Street-Art-Galerist - Steve Lazarides

Keiner von ihnen fährt im Sportwagen rum

Vor drei Jahren eröffnete Steve Lazarides, 39, in einem ehemaligen Sexshop im Londoner Sündenpfuhl Soho seine erste Galerie, in der er Street Art zeigte. Mit viel Geschick hat er diesen Zweig der zeitgenössischen Kunst hoffähig gemacht. Seinem Stall gehören bekannte Streetkünstler wie das amerikanische Kollektiv Faile und der Franzose JR an. Aus dem anonymen Engländer Banksy machte er einen internationalen Star. Jetzt hat er in einem eleganten Haus nördlich der Oxford Street eine neue Galerie aufgemacht, mit Blümchentapete und Holztäfelung. art-Korrespondent Hans Pietsch sprach mit dem erfolgreichen Kunstimpresario.

Steve Lazarides, wie hat Ihr Interesse an Street Art begonnen?

Das ist lange her. Mit zwölf oder 13 habe ich selbst ziemlich schreckliche Graffiti gemalt, und dann fing ich an, Graffiti von anderen mit der Kamera festzuhalten. Das war in den späten Achtzigern in Bristol, damals ein Zentrum der englischen Graffitikunst, und seitdem ist es meine Leidenschaft.

Kann man in der Street Art unterschiedliche Strömungen ausmachen?

Vor 20 Jahren gab es lediglich Graffitikunst. Doch heute ist das anders: Da ist etwa Banksy, der mit Schablonen arbeitet; das Kollektiv Faile druckt auf Papier und macht Montagen; JR hat es in neue Gefilde katapultiert, er bringt 20 Meter hohe Fotos an Gebäudefassaden an; Mark Jenkins macht Skulpturen, die er auf der Straße aufstellt. Die Straße ist zum Medium für ganz verschiedene junge Künstler geworden.

Ist da nicht irgendwo ein Widerspruch: Urban Art ist subversiv und wird dort draußen auf der Straße gemacht, und Sie verkaufen sie in einer Galerie?

Wie sollen die Jungs denn ihren Lebensunterhalt verdienen? Sie können nicht von Luft leben. Die Besten sind kreativ genug, Kunst für draußen und drinnen zu machen. Die wirklich Guten kopieren nicht einfach das, was sie draußen machen, für die Galerie. Und das Geld, das sie verdienen, benutzen Sie dafür, draußen immer ehrgeizigere Projekte zu verwirklichen, an immer entlegenere Orte zu reisen. Jemand wie JR muss Arbeiten verkaufen, um eine Crew von zehn Leuten engagieren und einen Hubschrauber mieten zu können für seinen neuen Film. Diese Jungs haben keine Mäzene, sie kriegen keine öffentlichen Stipendien. Sie müssen ihre Siebdrucke verkaufen. Ich kenne niemand, der aufgehört hat, weiter draußen zu arbeiten. Sie werden keinen von ihnen im schicken Sportwagen rumfahren sehen, die stecken ihr Geld in ihre Street Art. Das liegt ihnen im Blut.

Wie kommt es, dass Street Art plötzlich so in Mode ist?

Es ist wie mit einer Band, die seit 15 Jahren Konzerte gibt, und dann plötzlich groß rauskommt. Es ging Ende der Neunziger los, als wir anfingen, Siebdrucke für 30 Pfund zu verkaufen. Leute gehen ins Museum, aber nicht in Privatgalerien. Wir wurden zu einer Art Museum für sie. Die Leute kamen, um sich Sachen anzusehen, sie konnten Kunst für 30 Pfund kaufen und mit nach Hause nehmen. Damit gehörten sie dazu. Und dann stieg auch die Presse ein, weil es die Leute zu interessieren begann.

Wer sind Ihre Sammler, gibt es da einen bestimmten Typ?

Nein, das sind ganz unterschiedliche Leute. Vom millionenschweren Kunstsammler bis zum 15-jährigen Schüler, der sein Taschengeld spart, um einen Siebdruck zu kaufen. Es ist eher eine bestimmte Denkweise, die sie gemeinsam haben: Sie sind für neue Ideen offen.

Manch einer sagt: Street Art ist eine Eintagsfliege, sie wird bald wieder verschwinden.

Es gibt sie seit den frühen Achtzigern, sie ist also nicht schnell wieder verschwunden. Sie ist zu einem Zweig der zeitgenössischen Kunst geworden. Die meisten Künstler bauen auf dem auf, womit sie aufgewachsen sind, und das ist Graffitikunst, auch wenn sie selbst keine Graffitikunst machen. Ich glaube, Street Art wird noch lange weiter bestehen.

Und in welche Richtung wird sie sich entwickeln?

In alle möglichen Richtungen, glaube ich. Einige werden sich etwa JR zum Vorbild nehmen und mit Fotos arbeiten. Google Earth wird großen Einfluss haben, Künstler werden horizontal arbeiten, weil ihre Kunst so von sehr viel mehr Menschen gesehen werden kann wenn Google seine Kameras auf sie richtet.

Die meisten Galeristen schnallen gerade ihre Gürtel enger, wegen der Rezession …

Ich bin die Ausnahme.

Ist das nicht etwas verrückt?

Was soll ich machen? Mich in eine Ecke stellen und heulen? Das liegt mir nicht. Ich riskiere lieber was. In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage sind die Mieten niedrig, ich hatte eine 24-stündige Kündigungsfrist bei meinen beiden Galerien, da konnte ich sofort zuschlagen, als ich dieses Haus fand. Ich habe nie Kunst für Millionen verkauft, ich habe mir nie Geld geliehen, ich habe mich nicht in Länder wie Swaziland ausgedehnt, mir geht es also nicht schlecht. In schlimmen Zeiten suchen die Leute nach etwas Glück und Sonnenschein. Da können sie zu uns kommen, sich Street Art anschauen und was kaufen.

Ich möchte noch ein paar Fragen zu Banksy stellen, den Sie ja groß gemacht haben …

Fragen zu Banksy kann ich nicht beantworten.

Auch nicht, ob er gerade in London wirklich ein Selbstporträt gemalt hat, obwohl er anonym bleiben will?

Nein, auch die nicht.

Oder ob er drei PR-Leute gleichzeitig beschäftigt?

Leider auch nicht.

"Rathbone Place Group Show"

Termin: bis 25 Juni/ Lazarides Gallery in London
http://www.lazinc.com/