UNESCO-Welterbe - Dresden

Elbtal ist kein Weltkulturerbe mehr

Das Dresdner Elbtal verliert wegen des Baus der umstrittenen Waldschlösschenbrücke nach fünf Jahren seinen Welterbe-Titel. Bei der dritten Überprüfung der bereits 2006 auf die Rote Liste der gefährdeten Welterbestätten gesetzten Flusslandschaft riss der UNESCO der Geduldsfaden.

Das Welterbekomitee machte bei seiner Sitzung in Sevilla (Spanien) ernst und votierte mit 14 zu 5 bei zwei ungültigen Stimmen für die Aberkennung des begehrten Welterbetitels. Damit ist weltweit erstmals eine Kulturstätte betroffen. Den Schritt hatte das Gremium vor einem Jahr angekündigt, falls die von der UN-Kulturorganisation kritisierte Waldschlösschenbrücke weiter wie geplant gebaut wird.

Die Aberkennung bedeutet auch für den deutschen Denkmalschutz einen erheblichen Verlust an Renommee. Gilt doch das Mutterland des Denkmalschutzes als vorbildlicher Unterzeichnerstaat der Welterbekonvention. Vor Dresden hatte nur der Kölner Dom zwei Jahre lang auf der Roten Liste gestanden. Unter Vermittlung der Bundesregierung gaben die Stadtväter letztlich dem Drängen der UNESCO nach und bauten nur eines statt fünf geplanter Hochhäuser, die den Blick auf die berühmte Kathedrale zu verstellen drohten. Auch bei der Diskussion um eine Flussquerung in dem seit 2002 als Welterbe geschützten Rheintal zwischen Koblenz und Bingen bei der Loreley besteht eine vorbildliche Kooperation zwischen dem Welterbezentrum in Paris und der Landesregierung von Rheinland-Pfalz.

Dresden wird vom Welterbezentrum nach dpa-Informationen aber als Einzelfall betrachtet, die Verantwortung klar bei den Akteuren in der Elbstadt gesehen, die seit Jahren auf einen Bürgerentscheid pro Waldschlösschenbrücke von 2005 verweisen. Tatsächlich war das Votum von 67,9 Prozent der Beteiligten für das gut 156-Millionen-Euro-Projekt das größte Hindernis für den von der UNESCO zuletzt geforderten Kurswechsel hin zu einem Tunnel. Eine politische
Entscheidung gegen ein demokratisches Votum schien vielen in dem Teil Deutschlands, der sich die Freiheit erst 1989 zurückerobert hatte, unmöglich.

Fehlende Kooperation und Sturheit

"Das ist der Haken", sagt ein UNESCO-Insider. Denn darauf bezieht sich auch die Landesregierung, die die Brücke seit anderthalb Jahren in den Elbauen bauen lässt – trotz noch ausstehender Gerichtsverfahren. Appelle von Bundespolitikern, Institutionen, Künstlern und Prominenten wurden ignoriert. Dabei war zum Zeitpunkt der Befragung nicht klar, dass die Elbestadt mit einem Brückenbau den erst ein Jahr zuvor errungenen Welterbetitel aufs Spiel setzen würde. Das Ja der Bürger und der politische Wille an der Elbe behinderten auch eine "politische Entscheidung", die den Fall noch hätte ändern können, gerade in einem Superwahljahr.

Über diesen Umgang ist man im Pariser Welterbezentrum angesichts fehlender Kooperation und Sturheit "überhaupt nicht glücklich". Daher war ziemlich klar, dass das Gütesiegel für das Dresdner Elbtal Geschichte sein müsse. "Sonst macht künftig jeder, was er will mit dem Welterbe." Allerdings hat es in Sevilla auch seitens einiger Delegierter Bemühungen gegeben, noch ein weiteres Jahr abzuwarten. Die letzte Mission von Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) indes ist in der südländischen Hitze verpufft: Eine Vertagung der Entscheidung bis nach Fertigstellung des Bauwerks wurde verworfen.

2008 erging das letzte Ultimatum

Die UNESCO hatte das Elbtal 2006 auf die Rote Liste gesetzt, da der Brückenbau die wertvolle Kulturlandschaft an ihrer schönsten Stelle zerschneiden und irreversible Schäden anrichten würde. Im Sommer 2007 gewährte sie eine erste einjährige Gnadenfrist mit der Auflage, auf den Brückenbau zu verzichten, ein paar Monate später begannen die Bauarbeiten im Welterbegebiet. Stadt und Freistaat hatten der UNESCO später ob der verfahrenen Lage eine filigranere
Konstruktion vorgelegt, die den Welterbe-Hütern aber nicht ausreichte.

2008 erging dann ein letztes Ultimatum, verbunden mit der Forderung nach Prüfung einer Tunnelalternative. Anträge auf einen Baustopp und ein neues Bürgerbegehren pro Tunnel scheiterten. Indes wuchs das corpus delicti weiter, inzwischen hat sich viel Beton ins Grün der Elbauen gemischt. Bald kommt der Stahl für das "Monstrum", wie Kritiker die Konstruktion nennen, die auch der UNESCO zu wuchtig ist. Eine so drastische Maßnahme wie den Titelentzug wandte diese in ihrer Geschichte erst einmal an – gegenüber einer Naturschutzregion im Oman. Nun reihte sich das Dresdner Elbtal als erste Kulturstätte ein. Die Stadtverwaltung kündigte indes für Freitag die Freigabe der ersten fertigen Straße des Verkehrszuges Waldschlösschenbrücke an. Simona Block, dpa