Universität der Künste - Berlin

Jung, deutsch, männlich und aufstrebend

Studierende der Klasse Sieverding an der Berliner Universität der Künste planen, ein Musterverfahren vor Gericht anzustrengen. Dies gab die Klasse heute via Email bekannt. Nachdem die Universität einigen Studenten bereits die Exmatrikulation androhte, wollen diese nun ihr Recht auf ein ordnungsgemäßes Studium einklagen. Hintergrund ist ein Streit um den auslaufenden Vertrag ihrer Professorin Katharina Sieverding und die damit verbundene Gefährdung des Teilstudiengangs "Visual Cultural Studies".
Verfahren:Studenten ziehen gegen die UdK vor Gericht

Zeichen des Protests: Die Wandarbeit "Kunstwerk" auf dem Rundgang 2010

Rebellion an der Berliner Universität der Künste: "Wir wollen keinen jungen, deutschen, männlichen, aufsteigenden Bildhauer als Gastprofessor." Die Medienklasse Visual Culture Studies, eingerichtet und bis zuletzt betreut von Katharina Sieverding, wehrt sich gegen eine "feindliche Übernahme" durch Björn Dahlem (Jahrgang 1974), einen deutschen Installationskünstler. Sieverdings Vertrag als Gastprofessorin wurde nicht verlängert. Ein offener Brief ging an Presse.

Seit 2006 wurde die Stellenausschreibung zu der Medienprofessur verzögert und zuletzt sogar wieder zurückgezogen. Man kann die Aufregung verstehen, zumal es völlig überflüssig ist, insgesamt elf Absolventen noch in den beiden letzten Semester einen medienfremden Gastprofessor zuzuordnen. Katharina Sieverding hat mehrmals bekundet, dass sie die Klasse trotz Ruhestands bis zur Prüfung weiter übernehmen will: "Ich würde sagen, dass es sich bei diesem ganzen Prozess administrativer Beschlüsse, Aufhebung der Beschlüsse, Neubeschlüsse, Verbote, etc. im nichtöffentlichen Raum um einen Foucaultschen Klassiker handelt." Ein wenig wirkt die abrupte Absetzung der renommierten Gastprofessorin wie eine Bestrafung ihrer politisch aktiven Klasse. Nicht wahrnehmen will man allerdings seitens der Sieverding-Klasse den bereits längst an der UdK in Gang gesetzten Reformkurs, der vielleicht auch alte Klassenverbände zur Auflösung bringt.

Dass ein Strukturwandel an der verkrusteten Institution stattfinden muss, ist unbestritten. Professor Gregor Schneider formuliert es so: "Viel schmerzlicher in der jüngsten Vergangenheit war der Weggang von Stan Douglas, Daniel Richter und Tony Cragg. Dies darf sich nicht wiederholen. Die grundsätzliche Frage ist doch, wie können in Zukunft die deutschen Kunsthochschulen attraktiv bleiben, um renommierten Künstlern das freie Kunstschaffen zusammen mit der freien Lehre auf einem internationalen Niveau wie in der Vergangenheit ermöglichen."

Der Studentenprotest hat seine Wirkung. Die Dekanin Ana Dimke gibt ihre Vogel-Strauß-Politik auf, äußert sich erstmals dezidiert: "Die Darstellung einer kleinen Gruppe von Studierenden findet an keiner Stelle Unterstützung … die Fakultät Bildende Kunst hat seit 2006 einen großen und allseits bemerkten Generationswechsel durchlebt, welcher sie nun unversehens zu einer jungen und sehr beweglichen Akademie mit guter Binnenstruktur gemacht hat." Am 11. November wird innerhalb eines Symposiums den Reformgedanken nachgegangen. Den Sieverding-Studenten ist damit vermutlich nicht geholfen.