Peter Sempel - Hamburg

Wir feiern das Chaos

"Kino Extrem" nennt Peter Sempel die Installation seiner Filme im Hamburger Kunstverein. Das Porträt eines Filmbesessenen mit Leidenschaft für Kunstameisen wie Jonathan Meese, Neo Rauch und Nina Hagen.

Nina Hagen trägt das Ave Maria vor, ein Krokodil in Nahaufnahme klappt langsam sein Maul zu, Jonathan Meese malt seine Mutter. Dazu Musik von den Einstürzenden Neubauten, den Goldenen Zitronen, aber auch Schubert und Mozart. Fünf Filme laufen gleichzeitig nebeneinander auf drei Wänden ab, überlappen sich, gehen ineinander über. Überwältigend unübersichtlich wirkt die Installation der Ausstellung "Unterhaltungspark des Underground" im Hamburger Kunstverein. Wie ein Sog zieht sie den Besucher in die laute, ungeschönte Welt des Musikfilmemachers Peter Sempel.

Sempel, der in den Achtzigern mit seinem Film "Dandy" mit und über den Performance-Künstler und Sänger der Einstürzenden Neubauten, Blixa Bargeld, bekannt wurde, nennt seine Installation "Kino Extrem": "Wir feiern das Chaos, die Freiheit, die Musik und die Farben", erklärt der 56-Jährige. Sein neuer Film "Die Ameise der Kunst" hatte gerade Premiere auf den Hamburger Filmfestspielen. Mit eigenwilligem Blick stellt er mehr als 50 Akteure des Kunstbetriebs vor wie unter anderen Jonathan Meese, Neo Rauch oder Harald Falckenberg. Aber auch die Tierwelt in Gestalt von Geiern, Pferden oder Giraffen hat Gastrollen wie in vielen von Sempels Filmen. Die dreistündige Langfassung der "Ameise der Kunst" zeigt er als Teil seiner Installation im Kunstverein neben anderen Werken aus seinem 30-jährigem Schaffen als Drehbuchautor und Regisseur.

Mit Sonnenbrille, in dunkelblauem Jackett und fleckigem Hemd sitzt Sempel im Café des Kunstvereins. "Ich hab schon wieder eine Nacht durchgearbeitet, deshalb die Brille", entschuldigt er sich, doch er trägt sie auf jedem Foto, das man von ihm findet. Vor sich hat er kleine Stapel mit Postkarten ausgebreitet, auf denen Standbilder aus seinen Filmen abgebildet sind: Da blickt Neo Rauch in die Kamera, Nina Hagen streckt die Zunge heraus, Blixa Bargeld übergießt sich vor Kairos Pyramiden mit Wasser aus einer Kaffeekanne. Sempel macht seine Karten selbst, sie haben schiefe Ränder, oft sind die Bilder unscharf, auf der Rückseite steht in Handschrift der Name des Films und der abgebildeten Person. In der Ausstellung im Kunstverein ist seinen fotografischen Arbeiten und Collagen ein eigener Raum gewidmet. Die Karten verteilt der Künstler wie Autogramme und erzählt währenddessen ihre Geschichte: "Eine Anekdote:", beginnt er dann und erinnert sich, wie er Blixa Bargeld nachts um drei in einer Bar kennenlernte, mit Rocko Schamoni plakatieren gegangen ist oder Neo Rauch zum Thema Kunst und Musik interviewte.

Wie passt das alles zusammen, fragt man sich – angefangen bei der Auswahl der Akteure, dem unkonventionellen Mix der Musik, der oft harten Aneinanderreihung der Szenen? "Wenn man denkt", erklärt Sempel, der in Hamburg Literatur und Sport studierte, "dann hat man viele Parallelgedanken, die nebenbei mitlaufen, Gedankenblitze sozusagen. Die will ich filmisch umsetzen." Sempel, der im australischen Outback aufwuchs, weil sein Vater dort als Ingenieur arbeitete, ging, als er mit 16 nach Hamburg zurückkehrte, gern am selben Abend in die Oper und auf Punkkonzerte. Weil er jedoch nirgends Klassik und Punk zusammen hören konnte, kombinierte er die Stile selbst. In seiner ersten Show "Blitze im Eierbecher" knallte er Dias von Reisen zusammen, spielte dazu Opern, Punk und David Bowie. Als er in den Achtzigern begann, seine ersten Filme zu drehen, sagte man ihm: "Studier das doch erstmal, bevor du damit anfängst." Doch Sempel erwiderte: "Dafür hab ich keine Zeit. Ich will die Filme gleich machen!"

So direkt und schnell er seine Projekte beginnt, so geduldig ist er, wenn es mal nicht nach seinem Drehbuch läuft, das ohnehin nur aus einem Spickzettel für den nächsten Tag besteht. Sempel spielt mit dem Zufall, lässt sich auf die Menschen ein, hört zu, wartet auf sie. Einmal dauerte es fünf Stunden, bis Sänger Nick Cave am Set auftauchte. "Da muss man dranbleiben", erklärt der Regisseur. Peter Sempel ist einer, der dranbleibt. Oft traf er zufällig auf die Menschen, die er später porträtieren sollte. Aus den zufälligen Begegnungen entstanden Freundschaften und führten ihn zu neuen Filmen, die tiefe Einblicke in das Schaffen der Porträtierten gewähren, wie zum Beispiel bei dem japanischen Butoh-Tänzer Kazuo Ohno, dem Motörhead Sänger Lemmy Kilmister oder dem litauischen Regisseur Jonas Mekas. Und so ergibt sich die, auf den ersten Blick seltsam erscheinende, Zusammenstellung der Akteure, Musik und Szenen – sich darauf einzulassen, ist eine Herausforderung an das Publikum. "Meine Zuschauer bitte ich um viel Offenheit. Eigentlich ist jeder Film eine Offenheitsübung", denkt Sempel. Und wenn die bestanden ist, kann das Chaos gefeiert werden.

"Unterhaltungspark des Underground"

Termin: bis 10. Oktober im Kunstverein Hamburg
http://www.kunstverein.de/