Liam Gillick - 53. Biennale in Venedig

Raum für Anderes

Große Spannung und eine gewisse Andächtigkeit lagen in der Luft, als Liam Gillick, der Künstler des Deutschen Pavillons auf der kommenden 53. Biennale in Venedig, gestern abend im Hamburger Bahnhof, dem Berliner Museum für Gegenwart, einen rund einstündigen Vortrag hielt. Geschlossen war die Kunstszene der Hauptstadt angetreten, um den Ansprachen des Briten und seines Kurators Nicolaus Schafhausen zu lauschen. Doch außer erneuten verklausulierten Formulierungen bot die Veranstaltung nicht viel Neues.

Vergessen waren alle giftigen Diskussionen im Vorfeld, ob denn überhaupt ein Künstler ohne deutschen Pass das Land in Venedig repräsentieren dürfe. Stattdessen wollten die in Scharen erschienenen Kuratoren, Kritiker, Galeristen, Künstler und ihre Assistenten nur noch den Moment erleben, in dem das Geheimnis um die Pläne für das venezianische Schaufenster des deutschen Kunstwesens endlich gelüftet würde. Wann, wenn nicht hier und jetzt?

Doch bald schon wurde klar, dass keiner von denen, die an diesem Abend vor das Mikrofon traten, bereit war, mehr als das schon sattsam Bekannte preiszugeben. Weder Udo Kittelmann, der Direktor der Berliner Nationalgalerie, der 2001 als Vorgänger Schafhausens mit Gregor Schneider in Italien den Goldenen Löwen für Deutschland holte, noch Elke aus dem Moore, Leiterein der Kunstabteilung im Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), noch Schafhausen, Gillick oder der Kritiker Diedrich Diederichsen verrieten etwas von dem, was die Öffentlichkeit in diesem Sommer am Austragungsort der Biennale erwarten wird. Stattdessen schienen sich alle Beteiligten im Vorfeld auf die Aufführung einer besonders inhaltsleeren Veranstaltung geeinigt zu haben, um die Spannung noch weiter anzuheizen.

Kleiner Wink und verbrauchte Luft

Einen kleinen Wink gab es vielleicht doch, denn Schafhausen, der den Deutschen Pavillon in seiner Einführung als "ungeeignet" für klassische Kunstpräsentationen bezeichnete, gab verklausulierte Hinweise auf die Richtung, in die sich derzeit wohl die Organisation des Deutschen Beitrages bewegt. Der angesehene Kurator und derzeitige Direktor des Witte de With in Rotterdam zeigte sich sehr verwundert darüber, warum in der langen Zeit, seit dem Umbau des
Ausstellungshauses durch die Nationalsozialisten in einen neoklassizistischen Propoagandatempel, nie jemand auf die Idee eines Rückbaus oder einer gänzlichen Umgestaltung gekommen sei. Freilich verwies er sogleich selbst auf eine Ausnahme, den Documenta-Begründer Arnold Bode, der 1957 eine Umgestaltung des Hauses vorgeschlagen hatte, doch mit seinem Appell für eine "Architektur der Bescheidenheit" bei den damaligen Verantwortlichen auf taube Ohren stieß. Bodes Vorstoß verdiene, so Schafhausen, noch immer Beachtung, da er den Versuch einer "Demokratisierung des Baus" darstelle, "ohne sich durch Abriss der Geschichte zu entledigen".

Ausführlicheres zu derartigen eventuellen Umbauplänen war in dem auf Schafhausen folgenen Vortrag von Gillick leider nicht zu erfahren. Lieber erklärte der Künstler die verschiedenen Widersprüche, die seine Philosophie bestimmen, ohne jedoch allzu konkret zu werden. Besonders wandte er sich gegen die Fixierung auf künstlerische Produkte ohne die Bedingungen ihrer Produktion oder den Moment ihrer Ausstellung, in dem sie auch schon mal zu "besseren Hintergründen" werden könnten, um Raum für Anderes, etwa für Diskussionen zu bieten. Er sei, so schloß Gillick, nicht daran interessiert "Kunst über Dinge zu machen, die er schon wisse". Vielleicht lag es an der verbrauchten Luft im Saal, denn zumindest gestern abend verzichtete das Publikum darauf, Teilhabe am künstlerischen Prozess einzufordern und verließ den Saal ohne eine einzige Frage.