Thomas Demand - Nagelhaus-Projekt

Stammtischgefühle geweckt

Konservative Zürcher Politiker wollen eine Volksabstimmung über ein städtebauliches Projekt von Thomas Demand.

Nichts verschafft so sicher politische Aufmerksamkeit wie Skandälchen der Großkopfeten. Nach diesem Rezept funktioniert die Schweizerische Volkspartei (SVP) auf der rechten Seite des politischen Spektrums schon lange. Instinktsicher tischt sie der Frau und dem Mann aus dem Volk auf, was die Politmanager irgendwo da oben verbockt haben. Für diese Strategie hat ihr Zürcher Ableger wieder einmal die Kunst entdeckt.

In der Schweizer Metropole steht die Sanierung des Escher Wyss Platzes an. Er liegt an der Schnittstelle zwischen der Innenstadt und den ehemaligen Quartieren der alten Schwerindustrie, die längst ausgezogen ist und einem jugendlichen internationalen Flair aus Kultur, Vergnügen, Trendwohnungen und Dienstleistern Platz machen soll. Das neue Viertel Zürich West soll zeigen, wie weltläufig "Downtown Switzerland" ist. Zugleich ist der Platz einer der ganz wenigen Orte in der Stadt, die bisher dem urbanistischen Großputz entgangen sind und mit ihrem rauen Ambiente noch so etwas wie urbane Verlorenheit und Gefährdung aufkommen lassen. Wer den Blues hat, steht ganz gerne unter der Hochtrasse, während um ihn herum Straßenbahnen quietschen und Autofahrer vor den vielen Ampeln fluchen. Sogar Sprayer haben hier schon mal vorbeigeschaut.

Da zu einer anständigen Sanierung im öffentlichen Raum auch Kunst gehört, wurde ein Wettbewerb für Teams aus Künstlern und Architekten ausgeschrieben. Während die meisten Einreicher relativ konventionelle Projekte vorschlugen, wollten Thomas Demand und das Londoner Architekturbüro Caruso St. John in ihrem siegreichen Vorschlag für knapp sechs Millionen Franken ein altes Nagelhaus unter die Hochtrasse quetschen, das in China Furore gemacht hatte. In Chongqing widersetzten sich Frau Wu und Herrn Yang drei Jahre lang dem Abbruch ihres Hauses, an dessen Ort ein Einkaufszentrum geplant war. In dem Zürcher Nachbau soll ein Restaurant Tag und Nacht geöffnet haben und auf dem Platz einen Anker für soziales Leben setzen.

"Die Diskussion gehört zu dem Werk dazu"

Ob das Vorhaben konzeptuell eine glückliche Idee ist, mag dahingestellt sein. Auf keinen Fall ist es für die Bankenstadt ein geeigneter Gegenstand für die Erregung der Volksseele. Zürich versteht sich als Kulturzentrum von europäischem Rang, Kunst spielt dabei eine zentrale Rolle. Kunsthaus, Museum Rietberg, das Löwenbräuareal mit Kunsthalle und Migrosmuseum und einer handvoll international etablierter Galerien tragen mit ihren Ausstellungen den guten Ruf in alle Welt. Da passt es nicht recht, wenn mit Kunstprojekten die Stammtischgefühle der konservativen Wählerschaft geweckt werden. Das hat der Zürcher Gemeinderat längst begriffen. Er hat mit einem großen Teil von Stimmen rechter Abgeordneter dem Nagelhaus-Projekt zugestimmt (76 zu 34 Stimmen) und dürfte gelassen auf eine etwaige Volksabstimmung schauen.

Für diese haben die Initiatoren die nötigen Unterschriften beisammen, die Kommunalwahlen haben dabei geholfen, konservative Wähler erscheinen gerne selbst an der Urne, die Nagelhaus-Gegner haben sich vor den Wahllokalen postiert. Ob die SVP und die noch weiter rechts agierenden Parteien für Zürich aber im September wirklich das Risiko einer Volksabstimmung eingehen ist abzuwarten. Bei der Kommunalwahl haben sie mit einem anderen Kunstprojekt für den öffentlichen Raum, einem temporären Hafenkran für Zürich, Wahlkampf gemacht und eine empfindliche Niederlage erlitten. Die nationale Parteispitze scheint das auch gemerkt zu haben. Christoph Büchels Swingerclub in der Wiener Secession hat zu keinen Forderungen geführt, der nationalen Kulturstiftung Pro Helvetia die Fördergelder zu kürzen, weil sie Büchel unterstützte. Bei Thomas Hirschhorn war das 2004 noch anders. Damals strich das Parlament wegen einer missliebigen Ausstellung in Paris der Stiftung eine Million Franken. Christoph Doswald, der die stadtzürcherische Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum leitet, sieht einer Abstimmung mit Neugierde entgegen: "Die Diskussion über Kunst im öffentlichen Raum gehört zu dem Werk dazu."

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