Kunst und Pop - Musikvideos

Wir leben im Zeitalter des Recyclings

Viele Musikvideos des Mainstream-Pops arbeiten mit Referenzen auf Kunst. Aber warum tanzt Madonna mit Carl Spitzwegs "armen Poeten" und weshalb steckt sich der Bassist der US-amerikanischen Rockband The Red Hot Chili Peppers Stifte in die Nase?
"Wir leben im Zeitalter des Recyclings":Kunstzitate im Mainstream-Pop

Das Video "Can't stop" (2003) von Regisseur Mark Romanek für die Red Hot Chili Peppers – inspiriert von Erwin Wurms "One minute sculptures"

In den neunziger Jahren gab es eine Werbekampagne, die für das Dosenrecycling warb. Auf einem Plakat sah man Objekte, und darunter fand sich der Slogan: "Ich war eine Blechdose". Natürlich ist die Idee aus alt neu zu machen, kulturtheoretisch gesehen bereits ein alter Hut. So stellte Roland Barthes 1968 in seinem Text "Der Tod des Autors" fest: Sinn ist Zitat. Und Originalität entsteht durch die Neuanordnung von banalen, bereits bekannten Elementen.

"Holiday": Madonna und Carl Spitzweg

"Wir leben im Zeitalter des Recyclings und des Sampelns", sagt Christoph Dreher, Professor für Film und Video an der Stuttgarter Merz Akademie, selbst Regisseur und Musiker. "Es gibt ganze Musikgenres, die sich aus dem Sampling speisen, so wie etwa der HipHop." Das Musikvideo ist laut Dreher das "ideale Medium, um sich referentiell zu verhalten."

Das Video von Madonna zu ihrem Hit "Holiday" (1983), das während eines Auftritts für die Musiksendung "Formel 1" entstand, unterstreicht laut Dreher den performativen Moment der Show. Dass im Hintergrund Carl Spitzwegs "Armer Poet" auftaucht, sei bloße Idiotie. Warum die etablierte Kunst überhaupt in die Mainstream-Videos gelangt, sei ganz einfach zu erklären: "Kunst ist ja genauso Mainstream und gehört zur Popkultur wie die Musik der Popstars. Mainstream-Kunst als Referenz passt also sehr gut in das Musikvideo."

"Sledgehammer": Peter Gabriel und Giuseppe Arcimboldo

Peter Gabriels Video zu "Sledgehammer" (1986) zeigt dagegen wie das Musikvideo eine bestimmte Technologie, in diesem Fall die Stoptrickanimation, verwendet, um eine artifizielle Ästhetik zu erzeugen. Unter anderem wird so das Gesicht von Peter Gabriel Stück für Stück mit Obst bedeckt, bis es an die berühmten Gemälde von Giuseppe Arcimboldo (1527 bis 1593) erinnert. "Erfolgreiche Kunst ist mit einer einmaligen Verwendung unterverwendet," sagt Dreher. Seiner Meinung nach gehören artifizielle Videos zu keiner Vermarktungstrategie, die einem Musiker Authentizität oder Intellektualität bescheinigen soll. Es ist ganz einfach so, dass die Besten mit den Besten zusammen arbeiten.

Eine Band wie die Red Hot Chili Peppers hat immer ein gutes Video parat und kann es sich auch leisten, mit erfolgreichen Regisseuren zusammen zu arbeiten. Im Falle von ihrem Video zu der Single "Can't stop" (2003) war es der Regisseur Mark Romanek, der sich von Erwin Wurms "One minute sculptures" inspirieren ließ. Der Humor von Wurms Arbeiten überträgt sich damit auf das Video, das wiederum zu einem eigenen Ausstellungsstück avancierte, wie zum Beispiel bei seiner Retrospektive 2006 in den Hamburger Deichtorhallen.

"Can't stop": Red Hot Chili Peppers und Erwin Wurm

Viele Musikvideos arbeiten heutzutage auch mit einer Computerspielästhetik, so Dreher. Nicht nur das Spiel mit medialen Verweisen, sondern auch die Zusammenführung von Kunst und Technologie scheint ein Hauptmerkmal der Musikvideos zu sein. David Bowie sollte Recht behalten, als er bereits in den siebziger Jahren prophezeite: "Das Musikvideo ist die logische Erfüllung in der Zusammenführung von Kunst und Technologie. Ich verstehe es als künstlerische Bereichung. Ich sehe den Tag kommen, da an der Schnittstelle von Musik und Video ein völlig neuer Künstlertyp entsteht."

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