Glenn D. Lowry - Interview

Die Sache wird gut ausgehen

Besonders hart trifft die globa­le Finanzkrise, so ist in Deutsch­land oft zu lesen, die privat finanzierten Museen in den USA, angeblich, weil die nötigen Spenden ausblieben. art-Autor Ste­fan Koldehoff sprach darüber mit einem der mächtigsten Museumschefs der USA, mit dem New Yorker MoMA-Direktor Glenn D. Lowry, der im Kölner Museum Ludwig zu Gast war.

Herr Lowry, in Deutschland wird berichtet, dass die globale Finanzkrise die privat finanzierten Museen in den USA besonders hart trifft, weil Spenden und Besucher ausbleiben. Wie geht es dem Museum of Modern Art im Frühjahr 2009?

Glenn D. Lowry: Museen unterscheiden sich da überhaupt nicht von anderen Institutionen oder Unternehmen. Wir unterliegen denselben Kräften, die uns in guten Zeiten florieren und in schlechten Zeiten leiden lassen. Wir erleben gerade schwierige Zeiten. Aber insgesamt, so glaube ich, sind die Museen in den USA in guter Verfassung. Das bedeutet nicht, dass sie nicht auch leiden. Aber sie haben die Ressourcen, dem Sturm zu trotzen. Natürlich muss man die Lage Stadt für Stadt und Region für Region bewerten. Es gibt Orte wie New York, die dadurch gute Voraussetzungen haben, dass hier viele Menschen leben, dass viele Menschen die Stadt besuchen und dass selbst in schwierigen Zeiten noch genügend Kapital vorhanden ist. Einer Kleinstadt im mittleren Westen geht es da anders. Also insgesamt: Die Lage für die US-Museen ist sehr ernst, aber wir können sie meistern.

Gibt es irgendeine Form von öffentlich finanzierter Unterstützung?

Das MoMA profitiert von sehr günstigen Regelungen, die es Stiftern erlauben, für Geld- oder Kunstspenden Steuervergünstigungen zu erhalten. Das ist eine Form der indirekten Subventionierung. Aber wir erhalten keinerlei direkte Unterstützung von der Stadt oder vom Staat. 99 Prozent unseres operativen Budgets kommen aus selbst erwirtschafteten Einnahmen. Ein Prozent sind städtische Beihilfen – beispielsweise für museumspädagogische Angebote oder Vorträge.

Sind Sie eifersüchtig, wenn Sie sehen, dass in Deutschland Kommunen, Bundesländer oder der Staat Museen finanzieren?

Nein, gar nicht. Ich bewundere das. Aber es gibt viele verschiedene Wege, ein Museum zu organisieren und zu betreiben. Keiner dieser Wege ist besser als der andere. Sie führen nur zu unterschiedlichen Ergebnissen – beispielsweise im Umgang mit der Öffentlichkeit. Jeder arbeitet mit dem, was er hat.

Ist das MoMA dadurch unabhängiger, als es ein öffentliches deutsches Museum sein kann?

Bis zu einem bestimmten Grad vielleicht. Aber wir müssen auch aufmerksamer sein im Hinblick auf die grundsätzliche Politik des Landes. Trotzdem können wir unsere Entscheidungen unabhängig von Regierungsinteressen treffen.

Wen mussten Sie zum Beispiel fragen, als Sie Gerhard Richters RAF-Zyklus gekauft haben?

Wir haben Sammlungskomitees für alle Bereiche des Museums: Gemälde und Skulpturen, Film, Design, Medien, Zeichnungen. Sie müssen Ankäufe befürworten. In diesen Gremien sitzen sowohl die Vertreter unseres Kuratoriums als auch externe Experten, Sammler und Freunde. Als unser damaliger Chefkurator, Kirk Varnadoe, die RAF-Bilder vorschlug, war ich sofort begeistert davon, wir haben sie dem Abteilungs-Komitee vorgeschlagen – und das war’s. Das ging nicht mal vors gesamte Kuratorium.

Haben Sie die Bilder immer zeigen können – auch nach dem 11. September 2001? Oder muss ein privat finanziertes Museum, gerade in New York, da besondere Rücksichten nehmen?

Ach, darüber haben wir uns nie den Kopf zerbrochen. Wir waren wegen Renovierung 2001 geschlossen, aber in unseren Ausweichräumen in Queens haben wir natürlich auch einige dieser Bilder gezeigt. Diese Art von Druck habe ich in den zehn Jahren, die ich nun Direktor bin, nie erlebt.

Mussten Sie denn durch die Finanzkrise auf Werke verzichten, die Sie gerne angekauft hätten?

lacht Oh, die Liste wird gerade länger und länger.

Aus finanziellen Gründen, oder weil diese Werke nicht verfügbar sind?

Die Ironie des Augenblicks, den wir gerade erleben, ist ja, dass man, wenn man die Mittel hätte, so gut wie kaum jemals zuvor kaufen könnte. Die Preise am Kunstmarkt haben sich nicht nur stabilisiert, sie sinken gerade dramatisch. Also sollte man im Moment Ausschau halten, und das tun wir. Aber unsere finanziellen Möglichkeiten sind durch die Krise sehr eingeschränkt.

Was sammelt das MoMA denn überhaupt noch? Sie haben doch schon alles ...

lacht Das Museum war immer und ist immer ein Work in progress. Diese ständige Selbsterneuerung hat unser Gründungsdirektor, Alfred H. Barr, einmal "metabolisch" genannt und dabei bewusst einen Begriff aus der organischen Lehre vom Stoffwechsel benutzt. Natürlich haben wir eine ganz außergewöhnliche Sammlung von Kunst des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Aber ich kann durch das Museum Ludwig hier in Köln gehen und da einen Rauschenberg und dort einen Johns sehen, die ich mir auch wunderbar in New York vorstellen könnte. Es gibt immer etwas, das die eigene Sammlung noch besser machen würde. Ich bin sicher, Kasper König hat eine ähnliche Liste im Kopf, wenn er durch andere Museen geht. Aber um Ihre Frage konkret zu beantworten: Wir werden sicher nicht aktiv unsere Sammlung von Kunst des frühen 20. Jahrhunderts erweitern – die ist wie sie ist. Manchmal wird sie vielleicht durch eine herausragende Stiftung noch verbessert. Aber das ist nicht der Bereich, in dem wir unsere Energien konzentrieren sollten. Für die Kunst der fünfziger und sechziger Jahre haben wir in den vergangenen 20 Jahren enorme Anstrengungen unternommen, um die Sammlung zu stärken. Da gibt es aber durchaus Bereiche, in denen wir noch stärker werden könnten. Und an den 70ern und 80ern arbeiten wir zur Zeit ebenso wie an den 90ern und der Gegenwart. Und gerade da ist es besonders schwierig, was die Konsequenzen angeht. Es dauert wahrscheinlich eine Generation, bis uns jemand sagen kann: gute Wahl – der richtige Künstler mit der richtigen Arbeit. Oder: richtiger Künstler, aber falsche Arbeit. Oder: Ihr habt einfach einen Fehler gemacht.

Zumal das MoMA nicht nach einem Neo Rauch oder einem Peter Doig suchen muss, sondern nach dem Neo Rauch oder dem Peter Doig.

Genau. Das sind beides Künstler, die mich sehr interessieren. Beide sind noch jung, in der Mitte ihres Schaffens, und entwickeln noch ständig neue Ideen. Was ist jetzt für uns maßgeblich? Der große Peter Doig der 90er-Jahre oder die viel besseren Bilder, die vielleicht noch gar nicht gemalt sind? Bei Picasso oder Léger kann man das inzwischen sagen. Gerade das ist aber auch das so Beglückende daran, im MoMA zu arbeiten: Man steht immer mit einem Fuß in der Vergangenheit, an die man ganz fest glaubt. Und mit dem anderen Fuß geht man in eine Zukunft, die man noch nicht kennt.

Museen in den USA haben eine Möglichkeit, die in Deutschland wegen der Museumsplünderungen im Rahmen der Aktion "Entartete Kunst" von 1937 ein Tabu ist. Sie können Werke aus der eigenen Sammlung verkaufen, um Geld zu verdienen. Ist das im Moment eine Option für das MoMA?

Ja, das war seit der Gründung des Hauses eine ganz zentrale Möglichkeit, um eine Sammlung in dieser Qualität zusammenzubekommen. Und das ist aus zwei Gründen auch gut so. Zum einen zwingt uns diese Möglichkeit, immer wieder die Sammlung zu verfeinern. Das hat das MoMA unter anderem zu der Autorität werden lassen, die wir heute sind. Wir haben, wie wahrscheinlich jede Institution in diesem Bereich, sowohl bei den Verkäufen als auch bei den Ankäufen Fehler gemacht. Aber das Ergebnis ist trotzdem eine deutlich stärkere Sammlung, als sie es sonst wäre. 1931 erhielten wir das erste Bildergeschenk von Lilli P. Bliss – mit der ausdrücklichen Anweisung, wieder zu verkaufen, wenn wir dafür wichtigere Arbeiten kaufen können. Also haben wir verschiedene Degas-Bilder aus ihrer Sammlung verkauft und damit die epochalen "Demoiselles d’Avignon" zu bezahlen.

Würden Sie auch Werke verkaufen, um vom Erlös den laufenden Betrieb zu finanzieren?

Nein, das dürfen wir auch gar nicht. Es gibt Gesetze, die das verbieten. Kunst darf nur verkauft werden, um dafür andere Kunst zu kaufen.

Würden Sie deutschen Museen empfehlen, Werke zu verkaufen, wenn sie Geld benötigen?

Wir sind eine private Institution, und unsere Aufgaben im Hinblick auf die MoMA-Sammlung sind Wachstum, Form und Struktur. Dafür ist unser Kuratorium verantwortlich. Und die Erfolge sind seine Erfolge, und die Misserfolge sind seine Misserfolge. Es ist etwas anderes, wenn eine Kunstsammlung der Öffentlichkeit gehört. Wer würde dort zum Beispiel entscheiden: der Bürgermeister, der Kämmerer, der Museumsdirektor? Und nach welchen Kriterien würde das geschehen? Ich kann nur sagen, dass der Verkauf von Arbeiten für uns das Instrument war, das den Ankauf von van Goghs "Sternennacht", Picassos "Demoiselles d’Avignon", der "32 Suppendosen" von Andy Warhol oder der RAF-Serie von Gerhard Richter ermöglicht hat. Wir gehen mit diesem Instrument aber sehr vorsichtig um.

Was wird sich für das Museum of Modern Art verändern, wenn die Finanzkrise länger anhält?

klopft dreimal auf Holz Bisher merken wir nicht viel. Wir sind nicht anders als andere Museen...

Sind Sie schon.

Nicht strukturell. Wir haben vielleicht andere Möglichkeiten. Aber die Kräfte, die andere Museen betreffen, betreffen auch uns. Bislang hat der Tourismus in New York nicht merklich abgenommen. Und der schwache Dollar macht es gerade für Europäer und Asiaten auch interessant, hier Geld auszugeben. Das kann sich alles ändern. Abgesehen davon hatten wir im vergangenen halben Jahr auch ein sehr starkes Ausstellungsprogramm und stark steigende Mitgliederzahlen. Die Herausforderung für alle Museen ist nun, stärker als jemals zuvor mit unserem Publikum in Verbindung zu treten. Die Menschen haben begrenzte Zeit, begrenzte Mittel, und sie haben Angst. Wir stehen in einem viel stärkeren und dramatischeren Wettbewerb um ihre Aufmerksamkeit. Vor November hieß es: Wir sehen einen Film, gegen ins Theater, dann ins Museum und anschließend essen. Das ist in den USA vorbei. Da geht man jetzt entweder ins Kino oder ins Theater oder gleich in den Park.

Aber noch gibt es keine Notwendigkeit, Ausstellungen zu streichen oder bei den Lauder-Brüdern zu klingeln und um einen neuen Scheck zu bitten?

Es wäre schön, wenn man jedesmal bei Leonard oder Ronald Lauder klingeln könnte und einen Scheck bekommen würde. Sie gehören zu den großzügigsten Mäzenen auf der ganzen Welt. Aber auch sie haben ihre Grenzen. Wir hängen von unserer Fähigkeit ab, uns selbst zu helfen – durch Eintrittsgelder, Mitgliedschaften, Fund raising und unsere Shops. All das wird schwieriger werden. Ich mache mir keine Illusionen darüber, wie hart das werden wird. Aber damit müssen wir zurecht kommen. Bisher mussten wir keine Ausstellungen streichen. Aber wenn sich die Lage in sechs oder zwölf Monaten immer noch verschlechtert, müssen wir neu darüber nachdenken. Unser Ziel ist ganz einfach: Wir wollen unser Programm schützen – was nicht bedeutet, dass wir es nicht verändern. Und wir wollen unsere Mitarbeiter schützen. Es hat Jahrzehnte gedauert, ein solch herausragendes Team zusammenzustellen. Das Dilemma ist nur, dass niemand weiß, wie schlecht sich die Sache noch entwickeln kann. Ich bin aber ein skeptischer Optimist. ich sehe mir die Fakten sehr sorgfältig an, traue keiner Prognose – und glaube doch, dass die Sache am Ende gut ausgehen wird.

Und das heißt?

Wir haben gegenüber der Öffentlichkeit die Verpflichtung, die Institution Museum als Bildungsinstitution, als Archiv der kulturellen Erinnerung und als Ort des sinnlichen Vergnügens zu erhalten. Welche schönere Aufgabe könnte es geben? Unser Publikum verdient es.

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