Offener Brief - Stadtarchiv Köln

Präzise und sachliche Aufklärung

Namhafte Vertreter des Kölner Kulturlebens haben eine "präzise und sachliche Aufklärung" der Hintergründe des Archiv-Einsturzes in der Stadt gefordert. Zudem müssten "entsprechende personelle Konsequenzen" gezogen werden, hieß es in einem am Freitag veröffentlichten offenen Brief an Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) und den städtischen Kulturdezernenten Georg Quander.
Kölner Kulturvertreter fordern Aufklärung:Offener Brief an die Stadt

Die Restaurierung des gesamten Archivbestands werde mindestens 30 Jahre dauern: "Das wird Generationen von Archivaren beschäftigen", sagte die Leiterin des Kölner Stadtarchivs Schmidt-Czaia.

Zu den gut zwei Dutzend Unterzeichnern gehören die Künstler Bernhard und Anna Blume, Jürgen Klauke sowie Rosemarie Trockel, René Böll als Sohn des Schriftstellers Heinrich Böll, mehrere ehemalige Leiter des Kölner Kunstvereins sowie namhafte Galeristen und Kunsthändler. Darüber hinaus müsse aber auch der Neubau des Historischen Archivs "an einem seiner Bedeutung angemessenen Ort" auf den Weg gebracht werden, hieß es. Es müssten Mittel bereitgestellt werden, die "dem wichtigsten Archiv nördlich der Alpen" auch angemessen seien. art veröffentlicht hier den "offenen Brief" und eine beigefügte "Chronologie der Geschehnisse" in voller Länge:

Betreff: Einsturz des historischen Archivs der Stadt Köln

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Schramma,

sehr geehrter Herr Professor Quander,

sehr geehrte Damen und Herren,


wir wenden uns in einem offenen Brief an Sie, da wir persönlich und als Vertreter von Institutionen von dem Einsturz des historischen Archivs der Stadt Köln und dem unermesslichen kulturellen Verlust, der damit verbunden ist, bestürzt sind. Wir schreiben aber auch als Bürger der Stadt Köln, die sich für die Belange des historischen Archivs mitverantwortlich fühlen.

Wie viele Bürger der Stadt Köln können wir nicht verstehen, dass – unabhängig von der konkreten Schuldfrage – niemand die politische und moralische Verantwortung für den Einsturz des Archivs und der benachbarten Wohnhäuser übernimmt. Wir haben den Eindruck, dass die Repräsentanten der Stadt den Einsturz des Stadtarchivs wie eine unerwartete Naturkatastrophe behandeln, obwohl alle bisherigen Untersuchungen darauf hinweisen, dass diese Katastrophe, bei der zwei Menschen ums Leben gekommen sind, viele ihre Wohnungen und ihr Hab und Gut verloren haben, auf menschliches Versagen zurückzuführen ist. Offensichtlich wurden Warnungen und deutliche Zeichen (s. anliegende Chronologie) nicht ernst genug genommen und die Baustelle wurde nicht in ausreichendem Maße kontrolliert.

Unserer Empörung ist aber auch darauf zurück zuführen, dass der Einsturz des Gebäudes symptomatisch ist für die Art und Weise, wie die Stadt Köln in den letzten Jahren mit ihrer vergangenen und gegenwärtigen Geschichte und Kultur umgegangen ist.

Wir hoffen, dass dieses tragische Ereignis nun endlich zu einem Umdenken bei den Verantwortlichen in der Verwaltung und der Politik dieser Stadt führt. Politische Entscheidungen und Verwaltungsarbeit muss in Zukunft wieder stärker von der Verantwortung gegenüber einer Gemeinschaft getragen werden. Es geht um die Einsicht, dass Demokratie - auch innerhalb einer Stadt - nur dann funktioniert, wenn die Komplexität der eigenen Geschichte und der eigenen Kultur einen wichtigen Stellenwert innehat. Das Bewusstsein für und die Auseinandersetzung mit Geschichte stellt die Vorraussetzung für eine substantielle kulturelle, wirtschaftliche und politische Entwicklung einer Stadt dar.

Wir erwarten eine präzise und sachliche Aufklärung der Umstände, die zum Einsturz des Stadtarchivs geführt haben, und die entsprechenden personellen Konsequenzen, um den Kölner Bürgern die Möglichkeit zu geben, wieder Vertrauen in die Stadt und ihre kulturelle Bedeutung zu entwickeln.

Wir erwarten eine schnelle und lückenlose Dokumentation der verlorenen Archivbestände sowie die zügige Bereitstellung finanzieller Mittel, die zur Restaurierung der Dokumente, die geborgen werden konnten, notwendig sind. Darüber hinaus muss aber auch der Neubau des historischen Archivs an einem seiner Bedeutung angemessenen Ort auf den Weg gebracht werden, das heißt es müssen langfristig Mittel bereitgestellt werden, welche dem "wichtigsten Archiv nördlich der Alpen" auch angemessen sind. Wir fordern ein Bekenntnis der Stadt zur Kultur, die eben kein Luxus ist, sondern die eine tragende Bedeutung für unsere demokratische Gesellschaft hat.

Mit freundlichen Grüßen,

Curtis Anderson, Künstler

Helmut W. Banz, Cinemathek Köln/Filmclub 813

Prof. Bernhard und Anna Blume, Künstler und Professor an d. Hochschule f. Bild. Künste in Hamburg

René Böll, Köln

Gisela Capitain, Galeristin, Köln und Berlin

Renate Gruber, Sammlung Fritz Gruber

Prof. Henrik Hanstein, Kunsthaus Lempertz, Köln

Dr. Wulf Herzogenrath, Direktor d. Kunsthalle Bremen und ehem. Direktor des Kölnischen Kunstvereins

Kathrin Jentjens, Direktorin, Kölnischer Kunstvereins

Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie Berlin und ehem. Direktor des Kölnischen Kunstvereins

Prof. Jürgen Klauke, Künstler und Professor an der Kunsthochschule für Medien Köln

Walther König und Jutta Linthe, Buchhandlung Walther König, Köln

Dr. Stefan Kraus, Köln

Linn Lühn, Galeristin und Sprecherin der Galerien Köln

Hans Nieswandt, Musiker/ Autor, Köln

Prof. Marcel Odenbach, Künstler und Prorektor an der Kunsthochschule für Medien Köln

Christian Nagel, Galerist, Köln und Berlin

Anja Nathan-Dorn, Direktorin, Kölnischer Kunstverein

Kathrin Rhomberg, freie Kuratorin und ehem. Direktorin des Kölnischen Kunstvereins

Thomas Rehbein, Galerist und Sprecher der Galerien Köln

Prof. Johannes Schilling, Architekt, Köln

Monika Sprüth, Galeristin, Berlin und London

Dr. Wolfgang Strobel, Vorstandsvorsitzender des Kölnischen Kunstvereins

Marianne Stockebrand, Direktorin The Chinati Foundation und ehem. Direktorin des Kölnischen Kunstvereins

Prof. Rosemarie Trockel, Künstlerin und Professorin an der Kunstakademie Düsseldorf

UAA, Ungers Archiv für Architekturwissenschaften, Köln

Walter von Lom, Architekt, Köln

Prof. Erwin H. Zander, Architekt und Vorsitzender des Hauses der Architektur, Köln

Betreff: Chronologie der Geschehnisse

4. Dezember 2002

Die Bauarbeiten an der Kölner Nord-Süd-Stadtbahn werden aufgenommen. Bauherr sind die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), eine Tochtergesellschaft der kommunalen Stadtwerke. Die seit 2002 im Bau befindliche Nord-Süd-Bahn soll die Innenstadt vom Dom bis zum Bonner Wall in der Südstadt unterqueren und zur Entlastung des innerstädtischen Verkehrs führen. Sechs Bahnhöfe sind auf der 3,6 Kilometer langen Strecke eingeplant.

29. September 2004

Der Turm der Kirche St. Johann Baptist an der Severinstraße gerät um 77 Zentimeter in Schieflage, ausgelöst durch Arbeiten an einem unterirdischen Versorgungsschacht der Nord-Süd-Stadtbahn. Der Turm wird mit Stahlstützen abgesichert und ein Einsturz verhindert. Die Versicherung der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) übernimmt die Kosten für die Aufrichtung des Turms, der Giebel muss komplett erneuert werden. Auch an den Wänden des Kirchenschiffs entstehen schwere Schäden. Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf. Seit 2005 verheimlichen KVB und Stadt der Öffentlichkeit kritische Passagen eines Gutachtens zur Absenkung des Kirchturms, in dem vor "bedienungsbedingten vermeidbaren Hohlraumbildungen" im Erdreich gewarnt wird.

November 2004

In St. Maria im Kapitol werden Wandrisse und Beschädigungen der Kirchendecke festgestellt. Die romanische Kirche muss teilweise gesperrt werden. Im Streit um die Schäden an der romanischen Kirche am Heumarkt einigen sich KVB und Kirche schließlich, wer welche Kosten für die Reparaturarbeiten in dem romanischen Gotteshaus übernimmt. Einzelheiten der Vereinbarung werden allerdings nicht bekannt. Die Verkehrsbetriebe bleiben dabei, dass die Erschütterungen durch den U-Bahn Bau in diesem Fall nicht die Ursache der Schäden sind.

Februar 2006

Risse in Wänden, aufgebrochene Böden, Feuchtigkeit in Wohnräumen: Einige Anwohner am Alter Markt und Kutz-Gelände machen den U-Bahn Bau für die Probleme verantwortlich und machen vor Gericht Ansprüche auf Schadensersatz geltend.

August 2006

Mehrere Altbauten an der Bonner Straße sacken ab, im Haus Bonner Straße 2 klaffen millimetergroße Risse.

24. Juli 2007

Der Ratsturm des historischen Rathauses gibt um sieben Millimeter nach. Auch der Boden des Turmkellers, der für Trauungen genutzt wird, senkt sich um fast einen Zentimeter. Der U-Bahn Bau steht erneut als Verursacher des Schadens in Verdacht. Der Raum wird vorsichtshalber gesperrt. Zuvor waren bereits im Turmkeller des Gebäudes aus dem Jahr 1414 mehrere Risse festgestellt worden, der Turmkeller wird aus Sicherheitsgründen geschlossen. Die KVB spricht von einer "Gebäudesetzung", die sich "im normalen Rahmen bewegt".

November 2008 / Januar 2009

In der Kellerdecke des historischen Stadtarchivs zeigen sich breite Risse. Eberhard Illner, der 22 Jahre lang im historischen Archiv der Stadt Köln gearbeitet hat und im vergangenen September ins "Historische Zentrum" nach Wuppertal wechselte, meldet die Schäden an Dehnungsfugen und Türrahmen des Kellers. Seinen Beschwerden wurde offenbar nicht ernsthaft nachgegangen. Gutachter im Auftrag der KVB und ein Statiker im Auftrag der städtischen Gebäudewirtschaft sehen im Januar 2009 keinen Anlass, das Haus zu sperren. Eine von der Gebäudewirtschaft beauftragte Ingenieurin aus Leverkusen hatte den Verantwortlichen am 5. Januar 2009 nahe gelegt, zur Vermeidung möglicher weiterer Schäden an dem Gebäude "einen öffentlich anerkannten Sachverständigen für Bauwerkschäden einzuschalten". Das sei jedoch nicht geschehen, teilte der Leiter der Gebäudewirtschaft, Engelbert Rummel, mit. Der Archivar Eberhard Illner gilt nach seinen Beschwerden in Köln bei offiziellen Stellen als Nestbeschmutzer, das städtische Personalamt erinnerte ihn zwei Tage nach der Archivkatastrophe an seine Verschwiegenheitspflicht.

3. März 2009

Das historische Stadtarchiv und zwei weitere Häuser stürzen ein. Zwei junge Männer werden verschüttet und sterben.

Quellen: Kölnische Rundschau, Kölner Stadt-Anzeiger, spiegel.de, Süddeutsche Zeitung, WDR. Vorspann: dpa

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