Annie Leibovitz - Art Capital Group

Steht Annie Leibovitz vor dem Bankrott?

Annie Leibovitz porträtierte die hochschwangere, nackte Demi Moore, nahm John Lennon am Tag seines Todes auf und brachte als erste die amerikanische Präsidentengattin Michelle Obama auf ein Hochglanz-Cover. Dass ausgerechnet diese Frau vor dem Ruin steht, ist kaum zu glauben. Seit die 59-jährige Starfotografin in New York wegen eines 24-Millionen-Dollar-Kredits verklagt wurde, rätseln US-Medien und Kunstexperten über die Hintergründe.

"Jemand, der so außergewöhnliche Bilder machen kann, ist nicht unbedingt ein guter Finanzmanager", sagte Graydon Carter, der Herausgeber der Zeitschrift "Vanity Fair". Bei dem Promi-Magazin verdient Annie Leibovitz pro Jahr angeblich mehr als zwei Millionen Dollar (1,4 Millionen Euro). Für andere Arbeiten – etwa im Auftrag der Kofferschmiede Louis Vuitton oder der Modefirma Gap – verlangt sie mehrere zehntausend Dollar am Tag.

Dennoch musste die Bildkünstlerin im vergangenen Jahr zunächst 22 Millionen und kurz darauf weitere zwei Millionen Dollar Schulden aufnehmen. Die in New York ansässige Firma Art Capital Group, eine Art Edel-Pfandleihe für die Kunstszene, bekam dafür die Rechte an ihrem Landhaus in Rhinebeck (US-Bundesstaat New York), an drei denkmalgeschützten Stadthäusern in Manhattan – und vor allem an ihrem Fotokatalog. Sie habe praktisch nur noch ihr Hemd auf dem Leib behalten, schrieb das "Forbes"-Magazin.

Bis zum 8. September muss Leibovitz das Geld auf Heller und Pfennig zurückzahlen – mit Zins und Zinseszins. Weil sie jedoch weiter klamm ist, will der Kreditgeber einen Teil des überschriebenen Besitzes zu Geld machen und wirft ihr vor, dies zu blockieren. "Die Beklagte bricht die Geschäftsvereinbarung wissentlich, willentlich und schamlos", heißt es in der vergangene Woche beim Obersten Gerichtshof New Yorks eingereichten Klage. "Es scheint, als habe Leibovitz nie die Absicht gehabt, den Vertrag zu erfüllen."

"Sie hat keine kostenlose Rückfahrkarte"

Dass die in der Arbeit als perfektionistisch geltende Künstlerin in Geldsachen mehr als lax ist, zeichnete sich schon seit einiger Zeit ab. Für die vergangenen beiden Jahren musste der Fiskus 1,4 Millionen Dollar Steuern nachträglich eintreiben. In zwei Klagen wurde ihr zudem vorgeworfen, Rechnungen für Fotoarbeiten über mehr als 700 000 Dollar nicht gezahlt zu haben. Überdies verhob sich Leibovitz möglicherweise mit ihren Immobilienprojekten. 2002 hatte sie nach Angaben der "New York Times" im angesagten New Yorker Stadtteil West Village für 4,15 Millionen Dollar zwei historische Stadthäuser gekauft und aufwendig renovieren lassen. Als ein Nachbar sie wegen Beschädigung der Trennmauer auf millionenschweren Schadenersatz verklagte, konnte sie den Streit nur mit dem zusätzlichen Kauf von dessen Haus für 1,9 Millionen Dollar beenden.

Und schließlich dürften wohl private Probleme einige Löcher in die Kasse gerissen haben. Ende 2004 starb ihre langjährige Lebensgefährtin, die US-Schriftstellerin Susan Sontag, sechs Wochen später ihr Vater Samuel Leibovitz. In den langen Leidensjahren der beiden war sie immer wieder um die halbe Welt gejettet, um möglichst oft am Krankenbett zu sein. Selbst die eigenen Kinder bekam die Fotografin nicht geschenkt. Nachdem sie im Alter von 51 Jahren ihr erstes Kind Sarah auf die Welt gebracht hatte, ließ sie 2005 die Zwillingsmädchen Susan und Samuelle von einer Leihmutter austragen – ein teures Verfahren.

Finanzexperten spekulierten dieser Tage bereits, dass Leibovitz sich möglicherweise am besten durch eine Bankrotterklärung retten könnte. Damit würde ihr Besitz vorerst unter den Schutz eines Bundesrichters gestellt. Ihr bliebe so mehr Zeit zum Überlegen, zitierte der Wirtschaftsdienst Bloomberg den Kunst-Rechtsexperten Thomas Kline. Allerdings würde sie auch dann nicht ungeschoren davonkommen: "Sie hat keine kostenlose Rückfahrkarte." Nada Weigelt, dpa

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