[new]kraine - Ukraine

Tradition statt Innovation

Die Ukraine... Wo liegt das noch genau? Spricht man da Russisch? Kulturmanagerin Julia Owtscharenko, 25, ist die ukrainische Organisatorin der Fotoausstellung "newkraine". Mit dabei: Der Hamburger Fotograf Maik Freudenberg. Er dokumentierte seine deutsche Sicht auf die Ukraine. Im art-Interview sprechen sie über Stereotype und die ukrainische Kunstwelt.
Ukrainisch-deutsche Stereotype:Fotografie und Kunst in der Ukraine

Kyrylo Gorishnyj: "Dmytro Bobjak und seine Ehefrau", 2006

Frau Owtscharenko, haben Sie Heimweh?

Julia Owtscharenko: Ja, von Anfang an. Ich vermisse die Familie, die Stimmung und den Ukrainischen Sommer. Ich war noch nie in Deutschland und Europa. Das ist eine ganz andere Welt für mich.

Ihre Ausstellung setzt sich mit Stereotypen auseinander. Welche Klischees hatten Sie von Deutschland im Kopf?

Owtscharenko: Ich dachte, dass in der Gesellschaft und in der Wirtschaft alles perfekt ist. Dass es keine Obdachlosen gibt. Diese Vorstellung herrscht in der Ukraine. Fast alle sind sich sicher, dass Europa eine perfekte Welt ist.

Kennen Sie ein Sprichwort, das typisch für Ihre Heimat ist?

Owtscharenko: Es gibt ein Sprichwort, dass so viel bedeutet wie "Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts". Das entspricht der Mentalität der Leute. Es sagt also, man müsste ein bisschen mehr Verantwortung übernehmen.

Wie spiegelt sich diese Einstellung in der Kunst wieder?

Owtscharenko: Kunst in der Ukraine ist nicht so aktiv in gesellschaftlichen oder politischen Fragen. Sie ist abstrakter und befasst sich selten mit Problemen. Die Künstler bevorzugen es oft, die politische Situation nicht zu "bemerken" und in dieser Hinsicht frei zu bleiben. Ich denke, in Deutschland gehört es zum Alltag der Menschen, dass Kunst eine direkte Reaktion auf Probleme ist. In der Ukraine beschäftigt man sich eher mit Tradition, als mit Innovation.

Wie macht sich die sowjetische Vergangenheit des Landes in der Kunst bemerkbar?

Owtscharenko: Die Künstler möchten diese Themen vermeiden, weil sie stark mit schweren Zeiten verbunden sind. Sie suchen eher Sujets aus der Gegenwart. Aber es gibt natürlich noch Einflüsse. Das heißt vor allem: Man zeigt seine Meinung nicht so frei und bietet kaum eigene Ideen an.

Was ist "typisch Ukraine"?

Owtscharenko: Die Menschen, ihr Humor und wie sie trotz allem Hoffnung behalten. Diese Hoffnung hilft den Ukrainern in schwierigen Zeiten zu überleben.

Maik Freudenberg: Der Umgang der Menschen untereinander ist völlig anders, als man das hier gewohnt ist. Er ist ohne Distanz und sehr direkt. Das drückt sich am besten in den Bildern aus, die ich im Nachtzug gemacht habe. Dort sitzt man wirklich auf engstem Raum zusammen und hat 36 Stunden nichts anderes zu tun, als sich miteinander zu unterhalten. Man isst und trinkt zusammen und redet. Zum Beispiel im Zug nach Kiew: Die Tür ging auf und es kamen zwei richtig grobschlächtige, breitschultrige Männer rein. Und ich dachte: Um Gottes Willen, die wollen sich doch jetzt nicht mit auf die Bank setzen. Das haben sie gemacht, und wir saßen Schulter an Schulter. Und ich dachte, dieser große Typ, der doppelt so große Hände hatte wie ich, tut mir jetzt etwas an. Dann hat es aber keine Viertelstunde gedauert und wir haben uns die ganze Zugfahrt über unterhalten. Er hat mir vom Sonnenuntergang und von seiner Familie erzählt und Bilder auf seinem Handy gezeigt, mit seinen Daumen, die so groß wie die ganze Handytastatur waren. Wenn man in Deutschland in den ICE einsteigt, dann hat der eine Ohrstöpsel drin und der andere den Laptop auf den Knien oder die Zeitung vor der Nase.

Fast alle Bilder zeigen die Menschen in ihrem ganz normalen Alltag. Hat sich jemand durch das Fotografieren angegriffen gefühlt?

Freudenberg: Nein, weil ich nie so fotografiere, dass sich jemand verletzt fühlen könnte. Dokumentarische Fotografie bedeutet für mich nicht: Ich gehe durch die Welt und klaue Bilder. Ich bin Teil dessen, was mich umgibt. Deshalb habe ich auch ein kleines Objektiv, niemals über 70er Brennweite, da würden sich die meisten wundern. Ich stehe meistens genau daneben und kann den Leuten das Foto gleich zeigen. Ich habe also eigentlich immer Kontakt mit den Menschen gehabt.

Die Fotos sind sehr farbig.

Freudenberg: Ja, es gibt in der Ukraine einfach anderes Licht und andere Farben. Das hat mich sehr fasziniert. Es ist unglaublich, in was für Farbatmosphären man da eintaucht. Und die Bilder sind wirklich völlig unbearbeitet.

Welche sind Ihre Lieblingsbilder aus der Ausstellung?

Freudenberg: Die Frau auf dem einsamen Karussell. Das drückt für mich diese unterschwellige, doch immer vorhandene Melancholie aus. Oder diese kleine Serie aus dem Khan-Palast. Die drei Bilder zeigen diese russischen Stereotypen. Die sind gar nicht mal so selten. Es gibt da die Leute, die so eine gewisse Lebensart an den Tag legen, wie der Polizist mit dem kurzen Hemd, der seine Mütze so keck in den Nacken geschoben hat und sich eher amüsiert, als dass er tatsächlich Polizist ist. Dann gibt es noch die Situation beim "Expressfoto", bei dem künstliche Welten erschaffen werden und die Leute einem Bild entsprechen wollen, das sie in der Realität überhaupt nicht sind. Das sind so Statthalter für Träume, die überall sichtbar sind.

Owtscharenko: Das mit der Braut, die über einen schlammigen Dorfweg zur Trauung geführt wird von Julia Andrusiv. Nicht vom ästhetischen her, sondern vom Konzept. Für mich bedeutet es, dass man das Glück selbst in schwierigen Situationen sucht.

Welchen Unterschied gab es zwischen deutschen und ukrainischen Ausstellungsbesuchern?

Owtscharenko: Der Unterschied ist sehr groß. Manche Ukrainer sagen, man könnte das Land doch nicht so zeigen; dass man Armut sieht oder eben alles, was nicht idyllisch und positiv ist. Diese Ausstellung, wie sie hier konzipiert wurde, würde in der Ukraine vielleicht nicht so richtig verstanden werden. Vor allem deshalb, weil die Bilder den Alltag dokumentieren. Ukrainer bevorzugen etwas, das schön und harmonisch ist. Sie verstehen Kunst auch ein bisschen anders.

Was ist denn dann in der Ukrainischen Kunstwelt gefragt?

Owtscharenko: Alles, was in Europa aktuell ist. Und alles was teuer ist, alles was glamourös und trendy ist. Eben alles, was einen Ruf hat. In Kiew gibt es eine Reihe von vor allem privaten Galerien, und das ist sozusagen schon eine Art "Boheme". Diese Boheme interessiert auf Vernissagen eher der Sekt und die Häppchen, als die Kunst. Es geht oft eher darum, sich zu zeigen. Die Kunst steht eher im Hintergrund.

Worin unterscheiden sich Maik Freudenbergs Fotografien von denen der ukrainischen Künstler?

Owtscharenko: Maik hat die Sujets aufgenommen, die die Ukrainer nicht mehr bemerken. Das ist so alltäglich. Kein ukrainischer Fotograf würde einfach Menschen im Alltag, Märkte oder den Strand fotografieren. Man glaubt, man muss etwas anderes betonen, also extrem positive oder extrem negative Seiten. Maik hat genau die Mitte gefunden: So, wie es eben ist.

"Newkraine"

Termin: bis 1. Oktober 2009, Ausstellungsraum in Marktstraße 102, Hamburg
http://www.newkraine.de/

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