Zauber der Ferne - Wien Museum

Sonntagsfahrt zum Mond

"Imaginäre Reisen im 19. Jahrhundert" kann man dieser Tage im Wien Museum erleben. Ein wundersamer Ausflug in die Welt der Kosmoramen, Guckkästen, Jahrmarktsensationen – und das Venedig am Donaukanal.

Die Sehnsucht nach der Ferne und die voyeuristische Neugier auf fremde Kulturen haben die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu einfallsreichen Kuriositäten getrieben. Nicht zuletzt die Erfindung der Eisenbahn löste einen wahren Run auf das Reisen aus, das nun nicht mehr Inhalt trockener Berichte war, sondern ein aufregendes Abenteuer durch wildromantische Landschaften in greifbarer Nähe. Tatsächlich konnten es sich die wenigsten leisten, wirklich eine Exkursion ins Ausland zu unternehmen. Not macht ja bekanntlich erfinderisch, und so wurde das ferne Land einfach vor die Haustür der reisehungrigen Gesellschaft transferiert.

Die Illusionstechniker von Jahrmärkten und Theaterbühnen hatten alle Hände voll zu tun: Um Schaulustigen das Gefühl zu geben, auf Jules Vernes Pfaden zu wandeln, wurden allerlei Hilfsmittel erfunden, die in den Räumlichkeiten des Wien Museums mit viel Liebe zum nostalgischen Detail wieder aufleben.

Auf zur Zimmerreise nach Ägypten, der Nordpol liegt gleich nebenan! Durch zwei Öffnungen kann man im Inneren des so genannten Guckkastens bequem bunt bemalte Miniaturkulissen ferner Länder bestaunen. Das Panorama hat da schon eine beeindruckendere Wirkung; steht man doch wie auf einer Dachterrasse meterlangen Rundgemälden von Städten und Landschaften gegenüber. Entzückend zu beobachten sind die Projektionen aus der "Laterna Magica", die kreisrunde Bildchen an die Wand wirft. Der Eindruck, tatsächlich über die Dächer von London oder Mexiko zu blicken, einen Sturm auf hoher See mitzuerleben oder die Oberfläche des Mondes wie durch ein Fernrohr zu betrachten, scheint für unsere heutigen Begriffe ein wenig naiv. Man muss sich aber vorstellen, dass das solche Bilder für die Menschen damals eine unglaubliche Erweiterung ihres Wissenshorizonts darstellten. Im 19. Jahrhundert, der Zeit der großen Weltausstellungen, hat die Erschließung der Welt erstmals in den Köpfen der breiten Bevölkerung begonnen. Angst und Begeisterung für die Fremde sowie die romantische Sehnsucht nach Abenteuer prägten zu dieser Zeit das gesellschaftliche Leben.

Disneyland für den Menschen des 19. Jahrhunderts

Besonders Jahrmärkte – in Wien natürlich der Prater – waren Schauplätze für sensationelle Reiseillusionen. Ganze Restaurants und Tanzsäle wurden mittels Kulissen zu Urwäldern oder gar dem Meeresgrund umgebaut. Ein Kaffeekränzchen unter Palmen, aus denen sich feuerspeiende Schlangen winden, so hat sich die Wiener Gesellschaft ihre Freizeit genüsslich vertrieben.

Mit der Erfindung und Zugänglichkeit der Fotografie wurde die nächste lebensechte Stufe im imaginären Reiseunternehmen erreicht. Das Kaiserliche Panorama, ein Stereoskop – aufgebaut wie ein hölzernes Karussell aus Guckkästen – bietet kolorierte 3-D-Fotografien etwa vom Hafen von Teneriffa oder vom Broadway in New York. Doch Bilder alleine waren den Reiselustigen bald nicht genug. Neue Sensationen mussten her: So wurde 1895 erst in Berlin und dann in Wien Venedig nachgebaut. Ein Kanal wurde eigens ausgehoben, dazu gab es echte Nachbauten der Lagunenstadt mitsamt Gondolierebetrieben für die Sonntagsfahrt. Disneyland für den Menschen des 19. Jahrhunderts – sogar vor imaginären Reisen zum Mond oder zum Mars machte man nicht halt.

Und leider auch nicht vor jenem dunklen Kapitel, das gemeinhin "Menschenschau" genannt wurde. Der Hamburger Tierhändler Carl Hagenbeck kam 1878 mit einer Nubier-Karawane nach Wien und löste damit jahrelang eine Begeisterung für die Zurschaustellung ganzer "exotischer" Dorfgemeinschaften aus. Am nachhaltigsten dokumentiert ist das Schicksal der "Aschanti"; afrikanische Dorfbewohner, die man mitsamt ihren Strohhütten auf dem Areal des Wiener Tiergartens einquartierte. Ein unfassbar absurdes Menschenexperiment, das die naive Schaulust auf eine grausame Spitze trieb und die wahren Werte einer zivilisierten Gesellschaft unschön enthüllt.

Das zauberhafte Flair des Reisebegriffs, ein Eindruck der geistigen Haltung im 19. Jahrhundert und die Hoffnung, heute auch wirklich in einer fortschrittlicheren Welt zu leben, bewegen auf dem Weg nach Hause.

"Zauber der Ferne. Imaginäre Reisen im 19. Jahrhundert"

Termin: bis 29. März, Wien Museum
http://www.wienmuseum.at/