Christoph Schlingensief - Gedenkfeier

Achtung, Achtung, hier spricht der Intendant ...

Auf Monitoren flimmerten Ausschnitte von seinen Filmen, es gab Lesungen im Foyer, eine Nazi-Lounge, Afrika- und Bayreuth-Ecken, Philosophie-Talks und Wagner-Lieder, Hakenkreuzkekse und Mozart-Pimmel: Die Gedenkfeier für den im August gestorbenen Allround-Künstler Christoph Schlingensief in der Berliner Volksbühne glich einer lauten WG-Party mit alten Bekannten und selbstgemachtem Kartoffelsalat.
Filmausschnitte, Philosophie-Talks und Kartoffelsalat:Gedenken 3000

"Ich bin der Welt abhanden gekommen": Zum "Gedenken 3 000 für Christoph Schlingensief" in der Berliner Volksbühne gehörte auch ein großes Abendmahl und Lieder von Mahler, Schubert und Wagner

Ihm selbst hätte es sicher gefallen, dieses chaotische, respektlose, dilettantisch-großartige "Gedenken 3 000 für Christoph Schlingensief" in der Berliner Volksbühne. Das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz, an dem sich Mitte der neunziger Jahre Schlingensiefs Karrieresprung vom trashigen Untergrundfilmer zum gefragten Regiestar vollzog, hatte am vergangenen Samstag zu einer etwas anderen Trauerfeier für den im August gestorbenen Allround-Künstler geladen.

Im ganzen Haus, von der Kellerkantine bis zum zweiten Rang unterm Dach, flimmerten Ausschnitte von Schlingensief-Filmen auf Monitoren, es gab Lesungen im Foyer, eine Nazi-Lounge, Afrika- und Bayreuth-Ecken, Philosophie-Talks und Wagner-Lieder, Hakenkreuzkekse und Mozart-Pimmel im Schmuddelkeller. Auf der Hauptbühne lief auf einer Riesenleinwand nonstop ein furioser Zusammenschnitt aus verschiedensten Schlingensief-Projekten: der verrottende Hase im Zeitraffer aus seiner "Parsifal"-Inszenierung, Ausschnitte aus der Island-Odyssee "Animatograph", elegische Bilder von Patti Smith und dem Operndorf in Afrika, dazu aus dem Off immer wieder Schlingensiefs unverwechselbare Stimme, mal hysterisch, mal predigend, mal schluchzend.

Im Sternfoyer im ersten Stock war eine lange Tafel aufgebaut, Speisen und Getränke hatten Freunde und Kollegen, Fans und Weggefährten mitgebracht. Volksbühnen-Intendant Frank Casdorf eröffnete das unheillige Abendmahl mit einer kleinen Comedy-Einlage über Schlingensiefs Oberhausener Gymnasium, in dem wohl ein Gedenkplakette angebracht werden soll. Dann sang eine junge Opernsängerin im roten Kleid Mahlers Lied "Ich bin der Welt abhanden gekommen". Einen Moment lang machte sich tatsächlich Ergriffenheit breit. Dann hallte über Lautsprecher schon wieder Castorfs Kaufhausstimme durch die Gänge: "Achtung, Achtung, hier spricht der Intendant. Bitte beachten sie den laufenden Tierabend im Parkettcafé." Die Stimmung des nächtlichen Gedenkmarathons glich eher einer lauten WG-Party, man labte sich an selbstgemachtem Kartoffelsalat und Supermarktwein, quatschte, traf alte Bekannte und neue Leute.

Unter den Gästen war viel Theater- und Filmprominenz – Claus Peymann, Jürgen Flimm, Matthias Lilienthal, Dani Levy, Irm Hermann, Angela Winkler, Martin Wuttke, Carl Hegemann. Je später der Abend, um so mehr jugendliches Partyvolk tummelte sich auch am Rosa-Luxenburg-Platz. Im Kino Babylon startete um elf Uhr nachts mit "Die 120 Tage von Bottrop" eine große Schlingensief-Retrospektive (6. November bis 16. Januar) mit all seinen Filmen. Weit nach Mitternacht gab es auch noch ein kleines Feuerwerk mit flirrendem Goldregen und knatternden Raketen vor dem Theater – alles illegal natürlich.

Auffallend abwesend war dagegen die bildende Kunstszene. Dabei hätte der Abend doch auch schon als schöner Vorgeschmack auf die Biennale in Venedig im nächsten Jahr gelten können. Schlingensief, der rastlose Film-Performance-Theater-Provokateur wurde ja noch zu Lebzeiten zum Künstler für den Deutschen Pavillon bestimmt, und Kuratorin Susanne Gaensheimer hält nach seinem Tod an diesem Plan fest. Die Direktorin des MMK in Frankfurt war denn auch eine der ganz wenigen Museumsleute, die sich zur Gedenkfeier in der Volksbühne blicken ließen. Die Diskusssion, wie viel Einfluss Schlingensiefs überbordendes, radikal-chaotisches Werk auf die performativen Arbeiten von Künstlerkollegen wie Jonathan Meese, John Bock oder Daniel Richter hatte, wird wohl ein anderes Mal stattfinden müssen. Vielleicht schon nächste Woche in Wien, wo im Showroom von Francesca von Habsburgs Thyssen-Bornemisza Art-Contemporary-Stiftung die Schau "Figura Cuncta Videntis: Das allsehende Auge" eröffnet wird – mit einer großen Arbeit von Christoph Schlingensief.