Noortman - Kunstskandal

Skandal um Noortman

Ein schillernder Kunstdetektiv, neun gestohlene Alte Meister, ein renommierter Kunsthändler mit angekratztem Ansehen und ein dubioser Deutscher aus Dubai: Das sind die Ingredienzen für einen Kunstkrimi, der in den Niederlanden für Aufsehen sorgt.
Mafia-Killer, ein Kunstdetektiv und neun alte Meister:Skandal um Noortman

Kunstdetektiv Ben Zuidema, genannt der "007 der Niederlande", war der Wahrheit "zu dicht auf der Spur"

Auslöser für den Skandal waren zwei Hausdurchsuchungen der Polizei, bei denen acht der neun Gemälde nach 22 Jahren wieder auftauchten, darunter Werke von David Teniers d. J., Jan Brueghel de J., Pierre-Auguste Renoir und Camille Pissarro. 1987 waren sie aus dem Maastrichter Kunsthandel Noortman gestohlen wurden – unter mysterösen Umständen: Der Alarm ging nicht los, auch gab es keine Einbruchsspuren.

Firmengründer Rob Noortman, 2007 im Alter von 60 Jahren verstorben, hatte die Werke bei Lloyds’ in London für fünf Millionen Gulden, umgerechnet 2,2 Millionen Euro, versichern lassen. Noortman ist Mitbegründer der schicken "The European Fine Art Fair" (Tefaf) in Maastricht. Der ehemalige Teppichverkäufer verkehrte in den höchsten Kreisen und gehörte zu den renommiertesten Kunsthändlern überhaupt: Ein Saal in der National Gallery in London ist nach ihm benannt, ein Lehrstuhl an der Universität Maastricht, er war Ehrenbürger der Stadt Maastricht, auch das Königshaus wollte ihn auszeichnen.

Jetzt jedoch hat der niederländische Kunstdetektiv Ben Zuidema – Beiname "007 der Niederlande" – den ungeheuerlichen Verdacht geäußert, Noortman habe den Diebstahl damals selbst inszeniert: "Mijnheer Noortman liebte nicht die Gemälde, er liebte das Geld!" Laut Zuidema habe sich der Kunsthändler damals auf der Tefaf nicht mit einem Gemälde von Meindert Hobbema blamieren wollen, das er als Meisterwerk angekündigt, das sich aber als mittelmässig entpuppt hatte. Deshalb habe er ein paar Diebe engagiert, die – damit das Ganze nicht so auffiel – neben dem Hobbema noch ein paar andere Werke mitgehen ließen.

Zuidema, der bereits mehrere Bücher über von ihm gelöste Kunstdiebstähle veröffentlich hat, wurde damals von Noortman höchstpersönlich auch mit der Lösung dieses Raubes beauftragt – "allerdings nur, um jeden Verdacht von sich abzulenken".

Anspielung auf bestellte Killer der Mafia

Stattdessen jedoch erreichte er das Gegenteil: "Ich kam zu dicht an die Wahrheit heran!", sagt der heute 72 Jahre alte Detektiv. Über einen Informanten erfuhr er, dass Noortman die Bilder habe verbrennen lassen, um die Versicherungssumme zu kassieren: "Sie waren für den Verkaufspreis versichert, also gestohlen war dasselbe wie verkauft!" Als er Noortman mit dieser Beschuldigung konfrontierte, habe dieser ihm angeordnet, auf Abstand zu gehen, und – mit einer Anspielung auf die bestellten Killer der Mafia – gedroht: "Deine Rechnung in Italien ist schon beglichen." Auch habe er Zuidema erinnert an den "gefährlichen Schulweg, den mein kleiner Sohn jeden Tag radelte. Das war es mir nicht wert, ich ließ die Finger von dem Fall".

Bis sich Ende letzten Jahres ein Deutscher bei ihm meldete, ein gewisser Herr Khan: Der behauptete, die angeblichen kriminellen Verwicklungen von Noortman schwarz auf weiß beweisen zu können: "Für fünf Millionen war er bereit, der Familie die Gemälde zurückzugeben", so Zuidema, "Ein klarer Fall von Erpressung." Der Detektiv traf den Deutschen dann noch zweimal in Aachen und in Hamburg, wo ihm auch Fotos der geraubten Bilder gezeigt wurden. Zuvor allerdings hatte Zuidema längst die Polizei eingeschaltet. Die konnte die Gemälde daraufhin bei Hausdurchsuchungen in Valkenburg und Walem beschlagnahmen und drei Personen festnehmen: den 45 Jahre alten Deutschen Eckhard P. aus Dubai alias Herr Khan, seine 62-jährige Mutter sowie einen 66 Jahre alten Komplizen. Sie werden der Hehlerei und der Geldwäsche verdächtigt.

"Weiter haben wir hierzu keinen Kommentar"

Vom Hobbema-Gemälde fehlt weiterhin jede Spur, Zuidema geht davon aus, dass es als Einziges tatsächlich verbrannt wurde. Warum die Diebe die anderen verschonten, weiß er nicht: "Aber dass sie zerstört werden sollten, steht fest – sonst wären sie beim Raub aufgerollt worden." In diesem Falle jedoch wurden die Bilder gefaltet, weswegen zwei von ihnen schwer beschädigt sind.

Freunde und Bekannte von Noortman haben mit Entrüstung auf die Vorwürfe reagiert. Die Familie selbst ließ über ihre Firma "Noortman Master Paintings" im niederländischen Polit-TV-Magazin NOVA verlauten, dass die Beschuldigungen "Ereignisse betreffen, die sich vor mehr als 20 Jahren abgespielt haben sollen und zu denen wir keine Beweise gesehen haben. Weiter haben wir hierzu keinen Kommentar".

Dass die Festgenommenen erst 22 Jahre nach dem Raub versucht haben sollen, die Familie Noortman zu erpressen, hat vermutlich mit der Verjährungsfrist von 20 Jahren für Diebstahl in den Niederlanden zu tun. Das Delikt des Betrugs allerdings ist noch nicht verjährt und der Verdacht darauf gerade erst entstanden. Julian Radcliffe, der als Vorsitzender des Art Loss Register in London die Interessen der Versicherungsgesellschaft vertritt, hält eine zivilrechtliche Klage von Lloyds’ deshalb nicht für ausgeschlossen. Die wiedergefundenen Werke sind Eigentum von Lloyds’. Radcliffe geht davon aus, dass sie restauriert und dann verkauft werden – zum Beispiel auf der Tefaf, laut Radcliffe ein idealer Ort.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de

Mehr zum Thema im Internet