Verbotene Kunst - Moskau

Schande für Russland

Ein russisches Gericht hat erstmals einen Kunstexperten verurteilt, weil er mit einer Ausstellung an religiösen Tabus gerüttelt hat. Künstler und Menschenrechtler sehen darin einen Rückschlag für die Demokratisierung Russlands.
"Schande für Russland":"Verbotene Kunst"-Urteil in Moskau

Die angeklagten Kuratoren der Ausstellung "Verbotene Kunst": Andrej Jerofejew (l.) und Juri Samodurow, der ehemalige Direktor des Sacharow-Museums in Moskau

Er zeigte in einer Moskauer Ausstellung Werke mit Micky Maus auf Heiligenbildern – nun muss der russische Kunsthistoriker Andrej Jerofejew 3800 Euro Geldstrafe zahlen. Damit habe der 54-Jährige die religiösen Gefühle von Christen und die Würde des Menschen verletzt, urteilte ein Moskauer Gericht am Montag. Zwar entgingen Jerofejew und der Mitangeklagte Juri Samodurow einer dreijährigen Straflager-Haft, wie sie die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Doch Menschenrechtler und die Kulturszene sind entsetzt über diesen "Angriff auf die Kunstfreiheit" in Russland.

"Wir werden das Urteil anfechten", sagte Jerofejew nach dem Richterspruch. Notfalls wolle er vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg um einen Freispruch kämpfen. Die russisch-orthodoxen Christen, die im Gericht demonstrativ beteten, beschimpften dagegen die beiden Initiatoren der Schau "Verbotene Kunst", die im März 2007 zu sehen war. Sie hatten sich eine deutlich schärfere Strafe gewünscht. Allerdings bestätigte das Gericht, dass die Bilder "psycho-traumatische Leiden" bei den Gläubigen hervorriefen.

Russlands Kulturelite geht das Urteil entschieden zu weit. Es sei eine Zensur wie zu kommunistischen Zeiten in der Sowjetunion. "Es ist fürchterlich für das Land, dass eine Kunstdiskussion nach westlichen Standards weiter unmöglich ist", sagte die Kulturkritikerin Silke Högner-Jerofejewa der Nachrichtenagentur "dpa". Die Frau des international angesehenen Kunsthistorikers Jerofejew reagierte allerdings erleichtert, "dass Andrej nach Abzahlung der Strafe endlich wieder reisen und arbeiten kann".

Die Künstlergruppe "Wojna" setzte im Gericht Kakerlaken aus

Jerofejew selbst hatte den mehr als ein Jahr währenden Prozess gegen ihn immer wieder als "politische Inszenierung" kritisiert. Weil er die künstlerische Auseinandersetzung mit sowjetischer und russischer Symbolik nicht scheut, musste er sich zudem vorwerfen lassen, ein Feind Russlands zu sein. Auch sein Bruder, der in Deutschland viel gelesene Autor Viktor Jerofejew (62, "Russische Apokalypse"), sah sich wiederholt solchen Anfeindungen ausgesetzt.

In der russischen Kunstszene gab es spontane Solidaritätsbekundungen. "Moderne Kunst ist schon vom Wesen
her provokativ. Wer Menschen verfolgt, die sich mit der Entwicklung der Kunst befassen, verhindert auch die ästhetische Entwicklung einer Gesellschaft", sagte der Leiter des Staatlichen Zentrums für zeitgenössische Kunst, Michail Mindlin. Der international tätige Galerist Marat Gelman will die umstrittene Schau sogar wiederholen.

Die Künstlergruppe "Wojna" ("Krieg") setzte im Gericht große Kakerlaken aus – als Protest gegen das Urteil. Von einer "Schande für Russland" sprach der Leiter der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial, Oleg Orlow. Jerofejew hatte wegen seines in Russland umstrittenen Kunstbegriffs bereits seinen Job als Kurator in der berühmten Moskauer Tretjakow-Galerie verloren.

Jerofejew und Samodurow hatten 2007 im Moskauer Sacharow-Museum Werke gezeigt, die staatliche Museen ihren Besuchern lieber vorenthalten, darunter eine Kaviar-Ikone und ein Jesus-Bild auf der Werbung einer Fast-Food-Kette. Menschenrechtler kritisierten nun, dass Kremlchef Dmitri Medwedew seinen westlichen Kollegen stets aufs Neue demokratische Reformen verspreche, ohne dass Taten folgten. Von Grundwerten einer Demokratie wie "Pluralismus und Toleranz" sei Russland immer noch weit entfernt. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erinnerte daran, dass auch die Kunstfreiheit ein Recht auf freie Meinungsäußerung sei. dpa

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