Udo Kittelmann - Interview

Bilder lügen nicht

Er ist der neue Mann in Berlin: Udo Kittelmann, leidenschaftlicher Ausstellungsmacher, umtriebiger Networker, eigenwilliger Kunstliebhaber, leitet mit der Neuen und der Alten Nationalgalerie die wichtigsten Museen Deutschlands. Was er in der Hauptstadt vorhat, wie er mit der Krise umgeht und welche Entdeckungen er in den Depots macht, erläutert er im großen art-Gespräch.

Herr Kittelmann, als neuer Direktor der Nationalgalerie sind Sie seit einem Dreivierteljahr Herr über sechs Berliner Museen: die Alte und die Neue Nationalgalerie, den Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, das Museum Berggruen, die Sammlung Scharf-Gerstenberg und die Friedrichswerdersche Kirche. Wo haben Sie bislang schon konkret Hand angelegt?

Udo Kittelmann: Über ungelegte Eier sollte man nicht sprechen. Trotzdem: Ich habe mir vorgenom­men, mir über gewisse Strukturen Klarheit zu verschaffen, und damit die Basis für eine zukünftige Arbeit zu legen. Sonderausstellungen etwa gehören nicht zu den primären Aufgaben des Museums. Da gilt es eher zu einer Entschleunigung beizutragen. Tatsäch­lich geht es darum, die Institutionen stärker als Orte der Sammlungen zu verdeutlichen. Ich habe also damit begon­nen, die Sammlungen zu reflektieren und die Bestände zu sichten. Als erstes Resultat präsentieren wir jetzt im Hamburger Bahnhof unter dem Motto "Die Kunst ist super!" die Sammlung neu. Auch in den anderen Häusern geht es zunächst um Maßnahmen struktureller Art.

"Die Kunst ist super!" – das klingt ein bisschen nach Supermarkt.

Auch wenn es sich zunächst nicht so anhört, ich glaube, das Motto passt sehr wohl in die­se Zeit. Jeder von uns fragt sich doch, was ist heute eigentlich noch super? Die Kunst natür­lich – da kann man machen, was man will.

In der Neuen Nationalgalerie ist Ihre erste große Einzelausstellung dem Fotokünstler Thomas Demand gewidmet. Ist das auch ein Zeichen für diese neue Haltung?

Die Neue Nationalgalerie ist eine Architekturikone. Wenn man dort Ausstellungen macht, weiß man, wie vielseitig die Herausforderungen sind, gerade auch hinsichtlich der Geschichte dieses Gebäudes. Die grundsätzliche Frage ist: Welche Ausstellungen dürfen oder sollen dort stattfinden? Oder anders: Welche Ausstellungen dürfen dort nicht stattfinden? Ich meine: Ausstellungen, die auch an jedem anderen Ort denkbar wären, sind für die Neue Nationalgalerie nicht geeignet, besonders in Bezug auf die obere Glashalle.

Was qualifiziert gerade Demand für das Haus?

Wenn man sich sein Werk genauer anschaut, stellt man fest, dass er sich in sehr vie­len Ar­beiten mit Bildern von Orten und Geschehnissen der jüngeren Geschichte Deutschlands beschäftigt hat. Darin lag die erste Annäherung. Deswegen auch der Titel, der für die erste Einzelausstellung eines jüngeren Künstlers unter meiner Ägide programmatisch sein soll: "Nationalgalerie". Die Aus­stellung wird vorrangig Arbeiten versammeln, die unseren gesellschaftlichen und politischen Wandel thematisieren.

Programmatisch war auch das sommerliche Zwischenspiel von Imi Knoebel in der obe­ren Halle, bei dem die Fensterscheiben zugemalt waren wie bei einem Schaufenster während der Umbauphase.

Ja. Die Schau hatte auch einen sehr beziehungsreichen Titel: "Zu Hilfe, zu Hilfe …"

Tatsächlich ist der Bau von Mies van der Rohe stark renovierungsbedürftig.

Wenn man da durchgeht, können ei­nem schon einmal die Tränen kommen. Die gesprungenen Scheiben sind ja nur der sichtbarste Teil. Es ist dringend zu wünschen, dass die Sanierung in die Wege geleitet wird. Ich bin allerdings guter Hoffnung, dass die nötigen Mittel hierfür schnellstmöglich bereitgestellt werden. Denn es geht hier um eine der wichtigsten Museumsarchitekturen überhaupt, vergleichbar etwa mit dem Guggenheim-Museum von Frank Lloyd Wright in New York.

Sehen Sie deshalb mit Neid auf die Museumsinsel, wo derweil alles schön herausgeputzt wird?

Nein, das macht mich überhaupt nicht neidisch. Schließlich verantworte ich dort mit der Alten Nationalgalerie ja auch ein Haus, das dank der Museumsinsel-Sanierung in ei­nem wunderbaren Zustand ist. Die Muse­umsinsel hatte bislang, auch aus histo­ri­schen Gründen, verständlicherweise Priorität.

Mit Kunst des 19. Jahrhunderts, wie sie in der Alten Nationalgalerie gezeigt wird, hat­ten Sie in Ihrer bisherigen Karriere am MMK in Frankfurt am Main oder am Kölnischen Kunstverein nichts zu tun. Wie nähern Sie sich dieser Aufgabe? Wollen Sie die verschiedenen Häuser der Nationalgalerie in Zukunft enger miteinander verschränken?

Erst mal freue ich mich, dass in der Alten Na­tionalgalerie in diesem Herbst eine schon länger geplante Ausstellung über Carl Gustav Carus stattfindet, einen der großen uni­versellen Geister des 19. Jahrhunderts. Sol­che Künstlerpersönlichkeiten haben mich schon immer interessiert, also auch Ca­rus. Generell wird es zwischen den verschie­de­nen Häusern der Nationalgalerie sicher einen regeren Austausch geben, wobei ich je­doch entschieden gegen die Methode bin, die jetzt in Mode zu kommen scheint, nämlich aktuelle Kunst an den Orten der älteren Kunst in Kontext zu setzen. Ich glaube, da muss man eher chronologisch vorgehen. Das Zusammendenken aller Institutionen kann sich auch anders äußern: So planen wir im nächsten Jahr eine Ausstellung mit Werken von Hans Bellmer und Louise Bourgeois. Naheliegend wäre dafür sicher die Neue Na­tionalgalerie, aber wir zeigen die Schau ganz bewusst in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Charlottenburg, die einen großen Be­stand an Werken von Bellmer beherbergt.

Wie reagieren Sie als Ausstellungsmacher auf die aktuelle Finanzkrise?

Ich versuche, mir auch weiterhin treu zu bleiben und beharrlich an meiner grundsätzlichen Haltung festzuhalten. Die wirtschaftliche Situation hat sich im Laufe meiner Tätigkeit in den letzten 25 Jahren schon häufiger geändert. Ich ändere doch nicht meine grundsätzlichen Überzeugungen über die Aufgaben einer Kunstinstitution, auch nicht meine programmatische Linie, nur weil sich die äußeren Bedingungen verändern. Sicher wird es jetzt schwieriger werden, Drittmittel einzuwerben. Aber das war schon immer nicht leicht, wenn man ein inhaltlich ambitioniertes Programm realisieren wollte, wie es mir vorschwebte.

Wie hoch ist denn Ihr Ausstellungsbudget, beispielsweise für die Neue Nationalgalerie?

Sehr überschaubar. Aber auch da gilt: So war es doch eigentlich immer schon. Die rei­chen Institutionen sind doch die große Ausnahme. Ich hatte auch in Frankfurt kein nennenswertes Ausstellungs- oder Ankaufsbudget. Da muss man umso kreativer sein und sich was einfallen lassen. Aber einer ge­wis­sen Grundausstattung bedarf es natürlich.

Bei Sonderausstellungen und Ankäufen ist die Nationalgalerie, sind Sie vor allem auf einen starken Partner angewiesen, den Verein der Freunde der Nationalgalerie. Birgt so ein Abhängigkeitsverhältnis nicht auch Gefahren?

Ohne sie wären ganz viele Projekte überhaupt nicht möglich. Und es verhält sich doch so, dass es gerade die Freundeskreise sind, die den Museen in ihrer Eigenständigkeit beziehungsweise Selbstständigkeit partnerschaftlich zur Seite stehen. Und da hat der Berliner Freundeskreis aufgrund seiner Professionalität sogar Vorbildcharakter.

Könnten Sie sich andererseits vorstellen, dass kommerzielle Galerien eine Ausstellung in einem Ihrer Häuser mitfinanzieren?

Nein. So etwas habe ich auch schon in der Vergangenheit nicht in Erwägung gezogen. Es gab lediglich Fälle, wo hohe Produktionskosten eines neu zu schaffenden Wer­kes anfielen und dieses Werk dann später in den Markt zurückfließen konnte. Da war ich dann schon der Meinung, dass sich daran auch die einen Künstler vertretende Galerie beteiligen sollte.

Kürzlich löste die Berliner Ausstellung "60 Jahre – 60 Werke" eine hitzige Debatte über den Umgang mit Kunst aus der DDR aus. Nun ist gerade auch die Geschichte der Nationalgalerie eine Geschichte der Teilung und der Wiedervereinigung. Kümmert sich Ihr Museum genügend um das Erbe aus dem Osten?

Da gibt es sicherlich noch einiges aufzuholen. Es sollte aber zukünftig nicht da­rum ge­hen, diese Kunst vorrangig weiterhin zu politisieren, sondern darum, diese nach ihrem bildnerischen Reichtum und ihrer künstlerischen Qualität zu beurteilen. So wie wir es auch mit anderen Werken der Kunst aus unterschiedlichen Zeiten halten. Es gab doch ganz fantastische Künstler in der DDR. Das kann man doch nicht leugnen. Und deren besten Bilder sollten auch in den Kanon anderer hervorragender Kunstwerke aufgenommen werden, ohne diese gleich als DDR-Kunst abzustempeln. Die Bilder lügen schließlich nicht.

Gibt es denn in der Nationalgalerie nennens­werte Bestände von Ostkunst?

Oh ja, beispielsweise von Werner Tübke und Bernhard Heisig.

Gab es bei der Sichtung der verschiede­nen Sammlungen der Nationalgalerie noch andere Überraschungen? Haben Sie sich in ein Werk vielleicht besonders verliebt?

Eine echte Entdeckung war ein Wandrelief von Lee Bontecou. Ich glaubte es nicht, als ich es hier im Depot gesehen habe. Es ist ein riesiges, dreidimensionales Flickwerk aus Leinwänden, Aushöhlungen, die an einen Doppelkokon erinnern – eine traumhafte Arbeit! Hierzulande kennen wahrscheinlich nicht viele Menschen die amerikanische Künstlerin. Im New York der sechziger Jahre war sie in Künstlerkreisen ein Star. Wir werden diese Arbeit jetzt erstmalig im Hamburger Bahnhof bei der Neupräsentation der Sammlung zeigen. Das macht eben auch die Museumsarbeit mit der eigenen Sammlung aus, dass man diese immer wieder in veränderten Perspektiven neu sehen und ordnen kann. Das ist eines der größten Privilegien, die öffentliche Sammlungen, öffent­liche Museen haben. Der Blick sollte sich immer auch von innen ändern.

Sehen Sie sich eigentlich dem Druck ausgesetzt, Blockbuster-Ausstellungen zu produzieren?

Ich erachte es als eine Selbstverständlichkeit, dass man Ausstellungen macht, die nicht am Publikum vorbeigehen. Und natürlich ist es schön, wenn es mit einer Schau gelingt, Hunderttausende Menschen anzuziehen. Und die MoMA-Ausstellung wurde ein großer Erfolg, weil sie auch sehr gut war. Aber eine Ausstellung, nur des Blockbuster-Effekts wegen? Das hieße, das kreative Potenzial eines Museums leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Aber genau daran misst sich langfristig seine Bedeutung.

Wie beurteilen Sie die Situation Berlins als Kunststadt generell?

Was einem sehr deutlich auffällt, sind die eigendynamischen Kräfte, die hier wirken. Von Krisenstimmung ist nicht wirklich die Rede. Man redet auch nicht viel über Geld, weil es die wenigsten haben oder zum Thema machen. Man kann hier gerade in diesen Zeiten ziemlich gut leben. Es gibt einen großen visuellen Reichtum, an jeder Ecke ist die Stadt anders, immer wieder trifft man auf neue Situationen, andere Menschen. Und auch die Vermischung der Szenen, die Theaterszene, Filmszene, die Kunstszene und Modeszene, das alles empfinde ich als sehr wohltuend und stimulierend.

Sollte man die Kunstszene also am besten sich selber überlassen?

Die Kultur braucht ein personell und finanziell ihrer gesellschaftlichen Bedeutung entsprechendes Grundauskommen. Sie braucht eine Basis an gesicherten Subventionen, um ihrem Bildungsauftrag auch tatsächlich nachkommen zu können. Und das ist eine öffentliche Aufgabe.Von diesem Moment an muss sie dann selbst schalten und walten.

Sie sind als großer Netzwerker bekannt. Treffen Sie in der Hauptstadt oft auf alte Bekannte?

Aber ja. Es ist noch gar nicht so lange her, als ich nachts in einer Bar in der Nähe der Volksbühne meinen Augen kaum traute: Da saßen lauter Leute, mit denen ich schon Mitte der neunziger Jahre in Köln zusammengesessen habe, die ganzen Künstler, Galeristen und Sammler. Da freut man sich natürlich. Aber andererseits fragte ich mich dann auch einmal wieder, was dazu führt, dass sich ganze Kunstszenen so verschieben: 1995 Grünes Eck in Köln, 2009 Bar 3 in Berlin.

"Thomas Demand - Nationalgalerie" und "Die Kunst ist super!"

Termine: bis 17. Januar, Neue Nationalgalerie Berlin und bis 14. Februar, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin
http://www.neue-nationalgalerie.de/

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