Hochschule für Grafik und Buchkunst - Leipzig

Jetzt also Heribert C. Ottersbach

Der öffentliche Streit um die Besetzung der Malereiprofessur von Neo Rauch in Leipzig erreichte am Freitag mit einer Pressekonferenz seinen vorläufigen Höhepunkt. Rektor Joachim Brohm verteidigte vehement seine umstrittene Position bei der Berufung von Heribert C. Ottersbach als Nachfolger von Rauch. Drei Jahre nach seinem Amtsantritt hatte Rauch im Februar die Leitung seiner Fachklasse wegen Überlastung niedergelegt. art-Korrespondentin Susanne Altmann über die Hintergründe des größten Konflikts an einer deutschen Kunsthochschule.

Ausgelöst wurde der Konflikt Ende Juli durch ein geharnischtes Protestschreiben von Studierenden und Diplomanden der ehemaligen Klasse Rauchs an Brohm, in dem die Berufung von Ottersbach scharf kritisiert wurde. "Es entzieht sich unserem Verständnis, warum Heribert C. Ottersbach, der in seinem Werk einen sehr konzeptuellen, im engen diskursiven Wechselverhältnis mit der Fotografie stehenden Ansatz verfolgt, als Leiter einer traditionell dem Wesen des kreatürlich, vornehmlich malereireflexiven Handwerks verpflichteten Fachklasse bestimmt werden soll", heißt es verklausiert in dem Brief. Zudem unterstellten die Studenten "persönliche und private Interessen", schließlich sei Ottersbach ein langjähriger Malerfreund und künstlerischer Wegbegleiter" des Rektors.

Brohm reagierte getroffen und wies solche Verdächtigungen schriftlich als haltlos zurück. Nicht nur er selbst, sondern auch "die Kompetenz der Berufungskommission" würden "auf naiv spekulierender Grundlage und ohne stichhaltige Argumente angegriffen." Kurz, bei der Berufung habe alles seine Richtigkeit gehabt. Für Brohm seien die Studenten von Rauch manipuliert worden: "Es handelt sich um die exakte Diktion von Rauch. Im Grunde tun mir die Studenten leid."

Tatsächlich hatte Rauch, als die Besetzung der – für die Hochschule bislang profilbildenden – Stelle an Bewerbermangel zu scheitern drohte, mit dem Belgier Michaël Borremans einen eigenen Favoriten ins Spiel gebracht. Letztendlich jedoch entschied sich die Berufungskommission, der Brohm als Rektor nicht angehörte, für Ottersbach. Anders als sonst üblich, wurden die Probevorlesungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgehalten. Ein Grund mehr für die Studenten, sich als Opfer einer totalitären Maschinerie zu fühlen. Doch kurz zuvor hatte das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" Michaël Borremans bereits als sehr wahrscheinlichen Kronprinzen für den Rauch-Thron vorgestellt. Brohm sah sich zum Handeln gezwungen: "Niemand sollte uns ein abgekartetes Spiel unterstellen und Zweifel an dem Verfahren anmelden können." Die Entscheidung, die Bewerber daher hinter geschlossenen Türen auftreten zu lassen, sei in deren Sinne erfolgt. Für die Studenten war dies jedoch ein weiterer Beweis für das zunehmend undemokratische Klima der Ära Brohm. Auch vorher seien bereits, etwa mit der Besetzung eines Fotografielehrstuhls und der Schließung des Studentencafes Entscheidungen gegen ihre Interessen gefällt worden. Jetzt also Heribert C. Ottersbach.

"Jetzt nicht den Schwanz einziehen"

Wie es aussieht, ist der Kölner Maler unverschuldet in einen Leipziger Richtungsstreit geraten. Sein Amtsantritt im Oktober wird ein schwerer Gang, zumal er sich mitnichten als Widerpart zur gerühmten Neuen Leipziger Schule versteht, sich vielmehr der Stadt und ihrer Malereitradition eng verbunden fühlt. 1994 fand seine erste Werkschau im
Osten ausgerechnet an der Hochschule für Grafik und Buchkunst statt, 2001 hatte er dort einen Gastlehrauftrag. Nur "super Erinnerungen" habe er an seine Leipziger Zeit, an gute Gespräche etwa mit Matthias Weischer und David Schnell, die die damals noch Studenten waren.

Für die offene Position habe er sich zunächst bewusst nicht beworben: "Die besetzen das schon aus den eigenen Reihen." Doch dann sei er von der Berufungskommission eingeladen worden, und nun hat er das Rennen gemacht. Wie er im Herbst vor die Studenten treten soll, weiß er noch nicht genau: "Ich werde wohl meine nichtöffentliche Probevorlesung noch einmal für die Studenten halten und sie nach ihren Erwartungen und Irritationen befragen. Wenn ich jetzt den Schwanz einziehe, würde ich mir schäbig vorkommen." Er will den Studenten beistehen und findet es dennoch absurd, dass viele von ihnen Brohm Günstlingswirtschaft vorwerfen: "Dass Brohm mich durch Handauflegen zum Professor macht, ist absurd. Er war ja in dem Verfahren nicht anwesend oder hätte Stimmrecht gehabt."

"Eine Auslöschung dessen, was dem Haus ein Profil verliehen hat"

Eine ehemalige Rauch-Studentin, die anonym bleiben möchte, ist vom Rhein extra nach Leipzig gezogen, weil sie unbedingt gutes Malhandwerk und Zeichenkunst lernen wollte. Sie denkt nun über einen Schulwechsel nach, obwohl sie explizit nichts gegen Ottersbach hat. Sie habe sich für die Rauch-Klasse entschieden, weil sie sich nicht für konzeptuelle Malerei interessiert, wie sie in Leipzig bereits von Ingo Meller und Astrid Klein gelehrt wird. Jetzt befürchtet sie, dass das "Spezifische der Schule verloren geht." Mit dem figurativ-naturalistischen Maler Borremans, so sieht das auch ihr ehemaliger Kommilitone Sebastian Burger, wäre die Tradition der Leipziger Figuration weit würdiger weitergeführt worden als mit Ottersbach, der überwiegend nach Fotovorlagen arbeitet. Die Studenten wissen, wovon sie sprechen, hatte Neo Rauch doch seinen Kollegen Borremans noch vor dessen Kandidatur nach Leipzig eingeladen und ihm seine Schützlinge vorgestellt.

Burger spricht von einem "wunderbaren Treffen und dem glücklichen Umstand, einen solchen Menschen kennenzulernen" Bei Borremans hätten er und seine Mitstudenten "eine Tiefe und Ernsthaftigkeit" wie bei Neo Rauch oder dessen Vorgänger Arno Rink' gespürt. Borremans' Besuch weckte Wünsche und Hoffnungen, die nun bitter enttäuscht wurden. Und augenscheinlich nicht nur bei der Fachklasse, sondern auch bei deren ehemaligem Leiter, Neo Rauch selbst. Borremans sei ein Kollege, "dem man an keinem zweiten Haus dieser Welt die Tür weisen würde." Außerdem prophezeite Rauch "eine Auslöschung dessen, was dem Haus über Jahre hinweg ein Profil verliehen hat". Zumindest die Kulisse der Pressekonferenz am Freitag suggerierte Endzeitstimmung: Die Redner saßen vor Vitrinenschränken mit Tierskeletten wie in einem "Memento Mori"-Gemälde, und draußen auf dem Gang protestierte eine vermummte Studentin mit verstörendem Geigenspiel.

Mehr zum Thema im Internet