Kunst und Öffentlichkeit - Neuer Berliner Kunstverein

40 Jahre Neuer Berliner Kunstverein

Hervorgegangen aus der Studentenrevolte und angetreten, die Kunst zu demokratisieren, feiert der Neue Berliner Kunstverein in diesen Tagen sein 40-jähriges Bestehen. Eine Ausstellung am Nach-Wende-Stammsitz in der Chausseestraße erinnert an eine lange Reihe von aufsehenerregenden Aktionen. Nunmehr scheint der Blick auf die Kunst gerichtet, die das Zeitalter der Globalisierung spiegelt.
40 Jahre Neuer Berliner Kunstverein:Die Jubiläums-Ausstellung

"Kunstbarrikade" mit 40 Werken aus der n.b.k. Sammlung Artothek

Gewaltige Röhren aus Pappmaché türmen und verkeilen sich zu einer Barrikade, hinter der ein Plakat in fetten Lettern zum Boykott aufruft, was man erst lesen kann, wenn man mit dem eigenen Körper den Rotlichtstrahler blockiert. Es ist mit ein paar kräftigen Akzenten wie diesen, dass der "Neue Berliner Kunstverein" in der großzügigen Weite seines Ausstellungsraums die aufgeladene Atmosphäre seiner Gründerzeit aufleben lässt. Tatsächlich führt dessen 40-jähriges Jubiläum in eine Facette von "68" hinein, die im derzeitigen Kampf um die Deutungshoheit über die Studentenrevolte ein wenig aus dem Blick geraten ist. Und doch so viel von ihrer Atmosphäre in sich trägt, die in der Historikerdebatte um verhallte Parolen keinen rechten Platz zu finden scheint.

Der "n.b.k." ist ein Kind des Umsturzes. Der Boykott-Aufruf gehört zum eigenen Gründungsmythos. Gut 100 Künstler unterschrieben die Kampfanansage gegen die "Deutsche Gesellschaft für Bildende Kunst", die erst vier Jahre zuvor gegründet worden war und sich auch schon "Kunstverein Berlin" nannte. Zu elitär, zu abgehoben, zu fern von der örtlichen Kunstszene, so lautete der Vorwurf, der sich doch gegen eine alles andere als Moderne-feindliche Institution richtete.

Und 68 wäre nicht 68, hätte der Aufruhr nicht auch schon spalterische Züge in sich getragen. Kaum war am 10. Juli 1969 der NBK aus der Taufe gehoben, entstand ihm Konkurrenz in Form der "Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst". Die ging einen Schritt weiter und stellte der am Direktor orientierten Struktur des Kunstvereins die "Basisdemokratie" entgegen. Und Berlin wäre nicht Berlin, wären in der Stadt nicht von Anfang an üppig Subventionen geflossen, und das für beide Vereine. Inzwischen existieren sie in einträchtiger Kooperation und werden noch immer finanziert durch Senats- und Lottogelder, wenn auch in eher abnehmender Tendenz.

Stets aufrührerische Tradition des Vereins

Doch auch der Geist von damals ist geblieben – jener Anspruch, die zeitgenössische Kunst barrierefrei und "für alle" zu vermitteln. Die Barrikade selbst zeigt das: Mitten hinein sind gerahmte Bilder gehängt, die klangvolle Signaturen wie die von Warhol, Lichtenstein, Christo tragen. Es sind Beispiele aus der "Artothek", einem Kunstdepot von gut 4000 Werken, die für geringe Gebühr jeweils ein Vierteljahr entliehen werden können – mittlerweile 10 000-mal im Jahr. In einem robusten Steckkastensystem, seinerseits eine künstlerische Arbeit, sind die Bilder zur Schau gestellt. Parterre gibt es einen weiteren Raum für die nicht minder egalitäre "Videothek", die rund 1000 Nummern bereithält.

Bodenständig aber ist der Verein beileibe nicht. Nach der Wende zog er in neue Räume in der Chausseestraße im Bezirk Mitte – kurioserweise zur Miete bei der Deutschen Bischofskonferenz, deren ortsansässige "Pax-Bank" die Überweisungen in Empfang nimmt. Die Adresse am Ku-damm wäre nicht zu halten gewesen, doch war der Schritt gen Osten auch ein Bekenntnis, die Nach-Wendezeit offensiv anzugehen. Zeigen doch die imposante Wand mit den Katalogen aus 40 Jahren und der Rundgang zu "Stationen" aus der stets aufrührerischen Tradition des Vereins dessen tiefe Verankerung im westlichen Kunstverständnis mit all seinen schrillen Seiten.

Die Mauer ist als Kulisse allgegenwärtig

Nicht umsonst sollte der NBK eine bevorzugte Adresse von Aktionskünstler Wolf Vostell werden, dem die Ausstellung denn auch eine eigene kleine Retrospektive widmet. Doch der Verein gerierte sich auch sonst gerne als Bürgerschreck, von den "Aktionen der Avantgarde" von 1973 bis hin zum notorisch gewordenen "Skulpturen-Boulevard" von 1987. Der brachte ausgerechnet zur 750-Jahr-Feier Berlins den Volkszorn zum Kochen und wirkt aus heutiger Sicht nicht eigentlich zahm, sondern einem Skulpturbegriff gewidmet, der sich seither immens gewandelt hat.

All das ist mit viel Material und flankiert von Zeitzeugen in Bild und Ton unterhaltsam präsentiert. Die heranwachsende Generation bekommt ihre Chance mit Arbeiten von Berliner Kunststudenten. Die Mauer ist als Kulisse allgegenwärtig – vom Bau bis zum Fall war sie der Grundton auch für die Kunst, die in Berlin entstand. Doch ein wenig zu kurz kommt der Ausblick auf das, was der NBK für das Zeitalter der Globalisierung sein will. Gerade darin sieht doch der neue Leiter Marius Babias, der erst im vergangenen Jahr ernannt worden ist, sein zentrales Anliegen.

Aus dieser Perspektive heraus ist er angetreten, das "Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeit" neu zu bestimmen. Einer sehr speziellen Berliner Öffentlichkeit zunächst einmal, die er mit Leidenschaft wegen ihrer "Hipness" verspottet. Babias ist aber auch ein profunder Kenner der osteuropäischen Szene, in der die Globalisierung auf den Zerfall der kommunistischen Gesellschaften trifft. Eine Kunst "kritischen Inhalts" fern der Marktorientierung sieht er unter prekären Bedingungen gerade in Osteuropa heranwachsen und so den westlichen Kunstbegriff vor neue Fragen stellen. Babias formuliert das alles sehr theorielastig – doch der weitere Weg des NBK wird zeigen, was eine kritische Kunst heute sein kann.

"Kunst und Öffentlichkeit – 40 Jahre Neuer Berliner Kunstverein"

Termin: bis 10. Mai in den Räumen des NBK, Chausseestraße 128/129, 10115 Berlin. Geöffnet Di bis So 12–18, Do 12–20 Uhr
http://www.nbk.org/