Fashion Week Berlin - Mode und Kunst

Beuys, Beck und das Banale

Die Hauptstadt der Kreativen lädt anlässlich der "Berlin Fashion Week" wieder zum Crossover von Mode, Kunst und Event-Kultur. Catwalk-Shows in Museen, performative Installationen in Ateliers und Vernissagen in Boutiquen würfeln poppige Uhren, fetzige T-Shirts und urbane Ausdrucksformen bunt durcheinander – zur Freude des Publikums.

Die dänische Künstlerin Helle Mardahl ist der Prototyp des Trends: Ausgebildet am Londoner St. Martins College und erfolgreich als Designerin, hat sie sich inzwischen von den angewandten Künsten abgewandt und produziert nun fleißig seltsam hybride Malerei, Objekte und Assemblagen. Oszillierend zwischen visueller und textiler Opulenz und bisweilen durchweht von Jugendstil-Atmosphäre zitieren ihre aktuell in der Berliner "Circleculture Gallery" ausgestellten Arbeiten, die auf charmante bis gruselige Art Körperbilder hinterfragen, auch krasse subkulturelle Styles – was sie immerhin ins vier- bis fünfstellige Preissegment katapultiert hat.

Diese auf den ersten Blick eher gekünstelt erscheinende Mischform aus High und Low beherrscht in dieser Woche die Stadt: Große Labels laden zu Modenschauen in Institutionen wie den Hamburger Bahnhof oder die Nationalgalerie, kleinere veranstalten Vernissagen, und auch auf den Modemessen lässt sich Kunst finden: So lockt beispielsweise die Messe Bread & Butter Berlin mit einem "Urban Gallery Store" von Undplus, in dem Arbeiten von Künstlern wie Mark Gonzales, Stash, Superblast, Marok, Nomad, Alex Flach, Lukas Feireiss, Stefan Schuster, Flexn, C100, Paul Snowden und R.K.D.U. zu erwerben sind.

Auch auf der "Premium" lassen sich Spuren der Kunst entdecken: Mal bunt und laut wie die poppigen Armbanduhren von Jean Charles de Castelbajac, mal auch ganz schön frech wie im Fall des Labels "Fluxing", das mit Beuys und dem Sänger Beck für elegant abgerockte Klamotten wirbt. Denn - Zitat Pressetext - "Die Kunstbewegung sollte die
klassischen Kunstformen demontieren und das Banale im Leben hervorlocken." Was, wenn auch nicht Fluxus, dann doch wenigstens Fluxing, mit Kundinnen wie Nicole Richie und Lindsay Lohan gelungen sein dürfte.

Crossover der Genres und Milieus vor Ort

Wie auf jeder anständigen Kunstmesse auch, lassen sich die wirklich interessanten Entdeckungen indes erst in der buchstäblich hintersten Ecke machen: Die befindet sich diesmal in der "Seek"-Area, und irgendwo zwischen ausgemusterten Postschaltern und überteuerten Rennrädern ohne Gangschaltung findet sich tatsächlich jemand, der einen Namen wie Carsten Fock im Programm hat.

Wie aber wird das Crossover der Genres und Milieus vor Ort bewertet? Die aus der Modewelt stammende und als Sammlerin der Kunst verbundene Berliner Unternehmerin Giovanna Stefanel-Stoffel schätzt das Potenzial: "Meiner Ansicht lässt sich die Mode von Kunst inspirieren. Als ich in der Modebranche als Art Director tätig war, war Kunst eine große Quelle der Inspiration, der Lebendigkeit und Energie. Im Modesektor sind Eindrücke aus nicht-kommerziellen kreativen Bereichen von unschätzbarem Wert, denn sie lassen neue Kreativität und Energie entstehen."

In der Praxis lässt sich dieser produktive Transfer in diesen Tagen auch außerhalb der großen Events entdecken: Beispielsweise im Charlottenburger Atelier von Anna Kleihues, die dort am Donnerstag und Freitag in klassischer Berliner Salon-Atmosphäre zwischen Parkett und Stuck ihre Kollektion "One Highlander´s Attire" vorstellt und bewusst
auf DJ, Models und Lightshow verzichtet: "Wenn ich an einer Kollektion sitze, habe ich immer Bilder im Kopf: Darin spielen immer ein Tänzer, ein Reiter oder ein Schauspieler eine Rolle. Ich denke nie über einen Catwalk nach. Mich beschäftigt eher die Präsentation im Rahmen einer installativen oder performativen Ausstellung, da mich Raum, Bühne und Inszenierung interessieren. Dabei wird es nicht laut durch Farben und Lichter, sondern durch die Formen. Raum definiert auch meine Arbeit – aber er muss rein sein. Niemals zu gekünstelt. Wie meine Mode." Eine Mode übrigens, die sich in ihrer zeitgenössischen Interpretatio klassischer Eleganz die Freiheit nimmt, in einem Raum jenseits aller kurzlebigen Trends zu existieren.

"Fashion Week Berlin"

Termin: bis 24. Januar 2010, Berlin
http://www.fashion-week-berlin.com/de/

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