Julian Lennon - Interview

Wie die Fliege an der Wand

Er macht seit mehr als 25 Jahren Musik und bekam durchaus gute Kritiken. Doch zum Schicksal von Julian Lennon gehört, dass die meisten Leute mit ihm nicht über seine Arbeit, sondern über seinen berühmten Vater sprechen wollen. Der 1963 in erster Ehe von John Lennon geborene Julian, für den Paul McCartney den Song "Hey Jude" schrieb, um ihn über die Trennung seiner Eltern hinwegzutrösten, überraschte in Miami mit einer Fotoausstellung. Sein Vater sei kein Fotograf gewesen, was ihm ein wenig mehr Raum zum Atmen gibt, so Lennon.

art: Sie stellten Ihre zum Teil sehr persönlichen Fotos in diesem Jahr zum ersten Mal in New York und jetzt in Miami im Adrienne Arsht Center for the Performing Arts und auf der Scope-Messe aus. Was hat Sie zu dem großen Auftritt bewogen?

Julian Lennon: Daran ist der Fotograf Timothy White schuld. Wir arbeiteten an PR-Fotos für eine Single, die ich herausbringe, um Stiftungen zur Erforschung von Lupus (eine Autoimmunerkrankung, die Red.) zu unterstützen. Lucy, eine Kindergarten-Freundin von mir, über die damals der Beatles-Song "Lucy in the Sky with Diamonds" geschrieben wurde, starb an Lupus. Als Timothy White Bilder von mir auf meinem Laptop sah, schlug er vor, eine Ausstellung zu organisieren. Ich hielt das Ganze zunächst für einen Witz. Doch dann verbrachten wir sechs Monate, um uns durch die unterschiedlichen Stilrichtungen der Bilder zu arbeiten und ein Thema für "Timeless" zu finden.

Wie viele Jahre fotografieren Sie?

Ich habe schon immer Fotos gemacht. Aber richtig ernsthaft ging es los, als ich meinen Bruder Sean (Lennon) 2007 auf seiner Tournee begleitete. Ich kam mit den Bildern nach Hause, fing zum ersten Mal an, eine Auswahl zu treffen und die Bilder zu bearbeiten – es war der Punkt, an dem ich mich in die Fotografie verliebte. Meine Landschaftsaufnahmen sind malerisch. Sie sehen nicht wie Fotos aus, sondern eher wie Aquarellzeichnungen.

Arbeiten Sie mit der Digitalkamera?

Ja, die Kamera habe ich dieser Tage immer dabei, sie ist mein Partner. Im Idealfall gelingt es mir, die Essenz eines Bildes einzufangen und es dann in das zu verwandeln, was ich wirklich gesehen habe.

Sie haben gesagt, dass Sie die Fotografie so schätzen, weil Sie das Leben sowieso aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

Nun, man kann sagen, dass ich mich in einer recht einzigartigen Position befunden habe. Nehmen Sie meine Fotos, die ich von Sean oder U2 machte. Weil ich sie persönlich kenne und weil ich weiß, wie es sich anfühlt, von Fotografen umgeben zu werden, kann ich eine andere Seite von ihnen einfangen. Ich versuche, wie die Fliege an der Wand zu sein, die alles in Ruhe beobachtet.

Bei der Eröffnung Ihrer Ausstellung in der New Yorker Morrison Hotel Gallery kam es zu einer ungewöhnlichen Familienzusammenführung.

In der Tat, meine Mutter Cynthia war da. Yoko Ono und Sean kamen, um mich zu unterstützen. Weitere Ausstellungen in Stockholm, Monaco, London und Los Angeles sind geplant.

Sie leben zurückgezogen in Italien. Es scheint, als ob Sie sich bewusst von jeglichem Rummel ferngehalten haben.

Für eine Weile habe ich mich ruhig verhalten, jetzt ist es an der Zeit, wieder ein wenig Lärm zu machen. Mein letztes Album bekam gute Kritiken, war aber kein kommerzieller Erfolg. Ich lasse die Musikszene alle zehn Jahre hinter mir, weil die Leute mich wahnsinnig machen und die Branche ungesund für mich ist. Nächstes Jahr kommt mein neues Album "Everything Changes" heraus.

Stimmt es, dass "Photograph Smile" von 1999 die schwierige Beziehung zu Ihrem Vater zum Thema hatte?

All diese Probleme haben sich vor langer Zeit gelöst. Auf dem Album ging es um eine zerbrochene Beziehung, eine Liebe, die verloren ging. Mit meiner Fotografie will ich mich nicht beweisen. Es ist für mich einfach eine neue kreative Ausdrucksform. Ich habe das Gefühl, meine Bilder werden mich letztlich in das Atelier führen. Zu Aquarellfarben oder vielleicht der Bildhauerei. Die Fotografie schließt eine Lücke. Ich fühle mich gerade wie ein Kind in einem Laden voller Süßigkeiten. Dies ist erst der Anfang.

Scope Art Show

Termin: bis 5 Dezember 2010 in der 3055 North Miami Avenue, Miami
http://www.scope-art.com/Index.php/miami/