Daniel Richter - Interview

Ich kann nicht jeden Tag erhaben sein!

Zum zweiten Mal entwirft Daniel Richter für die Salzburger Festspiele ein Bühnenbild. Am Samstag ist Premiere von Alban Bergs Oper "Lulu", deren Symbolismus Richter mit modernistischen Stimmungsbildern auffängt. Parallel dazu hat er im Rupertinum und in der Galerie Thaddäus Ropac Einzelausstellungen. Wir sprachen mit dem ebenso launigen wie streitlustigen Künstler (Jahrgang 1962) über die Macht der Oper, romantische Klischees und – natürlich – seinen Abgang aus Hamburg.
"Ich kann nicht jeden Tag erhaben sein!":Richter triumphiert bei den Festspielen

"Ich habe versucht Paranoia und Bedrohung, Menge und Rausch abzubilden": Daniel Richter vor seinem Bühnenbild

Herr Richter, wie nähert man sich als bildender Künstler der Oper "Lulu"?

Daniel Richter: Ich habe in erster Linie versucht, einen Bildraum für die Musik und die Sänger zu schaffen. Mich interessieren die Stationen der "Lulu", also die gesellschaftlichen Räume. Zuerst ist sie das Modell des Malers – das ist für mich natürlich besonders pikant und reizvoll – dann steigt sie von der verbürgerlichten Frau über den großbürgerliche Salon zur ganz großen Gesellschaft auf, und schließlich präsentiert sie London. Lulu geht ja einmal durch die ganz bedeutenden Zentren des damaligen Europas. Die Stimmung der Bilder wird immer düsterer. Ich versuche für ihre behauptete Einsamkeit Bilder zu finden.

Warum behauptete Einsamkeit?

Weil die Interpretation des ganzen "Lulu"-Konfliktes Männer betrifft, die um sie herum sterben, sie unterschiedlich begehren oder lieben. Da halte ich mich allerdings eher heraus, gerade weil es so ein bisschen verquast ist – mit dem ganzen Komplex um Sigmund Freud und Otto Weininger, Alma Mahler und die Femme Fatale.

Wie kommt ein Punk-Fan zur Oper? Das war lange nicht unbedingt Ihr Genre, oder?

Das stimmt nicht! Es gibt vielleicht Musiken, die ich weniger mag. Barock und Mozart sind gar nicht meine Tasse Tee. Es gibt einen optimistischen Schönklang, der sich bei mir nicht verfängt. Ich habe mich aber schon immer für die Oper interessiert, bin ein großer Fan der Klassischen Moderne, also von Strauss, von Webern, Strawinsky, Schönberg und Weil...

Wie ist das Verhältnis zwischen Ihrer Malerei und der Musik?

Für mich besteht der Reiz der Oper darin, dass sie eine komplett konträre Sprache ist und eine ganz andere Organisationsform besitzt. Meine Malerei hat mit Musik nichts zu tun. Ich höre zwar Musik beim Arbeiten, aber ….

Was hören Sie beim Arbeiten?

Ganz banal, einfach alles. Ich höre oft mir bereits vertraute Dinge. Musik beeinflusst mich aber nicht. Das ist immer so ein Irrtum! Ich werde nicht euphorisch, weil ich euphorische Musik höre, sondern ich höre die Musik abgetrennt von dem, was ich mache. Wenn es Phasen gibt, in denen ich wirklich in Ruhe denken und malen muss, dann brauche ich auch dieses sentimentale Gerüst der Musik nicht.

Was aber kann uns "Lulu" heute sagen?

(lacht) Da fragen Sie denn Falschen!

Und nachdem man Ihr Bühnenbild gesehen und die Salzburger Inszenierung erlebt hat?

Ich erwarte von der Musik, wenn ich sie im Opernraum höre, erst einmal nur Intelligenz, Schönheit und Gegenwärtigkeit. Wenn das erreicht ist, ist mir alles andere egal. Ich will, dass die "Lulu" brilliert und die Musik, das Bild, die Story, die Regieführung zusammenwirkt. Ich frage mich nicht ständig, was kann uns Lulu sagen. Keine Ahnung!

Wie führen Sie die Elemente auf der Bühne zusammen?

Ich arbeite mit dem, was ich künstlerische Mittel nennen würde, also Skulptur und Malerei. Ich habe versucht Paranoia und Bedrohung, Menge und Rausch abzubilden. Das größte Bild ist eigentlich eine stilisierte, schwarz-weiße Schneelandschaft mit einem grauen, nach hinten verlaufenden, endlosen Horizont. Die erste Stimmung, also der Prolog mit der Ankündigung der Figuren durch den Tierbändiger, umreißt allerdings einen Zirkus. Wie stellt man aber Zirkus reduziert dar? Am besten mit so einem bunten Steifenvorhang, finde ich. Wenn Sie heute Streifen malen, dann fallen Ihnen früher oder später Agnes Martin oder Bridget Riley ein. Ich zitiere nicht bewusst, aber es lässt sich einfach nicht vermeiden, das sind die Koordinaten. Und dann gibt es diesen Spiegel mit dem psychedelischen Farbklecks in Pink, der ein bisschen so aussieht, als ob Heinz Mack auf Anselm Reyle trifft. Das ist alles!

Haben Sie in Ihrem neuen Malerei-Zyklus in der Galerie Ropac Motive, Themen aus den Bühnenbild ausgekoppelt?

Es gibt bei Ropac ein paar Bilder, die das Thema explizit umkreisen. Darauf sieht man diese wächsernen, eher toten Figuren – ich habe hier ehrlich gesagt an den Symbolisten Félix Vallotton gedacht. Meine Idee war, richtig gestellte, krampfige Bilder zu malen, sodass sie möglichst eng gebaut, kulissenhaft und stilisiert sind. Weil "Lulu" mit Körpern und einer Form von Ahnung von Sexualität zu tun hat, möchte ich zeigen, dass die Sexualität dort eher eine tote Angelegenheit ist, deshalb wirken die Figuren so statuenhaft. Ein Bild trägt den Titel "Stumpfe Giganten". Andere Bilder haben im weitesten Sinne mit Musik, Populärkultur, romantischen Klischees zu tun. "Lulu" war hier nur ein Vorwand für mich, mit leichter Pinselführung durch verschiedene Themen zu mäandern.

Was hat es denn mit dem Meteoriten auf sich, den Sie bei Ropac auf dem Boden platziert haben?

Es ist ein gewissermaßen ein Witz über Marcel Duchamp und alles was um ihn an Schlaumeierei entstanden ist. Natürlich ist dieser Meteorit ein Kunstwerk von mir, obwohl er 1956 aus dem äußeren Saturnring in der sibirischen Wüste einschlug.

Relativieren Sie damit gleichzeitig auch die Malerei?

Bestimmt! Malerei ist eine Membran, also sehr dünn. Wir selber aber können keine zwei Kilometer unter oder über der Erdoberfläche leben. Wir sind absolut verletztliche, dünne Wesen, die in großer Angst leben – zumindest sehr viele von uns. Und dann im Vergleich dazu die Kräfte, die uns hervorgebracht haben! Ich spiele auf die ganze Idee von Endlosigkeit und Transparenz an. Und die Gottesidee, mit der man sich tröstet. Bilder sind halt nicht wirklich endlos. Wir sind gerade mal 30 000 Jahre kulturschaffende Wesen.

Machen Sie sich deshalb neuerdings über den Symbolismus her?

Da besteht natürlich eine Verkettung von Ideen und ein bisschen eine pathetische Übertreibung und Selbstironisierung. Ich finde das mit dem Symbolismus amüsant, ich kann aber auch darüber nachdenken. Es unterhält mich und macht mich auch irgendwie melancholisch. Mehr kann ich von Kunst nicht erwarten. Ich kann nicht jeden Tag erhaben sein.

Macht es Ihnen Probleme, dass Betrachter Ihre Kunst tatsächlich als romantisch einstufen und die Metaebene nicht mitdenken?

Das ist mir egal. Ich bin mir selber nicht über alles im Klaren, will jetzt aber auch kein Mysterium aus meiner Kunst machen. Wenn natürlich ein Betrachter sagt, da befindet sich ein Toaster auf dem Bild, es ist aber ein Torwart zu sehen, dann kann ich natürlich nachweisen, dass der Betrachter sehr schlampig geguckt hat. Wenn es aber um Momente der Interpretation geht, kann ich schwer dagegen an argumentieren.

Haben Sie sich an Ihrem neuen Wohnort in Berlin schon eingelebt?

Berlin ist ein bisschen eine heruntergekommene Gammelstadt. Aber es gefällt mir gut! Ich bin allerdings in den sechs Wochen, seitdem ich offiziell in Berlin lebe, nur zwei Nächte dort gewesen.

War Ihr Abgang von Hamburg nun ein politischer Schritt oder nicht?

Man nimmt gewissermaßen öffentliche Aufgaben wahr. Und dann bleibt auch mir nichts anderes übrig als den Bogen einmal zu überspannen – zumindest rhetorisch. Sehr vernünftig, dass die Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck zurückgetreten ist, auch wenn es persönlich für sie als Mensch bedauernswert sein mag. Aber dann hätte sie halt vier Jahre andere Politik machen sollen…

"The Black Saint and the Sinner Lady"

Termin: bis 17. Oktober, Rupertinum - Museum der Moderne, Salzburg
http://www.museumdermoderne.at/