderer Druckgrafik den besonderen Reiz ausmacht. Die Aussicht auf eine engere Anbindung dieser Sammlung sollte die Moritzburg über Jahre elektrisieren, aber auch frustrieren: In einer jähen Wendung wollte Gerlinger seine Schätze nach Bern geben. Es kam anders, und damit zur "unbefristeten Dauerleihgabe". Gerlinger und seine Stiftung, die er eigens für die Sammlung gründete, behalten Einfluss, aber kein Kündigungsrecht.

Der Auftritt ist bewusst eigenwillig

Für die Moritzburg war dies der endgültige Anstoß für die ehrgeizigen Ausbaupläne. Direktorin Katja Schneider mit tatkräftiger Unterstützung des Landeskultusministers Jan-Hendrik Olbertz setzten dank EU-Fördergeldern in die Tat um, wovon schon Sauerlandt geträumt hatte: den West- und den Nordflügel ganz für das Museum nutzbar zu machen.

Kein Wunder also, dass eine repräsentative Auswahl aus der Sammlung Gerlinger am Anfang steht und mit Aplomb daherkommt: in einer Serie von Kojen aus Stellwänden, die im Spektrum der "Brücke"-Maler in Lindgrün, tief Orange, Lichtblau und dunklem Purpur getönt sind. Das pfeffert die einstmals provokanten Akte von Nacktbadenden und die kantigen Porträts noch einmal kräftig auf, lässt aber blassere Töne in den Grafiken verschwimmen.

Der Auftritt ist bewusst eigenwillig und macht den Übergang in die angestammte Sammlung umso abrupter. Die nämlich ist achsial verschoben auf Stellwänden, die diagonal den Raum durchschneiden, zugleich mit einem blassen Grau auskommen. Die einsamen Höhepunkte sind aus der Reihung gedreht, und so steht man überrascht vor der "Phantastischen Flora" von Paul Klee oder Emil Noldes "Boot im Schilf" und passiert die Eigenwelten der Expressionisten, der Neuen Sachlichkeit oder des Konstruktivismus. Die Stellwände blockieren auch nicht, anders als im vorderen Teil des Saals, die raue Würde des Bruchsteinmauerwerks, das unter dem Pathos der weißen Deckenlandschaft so gut zur Geltung kommt. In dieser Umgebung finden auch die Plastiken von Wilhelm Lehmbruck zu neuer Aufmerksamkeit, die die Nazis bei der "Säuberung" offenbar übersahen – zum Glück auch deshalb, weil es seltene frühe Güsse mit der ihnen eigenen Patina sind.

Die neuen Räume sorgen für herausragende Überraschungen

Über dem Saal führt eine Galerie entlang verglaster Brüstungen in eine der hängenden "Boxen", die den Räumen nebst der Deckengeometrie ihr Gepräge geben und für mehr Ausstellungsfläche sorgen. So gibt es nun überhaupt erst Platz für die Nachkriegsmoderne, freilich aus einer sehr spezifisch ostdeutschen Sicht. Denn die spiegelt die Erfahrung der DDR in all ihren Widersprüchen und Brüchen. Je ein Exponat muss genügen, um mit Werken von Hermann Bachmann, Herbert Kitzel und einem frühen Willi Sitte die kurzlebige, vom "Formalismus"-Streit überholte hallesche Schule der fünfziger Jahre anzudeuten, dann die Leipziger Größen Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig und mit Wolfram Ebersbach einen ihrer Ausläufer anklingen zu lassen.

Auf der anderen Seite behauptet sich der Gegenpol, dargestellt an Einzelgängern: der Dissident Eberhard Göschel, der Sturkopf Horst Bartnig, vor allem aber der berserkerhafte "Neue Wilde" Einar Schleef, der sein biografisch aufgeladenes Werk hinter seiner Berühmtheit als Bühnenmann versteckte. Die Moritzburg erbte erst kürzlich seinen Nachlass, doch mit dem Dresdner Außenseiter Hermann Glöckner war das anders: Dieses Lebenswerk geometrischer "Faltungen" kam über Jahre still ins Haus. In anderen Zusammenhängen wäre es als Weltniveau anerkannt gewesen. Nicht, dass nach der Wende keine "Westkunst" den Weg in die Moritzburg gefunden hätte – das belegen etliche Ausstellungen, besonders auch der experimentellen Fotografie, von denen einzelne Exponate einen älteren Traditionsstrang ergänzen, aber eben keine Trends aufzuholen versuchen.

Werkschau des Büros Nieto/Sobejano

Das Erschließen neuer Räume macht letztlich die alten frei: Und sorgt da für die eigentlich herausragende Überraschung. Wie stark war doch das 19. und 20. Jahrhundert im Blick schon von Anfang an – mit der Romantik quer durch alle Facetten der Ruinenmaler, Nazarener, Deutschrömer und hinein in die Sphären der Naturalisten und Symbolisten. Das Angebot ist auf beständigem Niveau durchgehalten, so dass man am Ende vergessen könnte, dass ja eine neue Tradition nun erst noch anzufangen ist. Was wird die Moritzburg künftig mit ihrem Raum für Wechselausstellungen anfangen? Fürs erste ist er einer Werkschau des Büros Nieto/Sobejano vorbehalten. Mitte des nächsten Jahres hört man von Feininger: Sein "amerikanisches Werk" kommt in den Blick. Das mag hierzulande selten Gesehenes zu bieten haben – aber es zeigt, dass sich die Moritzburg doch erst einmal auf die Wirkkraft der Namen verlässt, die mit dem Haus schon verbunden sind.

Kunstmuseum Moritzburg

Termin: Ab dem Wochenende ist die Moritzburg für das Publikum zugänglich: Di 11–20.30 Uhr. Mi-So 10–18 Uhr.
http://www.kunstmuseum-moritzburg.de/

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