Stefan & Ralph Heidenreich - "Mehr Geld"

Für die Kunst kann es gut ausgehen

Stefan Heidenreich, 43, bislang als Kunstkritiker und Kulturwissenschaftler bekannt, ist auch ein profunder Kenner des globalen Finanzwesens. Gemeinsam mit seinem Bruder Ralph legte er kürzlich im Merve-Verlag ein Buch über Ursachen der Finanzkrise vor, das zum Verständnis der gegenwärtigen Situation beiträgt.
Mehr, mehr, mehr:Interview mit Stefan Heidenreich über die Krise

"Kunst taugt kaum als Basis für waghalsige Finanzkonstrukte", glaubt Stefan Heidenreich (r.) – links sein Bruder Ralph Heidenreich

"Geld", so die Gebrüder Heidenreich, "gibt ein Kommando. Seine Order lautet: 'Mehr!'" art sprach mit dem in Berlin lebenden Autor über die Auswirkungen der gegenwärtigen Finanzkrise auf das Kunstgeschehen, die plötzliche Stille in den Factorys der Großkünstler und welche Chancen sich für die Kunst aus der Baisse an den Märkten ergeben. Neben "Mehr Geld!" bei Merve ist im Berlin Verlag gerade auch Heidenreichs Kunst-Kulturgeschichte "Was verspricht die Kunst?" als überarbeitete Taschenbuchausgabe neu aufgelegt worden.

Herr Heidenreich, Sie sind Kunstkritiker, aber in Ihrem neuen – 
gemeinsam mit Ihrem Bruder Ralph – verfassten Buch geht es nur um Geld.
 Warum?



Stefan Heidenreich: Kunstkritiker bin ich nur, weil ich Kunst für die 
Welt im Ganzen für 
wichtig halte. Sie ist eines von mehreren Interessenfeldern. Die
 Ökonomie 
ist immer ein anderes gewesen, vor allem seit langem in Diskussionen mit 
meinem Bruder. Vor fünf Jahren wurde uns klar, dass die Lage sich 
zuspitzt – wie vielen anderen im Übrigen auch. Wir glauben, dass 
die Krise so grundsätzlich ist, dass sie das Geld selbst berühren
 könnte.



Andy Warhol wird gern mit dem Satz zitiert: "I try to turn out
 as many pictures as I can." Ist er damit nicht Künstler desjenigen
 "Mehr!"-Kommandos, was ihrer Meinung nach so fatal ist?

Wirklich fatal wird das Kommando erst in der zweiten 
Potenz, wenn das Vermehren des Vermehrens die Regierung übernimmt. 
Aber Kunst taugt kaum als Basis für waghalsige Finanzkonstrukte. Und 
Vielmaler gab es immer, auch zu vorkapitalistischen Zeiten, siehe 
Cranach. Das ewig scheiternde, einsame Genie der Moderne ist eher die
 Ausnahme.



Hat sich die Factory-Idee, also der Betrieb einer Werkstatt mit
 mehreren Assistenten, als Ausweis des "Großkünstlers" tatsächlich 
erledigt?

Es wird immer wieder dazu kommen, dass punktuell die
 Nachfrage das Angebot übersteigt. Nur sollte man nicht darauf
 vertrauen, dass Großkünstlerei irgendetwas mit Bedeutung, Qualität 
oder Dauerhaftigkeit eines Werks zu tun hat. Natürlich kennen wir van
 Gogh und haben Alma-Tadema vergessen. Und 20 Warhols können einen 
Duchamp nicht ernsthaft aufwiegen.



Hat sich die Kunst bislang zu wenig mit Ökonomie befasst?



Kunst hat sich immer wieder mit der Ökonomie befasst,
 ich schätze zum Beispiel sehr die Arbeiten Michael Stevensons zu dem Thema. Allerdings wird Kunst 
ansonsten gerne oberflächlich, wie so oft, wenn sie sich mit "etwas" 
befasst. Ich glaube, die Stärke von Kunst liegt nicht darin, einen
 bestimmten "Inhalt" zu zeigen. Oft werden Künstler von Kuratoren dazu gedrängt, doch
 dann gerät Kunst leicht zur bloßen Illustration.



Wie sich die Finanzkrise auf das Kunstgeschehen auswirken wird, ist 
derzeit noch unklar. Was denken Sie?



Sie kann dazu beitragen, spekulative Übertreibungen der 
jüngsten Zeit zu 
bereinigen. Für die Kunst kann es gut ausgehen, auch wenn wir danach ein etwas weniger Sammler, Händler, Galerien und Künstler haben werden.



Meinen Sie damit das "konzentriertere Arbeiten", von dem jetzt 
in Galeristenkreisen immer wieder gesprochen wird?



Das sind Euphemismen, Frontbegradigungen. Nein, ich 
meine nicht den Markt und das Geschäft. Ich meine die Kunst und die Künstler, die nächste Generation, die vielleicht ein paar dringende 
Fragen beantwortet, an denen man sich lang genug vorbeigemogelt hat.
 Zum Beispiel die, worin der kulturelle Sinn der am Markt gehandelten 
Werke bestehen kann.



Ist demnächst mit Crashs und Bail-Outs für internationale 
Großgalerien und Auktionshäuser zu rechnen?

Bail-Outs wird es nicht geben. Pleiten wohl schon, und
 zwar vor allem
 dort, wo das Geschäft kreditfinanziert aufgeblasen wurde, oder wo
 Galerien
 und Museen zu abhängig von einzelnen Sammlern aus der Finanzwelt sind.



Bringt der Crash an den Börsen auch eine neue Kunst?

Das hoffe ich eindringlich. In zehn Jahren wird vieles von dem, was jüngst 
produziert wurde, ziemlich alt aussehen. Für die Kunst ist die Krise 
eine
 Chance. Sie hat eine einzigartige Position in unserem kulturellen 
Gefüge,
 relativ frei von Marktzwängen, frei von medialen Vorgaben. Wenn die 
lästige Fixierung auf Künstler als singuläre Autoren und Helden etwas 
nachlassen würde, könnte Kunst tatsächlich wieder ihre herausgehobene 
Position als Medium kultureller Reflexion und Beobachtung zurück
gewinnen.



Welche Schlussfolgerungen sollte die Kunstkritik aus der neuen
 Lage ziehen?

Öffentliche Kunstkritik ist so gut wie tot. Aber auch 
die Öffentlichkeit im alten Sinn bricht weg. Das zeigt sich gerade in
 letzter Zeit mit dem Versagen der Geschäftsmodelle von Printmedien.
 Die letzten Debatten toben in Nischen und hören sich dementsprechend
 klaustrophobisch an. Für eine Wiederbelebung braucht es zweierlei: 
einen neuen Ort der Kritik. Und eine Kunst, die sich von der 
Schließung der Moderne ab- und der Welt zuwendet.

"Ralph und Stefan Heidenreich: Mehr Geld"

Merve-Verlag, Berlin, 152 Seiten, 11 Euro
http://www.merve.de/katalog-f-i.html#283

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