Klaus Werner - Nachruf

Für die Kunst!

Der Tod des Kunsthistorikers, Ausstellungsmachers und Hochschullehrers Klaus Werner hinterläßt eine nicht zu schließende Lücke. Ein Nachruf von Harald Kunde und Neo Rauch.
"Klaus Werner: Für die Kunst!":Ein Nachruf auf den Kunsthistoriker Klaus Werner

Mischung aus Ruhelosigkeit und Selbstironie: Klaus Werner

Sein unermüdliches Engagement für die Künstlerinnen und Künstler, seine Gabe, schwierige Situationen mit Energie und Einfallsreichtum in den Prozess des Gelingens zu überführen sowie seine ausdauernde kommunikative Überzeugungskraft haben Strukturen in Ost und West nachhaltig verändert und immer wieder produktive Freiräume eröffnet. Seine Aufrichtigkeit und sein kritischer Widerspruchsgeist wirkten dabei auf Freund und Feind gleichermaßen entwaffnend; seine geistige Neugier im Verbund mit einer gleichsam vitalen Eleganz erwiesen sich zudem als unverzichtbare Wegbereiter.

Ein Blick auf seine weitverzweigte Arbeitsbiografie zeigt, daß von Beginn an die Suche nach künstlerischer Qualität alle ideologischen und administrativen Zwänge überwog. Nach dem Studium der Kunstgeschichte an der Berliner Humboldt Universität (vor und während des Mauerbaus) folgten erste Anstellungen in staatlichen Institutionen, die allesamt aus politischen Gründen gekündigt wurden und unter anderem Jahre der sogenannten Bewährung im mecklenburgischen Neubrandenburg zur Folge hatten. Die danach möglich gewordene Tätigkeit als Leiter der Galerie "Arkade" (innerhalb des Staatlichen Kunsthandels der DDR) am Straußberger Platz in Berlin kann als erste maßstabsetzende Periode der öffentlichen Wirksamkeit Klaus Werners gelten; von 1973 bis zur erzwungenen Schließung 1981 schrieb er hier durch Ausstellungen, Kataloge, Editionen und erste Werkverzeichnisse entscheidende Kapitel einer nicht offiziösen Kunstgeschichte. Dabei fanden sowohl das Umfeld Berliner Malerei mit Harald Metzkes, Dieter Goltzsche oder Charlotte Pauly Beachtung als auch die Protagonisten der sächsischen Avantgarde wie die Chemnitzer Künstlergruppe "Clara Mosch" oder Dresdner Solisten wie Hermann Glöckner, Max Uhlig oder Eberhard Göschel.

"Über alle Tellerränder blicken"

Insbesondere die intensive Erschließung der künstlerischen Lebenswerke von Carlfriedrich Claus, Robert Rehfeldt und Horst Bartnig nahm hier ihren Ausgang und definierte das Ausmaß des Möglichen und Machbaren innerhalb enger Grenzen auf immer wieder befreiende Weise. Durch die Ausstellung des "Westkünstlers" Klaus Staeck sowie durch sehr gute Kontakte zur Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Berlin war zudem ein umfassender Informationsfluss entstanden, der es Klaus Werner durchgängig ermöglichte, über alle "Tellerränder" zu blicken und am internationalen Kunstgeschehen insbesondere an der Werkentwicklung von Joseph Beuys teilzuhaben.

Das änderte sich selbstredend auch durch die verordnete Freiberuflichkeit nicht, die ihn in den beginnenden achtziger Jahren nach Leipzig führte und während der er sich vor allem der Organisation von künstlerischen Pleinairs und anderen gattungsübergreifenden Aktivitäten widmete. Spektakuläre Erweiterungen künstlerischer Handlungsräume wie etwa der "Leipziger Herbstsalon", die Werkstatt-Galerie "Eigen+Art" oder die Aufführungen des Herakles-Projektes von Lutz Dammbeck sahen ihn als Begleiter und spiritus rector im Hintergrund; fundierte und zugleich poetisch verdichtete Texte sowie aufsehenerregende öffentliche Vorträge nobilitierten ihn darüber hinaus zur singulären Erscheinung innerhalb der Kunstszene.

Engagement für künstlerische Freiheit

Das war die Voraussetzung für die Realisierung seines Lebenstraumes eines Hauses für internationale Gegenwartskunst, die mit der Implosion des geschlossenen Systems endlich möglich wurde und die in der Zeit von 1990 bis 2000 das essentielle Zentrum der öffentlichen Wirksamkeit Klaus Werners gebildet hat. Durch Unterstützung des Kulturkreises des BDI und namentlich das außerordentliche Engagement von Arend Oetker konnte die Idee eines Stiftermuseums ebenso Gestalt annehmen wie durch Ausstellungen und Aktionen auf dem Weg dorthin, die in ihrer Gesamtheit ein Bewusstsein für die gesellschaftliche Notwendigkeit einer solchen Einrichtung erst herzustellen vermochten. Erwähnt seien hier stellvertretend die Ausstellungen "Zone D – Innenraum" (1991), eine vorurteilslose und produktive Konfrontation west-östlicher Positionen; "Leerstand. comfortable conceptions" (1994), eine mentale und urbane Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Umbruchssituation; „Kopfbahnhof/ Terminal“ (1995), bei der Künstler wie Lawrence Weiner die soziale Struktur der Stadt im Fokus des Transitraums Hauptbahnhof untersuchten; oder schließlich "Jenny Holzer. KriegsZustand" (1996), bei der das Ungetüm des Leipziger Völkerschlachtdenkmals durch gigantische Laser-Projektionen der amerikanischen Künstlerin neu definiert wurde.

1998 war es dann soweit: als "Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig" konnte der erste Ort für internationale Gegenwartskunst in den neuen Bundesländern eingeweiht werden, und der Erfolg im Zusammenspiel von Ausstellungen, Sammlungspräsentationen, Veranstaltungsprogrammen, Bibliotheksangeboten und Stipendien war enorm. Klaus Werner hatte sein Lebensziel erreicht, doch seinem Naturell gemäß begnügte er sich in der ihm eigenen Mischung aus Ruhelosigkeit und durch Selbstironie erlangter Gelassenheit niemals mit schnellen Erfolgen, sondern verfolgte die globale Ausrichtung ebenso wie die regionale Verortung der Institution als permanente Herausforderung. Aktualität und Intensität der gezeigten künstlerischen Positionen waren ihm dabei oberstes Ziel, und in der Verbindung der Arbeit von Gastkuratoren mit eigenen Intensionen gelang ihm auch dies hervorragend.

Nachdem diese Fundamente sicher und umfassend gelegt waren, wandte er sich ab 2001 der nächsten beruflichen Herausforderung zu: Als Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig betrieb er mit großem strategischen Geschick die Neuausrichtung dieser traditionsreichen Einrichtung an den Erfordernissen der Gegenwart und legte wiederum besonderes Augenmerk auf die zielgerichtete und projektorientierte Förderung junger künstlerischer Begabungen. In seinem lebensprägenden Engagement für künstlerische Freiheit und unumschränkte Inspiration fand er hier nochmals ein reiches Betätigungsfeld, das ihm erst eine schwere und lange sich hinziehende Krankheit zu entreißen vermochte. In der tiefen Trauer um sein jetziges Ableben schwingt deshalb auch ein Stück Erlösung mit; und eine umfangreiche Publikation, die seinem Leben und Werk gewidmet ist und kürzlich noch erscheinen konnte, trägt nun bereits im Titel vermächtnishafte Züge: "Klaus Werner: Für die Kunst!"

Der Nachruf von Neo Rauch

"Plötzlich und unerwartet ist Klaus Werner weiß Gott nicht aus unserer Mitte gerissen worden; nein, sein Verlöschen folgte einer unerträglich gedehnten Schicksalsdramaturgie, und wir mussten alle darauf gefasst sein, dass der letzte Glutpunkt jederzeit verglimmen konnte.

Nun, da es so weit ist, bin ich trotz allen Vorbereitetseins nahezu außerstande, meinen Emotionen eine vernünftige Fassung zu verleihen, und flüchte mich in die Hoffnung, dass dem Klaus nun ein umfassender und befreiter Blick auf die Zusammenhänge vergönnt sein möge, die uns hier unten das Dasein so oft verrätseln.

Er gehörte zu meinen frühesten Förderern, und ich verdanke ihm unendlich viel.

Er engagierte sich für meine Arbeit, als ich selbst noch meinte, dieser Zuwendung nicht würdig zu sein, da ich mich tief im Unterholz künstlerischer Irrgänge herumstolpern sah.

Neben den eher unkonventionellen Konzepten, die den Schwerpunkt seiner Fördertätigkeit im Rahmen der GfZK bildeten, schien mir mein Ansatz obendrein auch nie so recht in das Gesamtgefüge seiner Präsentationen zu passen; aber Klaus war eben kein Ideologe, kein Mann des Richtungsstreits, sondern ein Eigentümlichkeitsforscher mit feinem Gespür für die Entwicklungsanlagen des Besonderen. Und wie hätte er auch zum Fundamentalisten werden können, bei dem herrlichen Maß an Humor, das ihm zu eigen war! Es gibt gewiss nicht viele Personen in meinem Leben, mit denen ich so viel lachen musste, wie mit Klaus, und es war gewiss auch seine Fähigkeit, die eigenen Fehlleistungen humoristisch ausleuchten zu können, die den Umgang mit ihm so angenehm machte.

Es ist nun endgültig, dass ich mit ihm einen guten Freund verloren habe, aber seine stets heitere Gemütsart und sein feiner Sinn für Ironie werden als Erinnerungsbild unlöschbar in mir nachwirken. Klaus Werners Nichtmehrvorhandensein wird noch lange als unausfüllbare Silhouette im Kulturleben dieser Stadt spürbar bleiben.

Mein ganzes Mitgefühl gilt seiner Frau Jutta, die in dieser schweren Zeit nicht von seiner Seite wich.
Neo Rauch"

Mit freundlicher Genehmigung der Leipziger Volkszeitung

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