Erika Hoffmann-Könige - Interview

Die Rückkehr der Sammlerin

Nach fast zwanzig Jahren kehrt Erika Hoffmann-Könige mit einem Teil der Sammlung Hoffmann zurück nach Dresden. Bis zum bis 20. September wird die Ausstellung "Mit dem Fahrrad zur Milchstraße" in der Dresdner Kunsthalle im Lipsiusbau gezeigt. art-Korrespondentin Susanne Altmann sprach mit der Kunstsammlerin über das Erzählerische in der Kunst und das Beobachten von künsterlischen Entwicklungsprozessen.

Vor fast zwanzig Jahren hatte Dresden einmal die Gelegenheit, in den Olymp der Gegenwartskunst aufzusteigen. Das war als das Kölner Sammlerpaar Rolf und Erika Hoffmann in die Stadt kam und, begeistert von den neuen Horizonten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, ein spektakuläres Angebot machten: Nicht nur wollten sie ihre Kunstsammlung in die Elbestadt bringen, sondern sie hatten zugleich den Entwurf für eine Kunsthalle im Gepäck.

Der US-Amerikaner Frank Stella ersann ein spielerisches Pavillonsystem, das die Architektur des nahen Zwingers und von barocken Gartenanlagen in die Gegenwart transportieren sollte. Von allen Seiten kam Zuspruch, die internationale Kunstszene blickte nach Dresden, und dann scheiterte das Projekt an kleinlichen, politisch forcierten Geschmacksverdikten. Ein peinlicher Fall für Dresden, der erste in einer langen Kette von provinziellen Fehlentscheidungen, die kürzlich erst wieder im Bau der Waldschlösschenbrücke und dem Verlust des Welterbetitels traurig gipfelten. Eine gewaltige Enttäuschung aber auch für das Sammlerpaar Hoffmann und eigentlich ein Grund nie wieder einen Fuß an den Ort einer solchen Niederlage zu setzen. Doch als Martin Roth, Generaldirektor der Kunstsammlungen Dresden, Erika Hoffmann-Könige – ihr Mann Rolf verstarb 2001 – bat, ihre Sammlung hier zu zeigen, zögerte sie nicht. Die aktuelle Ausstellung im prächtigen Lipsiusbau auf der Brühlschen Terrasse ist so nichts weniger als ein Heimspiel mit Umwegen, nach knapp zwanzig Jahren.

Mittlerweile ist die Sammlung Hoffmann fest in Berlin-Mitte etabliert – eine Wohnungsgalerie der noblen Art, die man jeden Samstag besuchen kann und die einen repräsentativen Querschnitt durch die Kunst der letzten 30 Jahre bietet. Einmal im Jahr arrangiert Erika Hoffmann ihre Bestände thematisch um, der Besuch lohnt immer. Nun zeigt sie erstmals ihre Schätze in großem Maßstab in einem Ausstellungsgebäude. Wie bei sich zu Hause, so betreute die studierte Kunsthistorikerin die Auswahl und Anordnung der Exponate selbst, mit sicherer Hand. Die Spanne der Werke ist gewaltig, sowohl im Hinblick auf Medien und Haltungen wie auch auf das Alter der Künstler. Mit Andy Warhol, Frank Stella, Georg Herold oder Isa Genzken trifft Establishment auf Experimentelles von Patty Chang, Katarzyna Kozyra oder A K Dolven: Zeugnis eines selbstbewussten Sammlerlebens, in dem nur die eigenen Regeln gelten. Susanne Altmann sprach mit Erika Hoffmann-Könige vor Ort.

"Die Amerikaner waren damals weit weg"

Frau Hoffmann, mit wohldurchdachten Blickachsen, kalkulierten Begegnungen von Werken Frank Stellas mit solchen der russischen Avantgarde oder von Arbeiten der Zero-Gruppe mit dem Dresdner Konstruktivisten Hermann Glöckner, sehen die Besucher nicht nur die intime Vertrautheit der Sammlerin Erika Hoffmann mit ihren Beständen. Sie sehen auch die Freude der Ausstellungsmacherin Erika Hoffmann, inhaltliche Bezüge herzustellen.

Erika Hoffmann: Ich bin sehr zufrieden damit, dass es mir gelungen ist, diesen als schwierig bekannten Raum kuratorisch zu bespielen. Es ist mir wichtig, solche inhaltlichen Bezüge möglichst ablesbar herzustellen. Wer mich kennt (und meinen Mann Rolf kannte), den wird das bisweilen verwundern, weil für uns das Erzählerische in der Kunst nie eine so große Rolle gespielt hat.

Sie haben in den frühen sechziger Jahren mit den reduzierten Arbeiten besonders des Zero-Kreises zu sammeln begonnen, hier vertreten etwa mit Heinz Mack und Günther Uecker. Für ähnlich minimale Werke aus den USA hatten Sie nur wenig übrig. Wie kam das?

Zunächst einmal war Zero in unserer Reichweite, die Amerikaner waren damals weit weg. Auch im weiteren Umfeld von Zero gefielen uns die europäische Skepsis und die generelle spielerische Art des Umgangs. Gegenüber Donald Judd, Richard Serra oder Carl Andre hatten wir Vorbehalte, weil sie uns zu dominant und autoritär vorkamen. Einer meiner Lieblingskünstler ist François Morellet, als Inbegriff eines Künstlers, der sich immer wieder selbst in Frage stellt und das System mit dem Zufall kreuzt und zu witzigen, erhellenden Lösungen kommt.

"Das hat mit Argumenten und Überzeugungskraft zu tun"

So überrascht es auch nicht, dass die Grundidee Ihrer Dresdner Auswahl auf dem Thema von Regeln fußt, auch selbstgestellten und darauf, wie diese immer wieder durchbrochen werden. Ihre spätere Begeisterung für Frank Stella, dem Architekten der nichtrealisierten Dresdner Kunsthalle, zeugt aber auch von einer Lust am Anarchistischen und an explosiven Setzungen.

Stella hat immer wieder seine eigenen Regeln durchbrochen und etwas Neues gefunden. Wir haben ihn erst Mitte der 70er Jahre kennengelernt, als er begann, die Flächen zu verlassen, wie in der hier gezeigten Arbeit "Leblon I" von 1975, wo keines der Reliefmodule mehr in die Fläche passt. Später wurde er dann noch radikaler.

Wie ja auch der zweite Entwurf für die Dresdner Kunsthalle von 1992 beweist. Als die lokalen Wogen um die Realisierung dieses Projekts hier schon hoch schlugen, haben Sie gar nicht mehr gewagt, diesen Entwurf, der ja nur als Kopie des ersten für Präsentationszwecke gedacht war, hier zu zeigen.

Stella hätte nie das Gleiche noch einmal machen können, er hat es weiter entwickelt und dabei dramatisch aufgebrochen. Für uns war dieser Prozess wichtig, weil wir damals ja vorhatten, eine Art Signal zu setzen, eine Zukunftsvision anzubieten.

Ihre Auswahl von Stella-Werken von 1966 bis 2004 spiegelt auch den Umstand, dass Sie Künstler über einen langen Zeitraum begleiten und keinesfalls nach Trend erworben haben.

Es ist wunderbar zu beobachten, wie sich ein schöpferischer Geist entwickelt und wie sich dieser Prozess in den Werken spiegelt. Mir gefällt das bei Künstlern wie Stella oder Morellet, aber auch bei Isa Genzken, die ich für eine der wichtigsten deutschen Bildhauerinnen halte und die sich auch immer wieder etwas Neues vornimmt.

In ihrer Ausstellung haben Sie funkelnde Säulen – eine davon heißt sogar "Andy" – und Collagen von Isa Genzken mit ihren farbintensiven Materialsprüngen sehr passend zu einem klassischen Andy-Warhol-Porträt aus dessen Diamantenstaub-Periode geordnet. Das neunteilige Bild ist von 1980 und zeigt Sie selbst und ihren Mann. Wie kam es dazu?

Wir hatten ein Doppelporträt in Auftrag gegeben und gemeinsam mit Warhol die passenden Polaroids ausgesucht. Nach ein paar Wochen lud er uns in seine New Yorker Factory ein und hatte die Motive zur Auswahl auf dem Boden ausgebreitet. Schließlich sagte er, wir sollten die Anordnung der neun Bildfelder doch einfach selbst vornehmen, in Düsseldorf, wo das Bild ja auch gerahmt würde.

Eine andere Blickbeziehung stellen Sie mit Stellas "ngeragrag" und der ebenso filigran wie überschwänglichen Wandarbeit "The Weight of the Sky" des weit jüngeren Amerikaners Matthew Ritchie her.

Das ist überhaupt meine Lieblingsstelle in der gesamten Ausstellung. Durch die Spiegelung in der Balustrade wird Stellas Werk auf dem Balkon gleichsam in den kosmischen Strudel von Ritchie aufgenommen. Ritchies Arbeit hatte ich vor Jahren auch zu Hause, wo es keine so große Wand gibt – für Dresden hat er sie entsprechend des Raums erweitert, mit Wolken und Strahlen. Aus mehreren Energiekernen heraus explodieren Stäbe mit kleinen Köpfen in den Raum und weisen auf ein Gemälde von Ritchie gegenüber, eine beabsichtigte Korrespondenz von Elementen. Dieses dynamische Bild nimmt Bezug auf den Sturz von Luzifer, einer zentralen Figur der Mythologie, die alles in Bewegung hält...

...und menschliche wie göttliche Regeln kreativ durchbricht. Die Auswahl von Matthew Ritchie mit seinem dichten ikonographischen und erzählerischen Hintergrund oder die der Videoarbeit "The Rites of Spring" von Katarzyna Kozyra zeigt aber auch, dass Sie ihre persönlichen Vorbehalte gegenüber erkennbaren Inhalten, die am Anfang Ihrer Sammelleidenschaft standen, zunehmend abgelegt haben.

Wir konnten damals kein Verhältnis zur Narration finden und sammelten, von wenigen Foto- oder Videoarbeiten abgesehen, streng nichtfigurativ. Das hat sich schon geändert, doch heute ist es mir noch genauso wichtig, dass sich ein bestimmtes Konzept hinter dem Werk verbirgt.

Seit dem Tod ihres Mannes 2001 betreuen Sie die Sammlung allein. Hat sich Ihre Haltung seitdem verändert?

Wenn man die Entscheidungen gemeinsam trifft, schließt man manchmal Kompromisse. Das hat mit den Argumenten und der Überzeugungskraft zu tun. Ich habe das grundsätzlich nie als Manko betrachtet, denn es gab ja noch genügend Anderes, auf das man sich einigen konnte. Jetzt habe ich dieses Gespräch nicht mehr und es dauert manchmal lange, bis ich mich entscheiden kann. Doch viele Überlegungen meines Mannes habe ich auch einfach verinnerlicht.

"Mit dem Fahrrad zur Milchstraße"

Termin: bis 20. September 2009, Kunsthalle im Lipsiusbau, Brühlsche Terrasse, Dresden
http://www.skd-dresden.de/de/ausstellungen/aktuell/milchstrasse.html

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