Abruzzen-Erdbeben - Kulturerbe

Uns erwartet eine Riesenarbeit

Nach dem schweren Erdbeben haben in Italien nun die Aufräumarbeiten begonnen. Die bittere Bilanz: Zahlreiche kostbare Gemälde, Statuen und Altäre wurden unter Schutt begraben.

Als am 6. April in den Abruzzen die Erde bebte, verloren fast 300 Menschen ihr Leben. Die Mauern von Tausenden Häusern, Kirchen, Klöster, Stadtpalästen rissen auf oder brachen zusammen. Gemälde, Statuen, kostbare Altäre, historische Bücher wurden unter Schutt begraben. Besonders schwer getroffen hat es die mittelalterliche Stadt L’Aquila. Die barocke Kuppel von Santa Martia del Suffragio ist eingestürzt. Die Collemaggio-Kirche, eines der ältesten Gotteshäuser der Stadt, liegt in Trümmern. Schlimm sieht es im Forte Spagnolo aus, wo das Nationalmuseum der Abruzzen untergebracht ist. Unter dem herabgestürzten Dach wurden die Bibliothek und ein Teil der Pinakothek mit Gemälden von bedeutenden Barockmalern wie Mattia Preti und Francesco Solimena begraben. Zwei Tafeln eines mittelalterlichen Flügelaltars, 1902 aus einer Kirche geraubt, waren gerade erst nach L'Aquila zurückgekehrt. Sie liegen unzugänglich in einem Panzerschrank im obersten Stock, auf den eine der Seitenmauern gestürzt ist. Ungewiss ist das Schicksal der Sammlung zeitgenössischer Kunst, darunter Werke von Joseph Beuys und Jannis Kounellis. Keine Informationen gibt es über die Schäden in großen Privatsammlungen wie etwa der Sammlung Pica Alfieri, die in einem vom Beben schwer betroffenen Palazzo im Zentrum der Stadt untergebracht war. Zu den Glanzstücken dieser Kollektion gehören Bilder von Giovanni Battista Tiepolo und Jacopo da Bassano.

Madonna sagt 500 000 Dollar Hilfe für Wiederaufbau zu

Für Kunstreisende war die gebirgige, etwas abgelegene Region um L'Aquila mit den oft einsam gelegenen Kirchen und Klöstern ein Geheimtipp. Wer heute durch die Provinz fährt, sieht überall Ruinen. In Paganica konnte die Statue einer Renaissance-Madonna aus der eingestürzten Kirche gerettet werden. Das dazugehörige Jesuskind ging verloren. Der kleine Ort Onna, vollkommen zerstört, hat seine 400 Jahre alte, hölzerne Madonnenfigur sichern können. Die Fassade der romanischen Kirche Santa Giusta in Bazzano ist teilweise abgestürzt, und Entsetzen erfasst einen bei dem Gedanken, dass die gefährlich geneigte Wand der romanischen Klosterkirche Santa Maria ad Cryptas nachgeben und die wunderschönen Fresken mitreißen könnte.

Nach der Zerstörung der kleinen Orte fürchtet man nun um das Landschaftsbild. "Wir müssen diese Ortschaften wie Onna oder Fossa wie Monumente behandeln und ehrfürchtig wieder aufbauen", erklärte Vittorio Sgarbi, Kunsthistoriker und ehemaliger stellvertretender Kulturminister. Der Wiederaufbau der Gebäude und der Infrastruktur sowie die Kosten für die Hilfsgüter werden, so erste Schätzungen, sieben Milliarden Euro verschlingen. Was für die einen eine Tragödie bedeutet, ist für andere eine günstige Gelegenheit, Profit zu machen. Deshalb wird von vielen Seiten höchste Wachsamkeit gefordert, um zu verhindern, dass die Mafia vom Wiederaufbau in der Provinz L'Aquila profitiert und öffentliche Gelder, wie nach dem Erdbeben in Kampanien, in dunklen Kanälen versickern. Die Präsidentin der Provinz, Stefania Pezzopane, und der Bürgermeister der Stadt L'Aquila, Massimo Cialente, versichern unisono: "Wir wollen kontrolliert werden, wir wollen Kontrollkommissionen."

Kulturminister Sandro Bondi weiß um die Probleme: "Uns erwartet eine Riesenarbeit." Er hat seinen Berater, den ehemaligen McDonalds-Manager und künftigen Generaldirektor der italienischen Museen, Mario Resca, in die USA entsandt. Er soll dort Kontakt zu Personen aufnehmen, die den Wiederaufbau in den Abruzzen finanziell unterstützen. Es wurde eine Liste beschädigter Kulturobjekte aufgestellt, die "adoptiert" werden können. Für die Instandsetzung der Kirchen versprach US-Präsident Barack Obama dem italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi bereits telefonisch Unterstützung. Popstar Madonna hat bereits 500 000 Dollar für den Wiederaufbau des Bergdorfes Pacentro zugesagt. Aus diesem Dorf emigrierten ihre Großeltern einst nach Amerika.

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