Forschung - Kunstmuseums St. Gallen

Crash-Test für die Kunst

Roland Wäspe, Direktor des Kunstmuseums St. Gallen, lässt per Datenhandschuh Verweildauer und Emotionen der Besucher vor Kunstwerken ermitteln. Nach dem Rundgang mit dem Messgerät folgt die Besprechung der Aufzeichnun­gen: Rot zeigt emotionale, Gelb kognitive Reaktionen des Besuchers auf die Kunst. art-Korrespondent Gerhard Mack sprach mit Wäspe über das kuriose Projekt.
Crash-Test für die Kunst:Datenhandschuh ermittelt Wirkung von Kunst

Besucherin mit Datenhandschuh

Herr Wäspe, Sie lassen in ihrem Museum mit einem Datenhandschuh messen, wie intensiv Besucher auf einzelne Kunstwerke reagieren. Warum?

Roland Wäspe: Das Kunstmuseum hat keinen Zielekatalog. Es handelt sich um ein Projekt interdisziplinärer Grundlagenforschung, das schon alleine deshalb faszinierend ist, weil es auf der Schnittstelle zwischen Kunst, Wissenschaft und Technik arbeitet. Überdies sind zwei Künstler beteiligt.

Solche Untersuchungen kennen wir von Warenhäusern, die ihren Umsatz steigern wollen. Möchten Sie dieses Modell jetzt im Museum einführen?

Die Frage klingt nach "big brother is watching", aber wir haben tatsächlich ein verwandtes Interesse. Ein Kurator glaubt genau zu wissen, wie er Kunstwerke ideal präsentieren muss, um sie den Besuchern im Kontext neu zu vermitteln. Diese Untersuchung erlaubt nun die Nagelprobe. Wir können herausfinden, wie viele von unseren Vernetzungen die Betrachter in einer Ausstellung tatsächlich wahrnehmen. Und die Besucher erfahren etwas über ihr Wahrnehmungsverhalten.

Wie sehen die ersten Ergebnisse aus?

Wir erfahren beispielsweise, dass Giovanni Giacomettis Porträt seines Onkels in leuchtendem Grüngelb immer hohe Aufmerksamkeit findet. Und eine Dame bestätigt uns, dass sie sich über ein Werk von Max Ernst tatsächlich geärgert hat. Das erfahren wir so konkret aber erst in der Nachbefragung. Eine Wertung ist an den Messdaten allein nicht ablesbar.

Wird nun künftig nach Quote gehängt?

Das ist eine mögliche Schlussfolgerung, wenn man das ökonomische Denken der Museen heute im Blick hat. Manche großen Häuser gehen auch ohne Untersuchung in diese Richtung. Wir sind daran nicht interessiert.

Befürchten Sie nicht, dass Sammler und Sponsoren künftig nach solchen Publikumsreaktionen entscheiden, ob sie ihre Werke ausleihen oder Geld geben?

Das wäre das Worst-Case-Szenario, das wir nicht ausschließen können. Man kann Forschungsresultate immer instrumentalisieren. Für mich wäre das aber eine missbräuch­liche Verwendung.

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