Island - Kunst in der Krise

Auch inspirierend

Vor einem halben Jahr crashte die isländische Wirtschaft. Darunter leidet auch die Kunstszene, die derzeit dennoch das jährliche Reykjavik Arts Festival feiert. Doch auch darüber hinaus gibt es Hoffnung.
"Auch inspirierend":Über die Folgen der Krise und Chancen nach dem Crash

In Ihrer Videoperformance "Dynasty" (Videostill) probte die Künstlerinnengruppe Icelandic Love Corporation schonmal das Leben ohne Luxus. 2007 fragten sie: "Was tut die moderne Oberklassen-Hausfrau wenn es keine Elektrizität mehr gibt?"

Island war einst bekannt für sein kreatives Potenzial: Björk, Olafur Eliasson, The Icelandic Love Corporation, Sigur Ross und Gabriela Fridriksdottir haben dazu beigetragen, dass das Land ein Image als kulturell besonders spannend bekam. Doch seit Herbst vergangenen Jahres wird Island international vor allem mit einem verbunden: Kreppa, isländisch für Krise.

Im Oktober 2008 wurden binnen weniger Tage die drei größten Banken verstaatlicht und die Wirtschaft kollabierte nahezu. Seither ist das Land wirtschaftlich noch viel mehr als die meisten westeuropäischen Staaten gebeutelt. Das hat auch erhebliche Auswirkungen auf die Kunstszene. Nicht nur, dass es wie in anderen Ländern an Sponsoren mangelt, hat negative Folgen. Der Verfall der isländischen Krone trifft viele Künstler und Institutionen noch viel härter. Die Zusammenarbeit mit dem Ausland ist aus Kostengründen nahezu unmöglich geworden. "Der Wert der isländischen Krone ist drastisch gesunken, ausländische Künstler einzuladen kostet in Dollar oder Euro gerechnet derzeit rund doppelt so viel wie früher", sagt Hafthor Yngvason, Direktor des Kunstmuseums in Reykjavik, dem größten des Landes. Zu der schwachen Krone kommt, dass die wichtigsten Sponsoren seines Hauses bisher aus dem Finanzsektor kamen. Die isländischen Banken aber sind zusammengebrochen, das Budget des Kunstmuseums in Reykjavik ist deshalb um 15 bis 20 Prozent geschrumpft.

"Als größte Institution des Landes haben wir eine Verantwortung dem isländischen Publikum ausländische Tendenzen nahe zu bringen", so Yngvason. Weil er an dieser Idee festhält, muss er kreativ sein, um seine Aufgabe dennoch erfüllen zu können. Für den Herbst ist eine Ausstellung mit Yoshitomo Nara + graf geplant, die die Installation "Crated Rooms for Iceland" zeigen werden. Die Künstlergruppe hat Yngvason selber vorgeschlagen, die Installation aus Kostengründen kleiner zu machen als ursprünglich geplant. Auch will der Direktor die Zahl der jährlichen Ausstellungen reduzieren – das Angebot für die Zuschauer ist dann zwar etwas kleiner, aber die Qualität der einzelnen Ausstellungen soll so aufrechterhalten werden. Dadurch, so Yngvason, wird sogar so viel Geld gespart, dass an anderer Stelle wieder mehr ausgegeben werden kann. Deshalb hat er damit begonnen in seinem Haus mehr Künstlergespräche und Podiumsdiskussionen anzubieten. Die Isländer nehmen es schon jetzt dankbar an: In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres hat das Kunstmuseum Reykjavik 25 Prozent mehr Besucher gehabt als im selben Zeitraum des Vorjahres. Das mag auch daran liegen, dass der Eintritt frei ist und kostenlose Dinge zu Krisenzeiten gerne angenommen werden.

"Eine Krise ist immer auch inspirierend"

Für die beiden anderen größeren Museen Islands bedeutet die Krise härtere Auswirkungen. Sowohl das Akureyri Art Museum im Norden des Landes als auch die Nationalgalerie haben Ausstellungen mit ausländischen Künstlern bis auf weiteres absagen müssen – zu hoch sind die Kosten in isländischen Kronen gerechnet. Auch die Künstler selber sind betroffen. "Viele von uns hatten einen gewöhnlichen Hauptjob, mit dem sie ihre künstlerische Arbeit finanziert haben und arbeiteten zum Beispiel in der Werbung. Diese Stellen sind in der Krise als Erstes gestrichen worden und nun fällt die Einnahmequelle weg", sagt Aslaug Thorlacius, Vorsitzende des Isländischen Künstlerverbands. Zudem gehörten die großen Banken sowie deren Angestellte zu den wenigen in Island, die regelmäßig Kunst einkauften. Auch das gibt es seit Oktober nicht mehr.

Für den Nachwuchs hat die Krise gute und schlechte Seiten. Auf Island kann bildende Kunst nur bis zum Bachelor studiert werden, wer den Master machen möchte, muss ins Ausland gehen. Bisher zog es deshalb viele Studenten in die nordischen Nachbarstaaten, nach Großbritannien, die USA oder Deutschland, wo sie sich mit stattlichem Stipendium finanzierten. Zwar gibt es solche Stipendien weiterhin. Doch deren Wert ist mit der Krone drastisch gefallen und nun zu gering, um ein Leben im Ausland zu finanzieren. Katrin Sigurdardottir, Professorin an der örtlichen Kunsthochschule, erwartet deshalb, dass in Zukunft mehr Absolventen einfach in Island bleiben und dort ein Atelier eröffnen, statt ins Ausland zu gehen. Das sollte der lokalen Kunstszene einen deutlichen Schub verpassen, meint sie. "Längerfristig ist es aber essenziell, dass wir Einflüsse von außerhalb bekommen", so Sigurdardottir. Gleichzeitig kann sie sehen, wie die derzeitige Lage des Landes sich positiv auf die Arbeit ihrer Studenten auswirkt: Für die aktuelle Abschlussausstellung haben viele Studenten ihre Themen kurzfristig geändert und befassen sich nun mit der aktuellen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lage ihres Landes. Dazu deren Professorin Sigurdardottir: "Eine solche Krise ist immer auch inspirierend."