Lucky Kunst - Gregor Muir

Aufstieg und Verfall der frühen britischen Kunst

Er war selber dabei, und so authentisch ist auch Gregor Muirs Rückblick auf die Anfänge der britischen Kunstszene. In "Lucky Kunst" porträtiert er Künstler wie Damian Hirst und Tracey Emin am Anfang ihrer Karriere und beschreibt die Untergrundszene Londons.
Buchvorstellung:Rückblick auf die frühe britische Kunstszene

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Eine Szene wie in einem Film, in dem Teenager über die Stränge schlagen, doch sie trug sich wirklich zu. "Von weitem sah ich Jay Jopling, der etwas auf seiner Schulter trug. Dieses Etwas entpuppte sich als Tracey Emin, so verkatert, dass sie nicht laufen konnte. Er setzte sie ab, sie kroch ein paar Meter auf dem Boden und kotzte in einen kleinen Springbrunnen. Eine Frau schaute entsetzt zu."

Das war 1993 auf der Kölner Kunstmesse. Und es ist bei weitem nicht die einzige peinliche Szene in Gregor Muir’s Buch "Lucky Art". Ebenfalls in Köln betranken sich der Autor und Jake Chapman so sehr, dass sie nachts ins Messegebäude eindrangen und sämtliche Bilder umhängten. Und auf einer anderen Messe durften Besucher für 50 Pence die bemalten Hoden von Angus Fairhurst und Damien Hirst begutachten. Mit dem Ertrag konnten die beiden zufrieden sein.

Gregor Muir, Kritiker, Kurator der Tate Modern und heute Direktor der Londoner Dependance des Schweizer Kunstmultis Hauser & Wirth, beschreibt sich selbst als "eingebetteten Journalisten". Eingebettet in der jungen Szene, geduldet von den Künstlern, mit denen er sich herumtrieb, diskutierte, feierte. Wie ein Kriegsreporter im Irak, der amerikanischen Soldaten über die Schulter schauen durfte. Den Buchtitel entlehnte er einer von ihm kuratierten Schau in einem leerstehenden Laden in Soho. Gary Hume zeigte sein später berühmtes Gemälde "Tony Blackburn", ein radikaler Neubeginn nach seinen mit Dispersionsfarbe gemalten Türen, Sam Taylor Wood ihr Video "16 Millimeter", in dem ein junges Mädchen im Dunkeln zum Rattern eines Maschinengewehrs tanzt, und die Zwillinge Jane und Louise Wilson großformatige Fotos von heruntergekommenen Interieurs.

In den achtziger Jahren, dem "Jahrzehnt mit Mundgeruch", geprägt von der "Iron Lady" Margaret Thatcher und ihrem rüden Kapitalismus, kam der Provinzjunge Muir in London an. Vergeblich versuchte er sich an der Kunstschule, schlidderte in den Journalismus und in die Kreise der jungen Künstler, die später als Young British Artists Karriere machten. Hautnah erlebte der schreibende Groupie, wie sie arbeiteten, und vor allem sich amüsierten. Das war anfangs garnicht so leicht, fast stolz zitiert er Tracey Emin: "Wir alle waren damals ziemlich mittellos, und dann gab es noch Gregor, der garnichts besaß." Das East End, wo sie wohnten und ihre Ateliers hatten, war heruntergekommen, rattenverseucht, in feuchten leerstehenden Lagerhäusern organisierten sie Ausstellungen.

London, so schreibt Muir, "war damals einfach noch nicht vernetzt." Keine blühende Galerienszene, keine Tate Modern. Dass sich das grundlegend änderte, dafür sorgten seine Freunde. Wie Damien Hirst, "ein kecker, kampflustiger Windstoß von einem Menschen", der 1988 mit seiner Schau "Freeze" die YBAs ins Rollen brachte. Oder Tracey Emin und ihre Kumpanin Sarah Lucas, die in Bethnal Green im East End einen skurrilen Laden betrieben, in dem man von ihnen angefertigte "Rothko Decken" aus burgunderrotem Stoff, "Damien Hirst Aschbecher" mit einem Foto des Künstlers und von Lucas aus Bierdosen geformte Penisse kaufen konnte. Und natürlich Jay Jopling, der Sohn aus reichem Haus, der mit seinem Charme Sammlern für seine Schützlinge Geld aus der Tasche lockte.

Die jungen Wilden wollten ernst genommen werden, forderten ihren Platz in der Szene. Leicht hatten sie es nicht, erzählt Muir, denn die meisten Galeristen, Sammler, Kuratoren, Kritiker entstammten einer anderen Welt. Hirst war der Sohn einer alleinerziehenden Mutter im nordenglischen Leeds, der Vater hatte sich davongemacht; Emins Vater war türkischer Zypriote, auch er war abwesend, ihre Mutter wurde im Seebad Margate als "Flittchen" beschimpft; Lucas stammte aus einem Nordlondoner Arbeiterviertel, sie war laut, doch ihre Erziehung ließ zu wünschen übrig. Also rannten sie die Türen ein oder verschafften sich auf Schleichwegen Einlass. Und sie machten Schlagzeilen, nicht nur wegen ihrer provokativen, zynischen Kunst, sondern auch wegen ihres hedonistischen Lebenswandels. Den der Zeitzeuge Muir in allen Details beschreibt, an Analyse fehlt es ein bisschen.

Sein fast nostalgischer Rückblick auf eine schwere, aber goldene Zeit endet mit der Schau "Sensation" in der Royal Academy, in der Supersammler Charles Saatchi 1997 die Kunst der YBAs einem erstaunten und entrüsteten Publikum vorstellte, und die endgültig ihren internationalen Erfolg besiegelte. Und dem darauf folgenden, allmählichen Zerfall der Gruppe, die aber nie eine echte Gruppe war. Die frechen Underdogs von einst hatten sich zum künstlerischen Establishment gemausert, reich und satt. "Für mich war es vorbei", schreibt der Autor. Endgültiger Schlusspunkt für ihn: der Brand in einem Lagerhaus im East End, in dem viele berühmte Werke seiner Freunde verbrannten. Und so schließt sein Epilog mit dem Satz: "Vielleicht sollten da die YBAs enden. In Asche begraben, irgendwo im East End, nicht weit entfernt von da, wo alles begann."

Lucky Kunst. The Rise and Fall of Young British Art.

Aurum Books, Preis: 14,99 Pfund.
http://www.aurumpress.co.uk