Dresdner Elbtal - Kommentar

Sieg der Sturköpfe

Dresden hat der Waldschlösschenbrücke das Welterbe geopfert. Die Touristen kommen trotzdem, sagen die Unbelehrbaren. Ja – aber ein Makel bleibt hängen. Ein Kommentar von art-Autor Günter Kowa.
Sieg der Sturköpfe:Dresden hat das Welterbe geopfert

"Es hätte schlimmer kommen können. Wenn Luigi Colani die Brücke entworfen hätte" – Karikatur von Gunter Bähr

Es kam wie es kommen musste. Die Unesco hat, wie längst unmissverständlich angedroht, dem Dresdner Elbtal den Status des Weltkulturerbes aberkannt. Auch der Zankapfel, um den es ging, ist zigfach diskutiert worden. Die Waldschlösschenbrücke, durch einen Bürgerentscheid legitimiert, zerschneidet nach Ansicht der Hüter des Welterbes wesentliche Blickbeziehungen und zerstört sowohl den Naturraum als auch den harmonischen Einklang der Kulturlandschaft.

Ungelöst blieb auch bis zuletzt die Frage, ob das (wenn auch knapp ausgefallene) Bürgervotum völkerrechtlich bindende Konventionen aushebelt - in dieser "Hauptsache" hatten die zigfach bemühten Gerichte noch gar nicht entschieden. Für den deutschen Staat ist die Causa Dresden blamabel, lokal dagegen hat sich unter den bis zuletzt entschlossenen Brückenbefürwortern in Stadtrat, Landesregierung und Bürgerschaft die trotzige Reaktion durchgestzt, nach Dresden kämen die Leute auch ohne den Unesco-Titel.

Das mag stimmen, aber ein Schatten bleibt. Denn an den Dresdnern hängt jetzt der Makel von Sturheit und Unbelehrbarkeit. Daran ändert auch die kritische Aufmerksamkeit nichts, die die Unesco selbst mit ihrer Wächterrolle des Wahren, Schönen, Guten auf sich gezogen hat. Über dem Konzept vom Weltkulturerbe hängt zunehmend der ungelöste Konflikt von Lebensnähe oder -ferne. Ist ein einmal erreichter Zustand, sei es eines Bauwerks, sei es seines Umfelds oder gar einer ganzen Landschaft unabänderlich und per Gesetz festzuschreiben?

Blindwütiger Angriff auf die Schönheit und Grazie

Dass dieser Disput zu unbefriedigenden Ergebnissen führen kann, zeigt das Beispiel Kölner Dom: Das Veto der UNESCO gegen vier auf der Rheinseite gegenüber geplante Hochhäuser führte dazu, dass diese auf halbe Höhe gekappt werden – visuell die noch größere Katastrophe. Auch kreiden viele der Organisation ungleiche Maßstäbe an: Warum werden Pompeji und Agrigent nicht dafür bestraft, dass sie im Umfeld der antiken Stadt, respektive des griechischen Tempels die zügellose Bautätigkeit nicht eindämmen und nichts gegen den Verfall unternehmen?

Doch im Fall Dresden steht etwas anderes zur Debatte. Das Brückenprojekt hat etwas Maßloses ansich. Die über den täglichen Verkehrsinfarkt klagenden Dresdner wollen ihr lokales Problem gleich in den Dimensionen einer Autobahn lösen, nämlich mit vier Spuren, die zudem noch um Rad- und Fußwege ergänzt werden. Warnungen, dass solche Dimensionen auch zu mehr Verkehr führen, wurden ignoriert. Es überrascht schon, dass niemand in Dresden den unvermeidlichen Lärm und die Abgase thematisierte, die künftig auf dem Erholungsraum Elbtal lasten werden.

Zu allem Überfluss aber mobilisierte die Stadt ihre sonst so lautstarke Barock-Lobby nicht gegen den Entwurf der Brücke, der zyklopenhaft-kolossaler kaum hätte sein können, ein blindwütiger Angriff auf die Schönheit und Grazie des Elbtals. Im Gegenteil, selbst als eine Reihe von Architekten immerhin kostenlos, wenn auch sicher nicht selbstlos, in einem von Icomos organisierten Wettbewerb Gegenentwürfe anboten, die aufzeigten, dass die Aufgabe auch mit Eleganz zu lösen ist, nahmen die Dresdner Trotzköpfe davon keine Notiz. Auch nicht, als die Unesco angesichts der Alternativen Kompromissbereitschaft andeutete. Nun haben die Trotzköpfe gewonnen, und sie werden bekommen, was sie verdient haben.

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