Yves Saint Laurent - Enthüllung

Marrakesch, mon amour

Yves Saint Laurent (1936 bis 2008) gilt als wichtigster Modedesigner des 20. Jahrhunderts. Dass er sich zeichnend auch als Künstler sah, war nur wenigen bekannt. art zeigt exklusiv eine Auswahl von Blättern aus einem bisher unbekannten Konvolut – in Marokko zelebrierte der große Designer seinen privaten Traum vom Orient.

Drogen, Partys und Sonne, so stellt man sich das Leben eines Luxushippies vor. Die Freunde kommen, "Rauch steigt in den blauen Himmel von Marrakesch, perlt um die glücklichen Gesichter und umrahmt sie mit einem dunstigen Schein. Die Sonne wandert über die Geländer der Pergola, der Pfefferminztee verströmt sein frisches Aroma, das Kupfer des Tabletts und der Teekanne überstrahlen die ausgewaschenen Streifen des Teppichs.

Schwebend zwischen Himmel und Erde treiben wir zum Klang von Debussy auf einem Pianola." Als der 35-jährige Yves Saint Laurent diese Stimmung 1970 in Marrakesch in sein Tagebuch notiert, verkörpert er wie kaum ein anderer das Lebensgefühl einer Generation. Er ist weich wie die Luft in Oran, der algerischen Stadt seiner Kindheit; er experimentiert mit Drogen und jettet bei jeder Gelegenheit zur Hippie-Destination Marrakesch. Dort schlägt er sich mit Talitha und J. Paul Getty, einem Sohn des Ölmagnaten, Tage und Nächte um die Ohren. In New York und Paris zieht er mit Andy Warhol durch die Clubs. Paloma Picasso ist oft mit von der Partie, Catherine Deneuve steht ihm auch in schweren Zeiten bei. Er ist schön, schräg und nicht fassbar. Mit 19 hatte seine Karriere bei Christian Dior in Paris begonnen, seit den späten fünfziger Jahren beherrscht er die internationale Mode.

Yves Saint Laurent hat den Frauen mit dem Hosenanzug und dem Smoking Kleidung für ihr neues Selbstbewusstsein geschenkt, mit Models aus verschiedenen Kulturkreisen die Vorstellungen von Schönheit erweitert und nackte Brüste durch eine transparente Bluse schimmern lassen. Er bediente sich für seine Frauendesigns im Kleiderschrank der Männer und entwarf die Samtjacken und Kettengürtel seiner ersten Männerkollektion so, als wollte er Frauen dafür begeistern. Bianca Jagger schickte er im weißen Hosenanzug vor den Traualtar mit Mick, und wenn es schon ein Brautkleid sein musste, stickte er dem Patchwork-Gewebe das Motto auf "Love Me Forever Or Never". Er war der Couturier des Pop, und weil dieser alles für alle fordert, lancierte Saint Laurent als erster Designer aus dem exklusiven Pariser Modezirkel sein eigenes Label für Kleider von der Stange.

So viel Instinkt für den Zeitgeist kostet Kraft. Erschöpfung, Depressionen und Drogenexzesse wurden zu Kehrseiten des Erfolgs, das Haus in Marrakesch zum Refugium vor der Hektik des Modegeschäfts. Yves Saint Laurent und Pierre Bergé, der die Firma leitete, hatten es 1967 gekauft. Dass sein Name Dar el-Hanch "Haus der Schlange" bedeutet und diese von Anfang an in dem verschlungenen Logo aus seinen Anfangsbuchstaben enthalten war, hat Yves Saint Laurent immer wieder fasziniert. Sie kehrt im Tagebuch von Marrakesch ebenso häufig wieder wie das Bedürfnis nach Ruhe im Schweben und Gleiten.

Bilder von realen und fantasierten Liebhabern

Das Journal ist bisher der Öffentlichkeit nicht bekannt. Es zählt zu einem Konvolut von über 360 Blättern, die Yves Saint Laurent zwischen 1990 und 1992 einem Mitarbeiter der Firma schenkte, zu dem er in dieser Zeit ein Liebesverhältnis unterhielt. Als der Empfänger eines Morgens erwachte und der große Couturier mit einer Vase über ihm stand, um sie auf ihm zu zertrümmern, trennte er sich und zog nach Südfrankreich. Die Beziehung ließ tiefe Spuren zurück, er trudelte durch Krisen und fand materiellen und seelischen Halt an einem badischen Investor, der in Monaco Geschäfte machte. Diesem schenkte er das Konvolut weiter, um sich von der Vergangenheit zu befreien; beide ziehen es auch heute noch vor, nicht an die Öffentlichkeit zu treten. Das Auktionshaus Sotheby’s hat die Arbeiten geprüft und ihre Echtheit bestätigt.

Zahllose Blätter hat er mit realen oder fantasierten Liebhabern gefüllt. Ganz im Stil des Porno-Comiczeichners Robert Crumb treten die Männer mit Körpern auf, die aus den Hemden und Hosen platzen. Die Geschlechtsteile können in ihrer Größe mit allem mithalten, was der Taschen-Verlag kürzlich in seinem "Big Penis Book" publiziert hat. Der Fahrer und der Gärtner sind genauso darunter wie der Geliebte, der zufällige arabische Gespiele, der Lebenspartner Pierre Bergé oder der verstorbene Sänger der Rockband Queen, Freddie Mercury. In endloser Wiederholung entfaltet sich ein Katalog schwuler Kostümierungen, Rituale und Posen, in dem sich der einst schlanke, groß gewachsene Yves Saint Laurent so sehr wieder fand, dass er die Blätter immer wieder einmal veröffentlichen wollte.

Gekürzte Fassung. Den ganzen Artikel und noch mehr exklusive Zeichnungen von Yves Saint Laurent sehen Sie ab heute in der aktuellen art-Ausgabe.