Museumspolitik - Uwe M. Schneede

Die Emanzipation des Museums wird zum Scheitern gebracht

Interview mit dem ehemaligen Direktor der Hamburger Kunsthalle Uwe M. Schneede zur aktuellen Museumspolitik in Hamburg.
"Die Emanzipation des Museums wird zum Scheitern gebracht":Uwe M. Schneede

"Wir waren damals auf die Selbständigkeit der Museen alle hanseatisch-stolz", sagt Uwe M. Schneede

Herr Schneede, die staatlichen Museen sollen wieder direkt der Kulturbehörde unterstellt werden. Hat sich das unter anderem von Ihnen mit angestoßene Modell der weitgehenden Selbständigkeit nicht bewährt?

Uwe M. Schneede: Ich kann das nur zum Teil beantworten, weil ich nicht mehr in den Verhältnissen drin stecke. Aber sicher scheint mir doch, dass die Selbständigkeit der Museen, die durch die Einrichtung der Stiftungen damals erreicht worden ist und auf die wir alle hanseatisch-stolz waren, dadurch zurückgenommen wird, dass nun wieder die Stadt das Sagen hat. Auch durch ein offenbar angedachtes zusätzliches Kuratorium werden die Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt. So wird die Emanzipation des Museums, die wir gemeinsam mit der damaligen Kultursenatorin im Auge hatten, zum Scheitern gebracht.

Warum jetzt dieser Schritt der Hamburger Kulturbehörde? Häufig ist ja von strukturellen Fehlern bei der Umsetzung der Verselbständigung die Rede.

Mir ist noch keine Begründung für grundlegende Fehler bei der Verselbständigung bekannt geworden. Es ist häufig davon die Rede, es sei durch die Umwandlung in Stiftungen ein strukturelles Defizit entstanden. Das ist nicht richtig. Ich habe ein Jahr nach Eröffnung der Galerie der Gegenwart – also zwei Jahre vor der Verselbständigung – eine Pressekonferenz gegeben, auf der ich bekannt geben konnte, dass die Besucherzahlen im voraufgegangenen Jahr um 33 Prozent gestiegen seien, der Betriebshaushalt aber ein Defizit von einer Million Mark ausweise, weil die Stadt die faktischen, unausweichlichen Kosten für Heizung, Strom, Bewachung der Galerie der Gegenwart nur zum Teil begleiche. Das ist genau die halbe Million, die dann jedes Jahr als strukturelles Defizit bestand und das zu akzeptieren die Behörden viele Jahre gebraucht haben.

Der Geburtsfehler liegt also beim Senat. Sollte die Politik nicht Selbstkritik üben statt in blindem Aktionismus sinnvolle Reformen zurückzunehmen?

Dass besonders die großen Hamburger Museen finanziell unzureichend ausgestattet sind, ist überhaupt kein Grund, ihnen die Selbständigkeit zu beschneiden.

Warum aber handelt der Senat so?

Dahinter kann nichts anderes als Machtpolitik stehen.

Kommen wir zu den Auswirkungen der aktuellen Entscheidungen. Wie werden etwa Mäzene und Sponsoren reagieren?

Dass die Museen, vor allem die großen, nun wieder an die Kandare genommen werden, könnte schwerwiegende Auswirkungen haben. Denn die großen Erfolge, die wir bei Sponsoren hatten, waren ja häufig darauf zurückzuführen, daß sie nicht dem Staat Unterstützung zukommen lassen wollten, sondern einer eigenständig handelnden und wirtschaftenden Institution, mit der sie sich dann auch identifizieren konnten.

Mit Neid blickt man in andere deutsche Metropolen. Ist die vielgescholtene Hamburger "Pfeffersackmentalität" einfach nicht tot zu kriegen?

Ich habe gerade eine Ausstellung für Essen gemacht. Die Stadt Essen ist entschieden ärmer als Hamburg. Aber es ist bewundernswert, mit welchem Einsatz sowohl die Unternehmen als auch die Stadt selbst einen grandiosen Neubau für das Museum Folkwang geschaffen, den wunderbaren Altbau saniert haben und nun den dauerhaften Betrieb gewährleisten. Dahinter steht ein Stolz auf die eigenen kulturellen Einrichtungen, um den man eine solche Stadt nur beneiden kann.

Zur Person: Uwe M. Schneede wurde 1939 in Neumünster geboren. Von 1959 bis 1965 studierte er Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Archäologie in Kiel und München. Nach Stationen an Museen und Kunstvereinen in Düsseldorf, Stuttgart und Hamburg war er von 1985 bis 1990 Professor für Kunstgeschichte – Schwerpunkt 20. Jahrhundert – am Kunsthistorischen Seminar der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Von 1991 bis 2006 war Uwe M. Schneede Direktor der Hamburger Kunsthalle. In seine Amtszeit fielen die Eröffnung der Galerie der Gegenwart und die Verselbständigung der Kunsthalle als eigenständige Stiftung.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de

Mehr zum Thema im Internet