Olafur Eliasson - Hamburg

Aktion vor Intention

Nach gigantischen Wasserfällen, roten Flüssen und einer künstlichen Sonne hat der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson nun ein Kinderzimmer in der Hamburger Galerie der Gegenwart gestaltet. art-Autorin Maja Hoock sprach mit ihm über etwas, das viele Erwachsene verlernt haben: das Spielen.
Olafur Eliasson richtet Kinderzimmer ein:Olafur Eliasson fördert das Spielen

Olafur Eliasson: "Kinderzimmer", Hamburger Kunsthalle

Olafur Eliasson sitzt auf einem Kinderstuhl und spielt mit zwei Baustäben. Seine neue Arbeit, das "Kinderzimmer" in der Hamburger Galerie der Gegenwart, soll heute Abend eröffnet werden. Ein bisschen sieht es hier aus wie in einem futuristischen Operationssaal: grelles Neonlicht, verspiegelte Wände und ein großer Tisch in der Mitte des Raumes. Darauf liegt ein Haufen roter Stäbe.

"Überschaubar" nennt Olafur Eliasson diesen Raum. Es gefällt ihm, wenn komplexe Strukturen transparent und somit unmystisch werden. "Es ist mir wichtig", sagt der Künstler, der eine Professur an der Berliner Universität der Künste inne hat, "dass hier keine Intentionalität dahinter steckt. Meine künstlerische Aussage und die Vermittlungsambitionen des Museums sollen in erster Linie außen vor bleiben." Eliasson verbindet die beiden Stäbe mit einer kleinen, perforierten Kugel. Aus diesen so genannten "Zome-Tools" lassen sich geometrische Kunstwerke bauen – und genau das sollen die kleinen Besucher des Museums hier künftig tun.

Die Zeit drängt, eine Gruppe Kinder wartet schon auf den ersten Einlass. Trotzdem beantwortet Eliasson alle Fragen sehr bedacht. Es ist ihm wichtig, dass seine Antworten keine schnellen Vereinfachungen zulassen. Schnell rückt er seine große Brille zurecht und erläutert höflich, warum er soeben Nein zu einem Interview vor der Kamera gesagt hat: "Wir wollen den Kindern ja nichts verkaufen." Darum will Eliasson nicht in einem Film, der permanent im Kinderzimmer laufen sollte, auftauchen. Es ginge eben auch nicht um einen sozialpädagogischen Ansatz, sondern um das kreative Forschen und Spielen an sich.

Über das Thema Spielen scheint sich der 42-Jährige viele Gedanken gemacht zu haben. "Ich habe als Kind oft mit Treibhölzern gespielt. Und natürlich mit Lego", sagt er mit starkem skandinavischem Akzent. "Zome-Tools sind dem ja sehr ähnlich." Das Stecksystem beruht auf einem mathematischen System aus Japan. "Mir ist sofort aufgefallen, dass man damit geometrische Figuren bauen kann, die man in unserer von Euklid beeinflussten Welt nicht kennt." Einige Beispiele dafür sind bereits im "Kinderzimmer" zu sehen. Interessante Gebilde, mal rund, mal kantig, aber immer mit einer deutlich erkennbaren geometrischen Struktur sind über die verspiegelten Kästen an der Wand verteilt. Eliasson nutzt die Zome-Tools auch privat: "Ich spiele immer wieder damit, wenn ich Modelle baue. Heute Morgen habe ich damit ein kleines Modell für einen Lampenfuß gebaut." Er deutet auf die Stäbe und fügt lachend hinzu: "Ich habe einen ähnlichen Stapel auf dem Tisch in meinem Studio."

"Kinder gehen immer bis an die Grenzen"

Doch warum gestaltet Eliasson, der Wasserfälle in New York installiert und komplette Flüsse rot gefärbt hat, nun ein Kinderzimmer? "Ich habe mich immer sehr dafür interessiert, wie man die Welt durch Modelle veranschaulichen kann", erklärt er seine Entscheidung. Auch unsere Umgebung könne man als eine Konstruktion sehen. "Wenn man seine sozialpolitische Umwelt als Modell betrachtet, kann man sie auch leichter verändern, denn Modelle sind weniger statisch." Im "Kinderzimmer" ist dem Künstler die Idee des Veränderns und des Weiterbauens extrem wichtig. Selbst wenn man nach zwei Wochen wiederkommt, kann man seine Idee weiterentwickeln. In einem Museum – einem Ort, wo sonst alles sehr statisch ist – ist das in seinen Augen ein wichtiges Statement.

Mit dem Titel "Kinderzimmer" ist Eliasson jedoch nicht besonders glücklich: "Grundsätzlich ist das hier auch für Erwachsene nicht unwichtig. Nur spielen sie eben auf eine andere Art als Kinder. Der Vorteil der Kinder ist, dass für sie kreatives, spielerisches Denken gleichzeitig kritisches Denken sein kann", überlegt Eliasson. "Bei Kindern bedeutet Spielen nicht, dass sie etwas nicht ernst nehmen. Eher im Gegenteil."

Sich die Kunstwerke der Kinder später einmal anzusehen, hat der Künstler aber nicht vor. Er bleibt ehrlich: "Man kann das ja fast nicht sagen, aber die Arbeiten sind eigentlich nicht das Interessante." Diese Aussage ist durchaus nicht abwertend gemeint. Es gehe beim "Kinderzimmer" eben nicht darum, was in dem Raum entsteht, sondern wie es entsteht. "Ob da jetzt ein Hund oder ein Haus herauskommt ist nicht wichtig", erklärt Eliasson. Das Kinderzimmer ist eine Art Labor, in dem ausprobiert und miteinander kommuniziert wird. Das eine Kind baut eine Kugel, das andere ein Dreieck. Wie sie sich austauschen und etwas Gemeinsames daraus entwickeln, das sei interessant. Dabei hofft Eliasson, dass sich das Museum in dieser Beziehung eine gewisse Radikalität zutraut. "Denn wir wissen ja", sagt der Vater zweier Kleinkinder trocken, "dass die Kleinen einerseits fantastisch sind, aber auch immer bis an die Grenzen gehen."

"Kinderzimmer"

Ort: Hamburger Kunsthalle. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 15 bis 17 Uhr; Samstag und Sonntag von 12 bis 16 Uhr
http://www.hamburger-kunsthalle.de/

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